Am Theaterplatz in Baden wird gebaut. Ein komplett neues Gebäude entsteht und es wird sogar zwei Stöcke höher als das vorherige. Nicht viele wissen, wem diese Liegenschaft gehört. Eigentümer sind die Odd Fellows Baden. Im Gebäude ist unter anderem ihr Vereinslokal untergebracht.

Mit dem Neubau am Theaterplatz möchten die Odd Fellows ein zeitgenössisches Vereinslokal erhalten, dass auch Jüngere anspricht. Der Verein rechnet mit 6,5 Millionen Franken für den Neubau, fertig werden soll er nächsten Frühling. Ein stolzer Betrag für einen Verein. Wie kann man sich das leisten? «Das Grundstück ist schon über hundert Jahre in Besitz der Odd Fellows Baden. Durch die Wertsteigerung kam es zu einem Vermögenszuwachs. Und die Odd Fellows Schweiz haben uns ein Darlehen gegeben. So konnten wir den Bau finanzieren», sagt Herbert Ammann. Er ist für die Kommunikation der Odd Fellows zuständig.

Doch wer sind die Odd Fellows eigentlich und was treibt sie an? Um das zu erklären, muss man zuerst deren Geschichte kennen. Sie beginnt beim Namen: «Odd» bedeutet auf Deutsch so viel wie sonderbar oder überzählig. «Früher waren viele Handwerker in Zünften. Es gab jedoch zum Beispiel Wanderarbeiter, die oft in unterschiedlichen Städten arbeiteten und sich so keiner Zunft anschliessen konnten. Auch sonst fanden sie keinen Anschluss, also haben die sich zusammengetan. Als Odd Fellow, als überzähliger Kamerad sozusagen», sagt Ammann.

Sie unterstützen Hinterbliebene

Ziel dieser Vereinigung war es damals, auf der einen Seite zusammenzusitzen, sich auszutauschen und sich zu bilden. Auf der anderen Seite stand die Solidarität: Wenn einem Odd Fellow etwas passierte, sorgten die anderen Brüder, wie sich die Mitglieder untereinander nennen, für die Angehörigen. «Heute haben wir Sozialversicherungen, die solche Aufgaben übernehmen. Nun rückt die Persönlichkeitsbildung mehr in den Fokus», sagt Ammann. Die Persönlichkeit wird in den sogenannten rituellen Sitzungen gebildet. Die Odd Fellows Baden treffen sich zweimal im Monat. Für die Entwicklung der Persönlichkeit werden Vorträge gehalten und Diskussionen geführt. Die Sitzungen laufen nach einem klar vorgegebenen Protokoll ab. Viele der Punkte, die auch heute noch streng eingehalten werden, haben sich aus alten Traditionen oder Gegebenheiten entwickelt.

So zum Beispiel beginnt die rituelle Sitzung erst, wenn die Türe geschlossen ist. «Die Odd Fellows waren nicht immer angesehen in der Gesellschaft, es gab Zeiten, da wurden sie regelrecht verfolgt. Die Türe hielt man bei der rituellen Sitzung verschlossen und oft sass sogar jemand davor und hielt Wache,» sagt Ammann.

Diese Rituale prägen die Odd Fellows und geben ihnen Struktur. Aber durch sie besteht auch das Risiko, sich festzufahren. «Wir sind zur Zeit daran, uns weiterzuentwickeln, ohne unsere DNA zu verlieren», sagt Ammann.

Jüngstes Mitglied ist 50 Jahre alt

Dieser Versuch der Weiterentwicklung findet nicht ohne Grund statt: Den Odd Fellows in Baden fehlt der Nachwuchs. Das jüngste Mitglied ist rund 50 Jahre alt. Zurzeit haben sie noch 30 Mitglieder, von denen etwa 20 aktiv an den Sitzungen teilnehmen können. Doch ein Odd Fellow zu werden, ist nicht ganz einfach. Es Bedarf Wille und Durchhaltevermögen.

Jedes Neumitglied wird während zweier Jahren geschult. In dieser Zeit werden Eigenschaften gefördert und gestärkt. Dies dank Vorträgen und Schulungen. Ziel ist es, drei Grade zu erreichen: Der erste Grad ist der Grad der Freundschaft. Darauf folgt der Grad der Bruderliebe, dann der Grad der Wahrheit. Erst wer alle drei Grade erreicht hat, ist ein vollwertiges Mitglied und kann Ämter ausüben. Wer ein Amt ausübt, ist ein Beamter. Ein zeitaufwendiges Unterfangen. Ausserdem zahlen die Mitglieder rund 700 Franken Jahresbeitrag.

Über 180'000 Mitglieder

Odd-Fellows-Vereine gibt es überall auf der Welt. Genannt werden sie Logen. In der Schweiz gibt es rund 30, aufgeteilt in Männer- und Frauenlogen. Ist man Teil einer Loge gehört man automatisch zu den Odd Fellows Schweiz und somit zu der weltweiten Dachorganisation «Independent Order of Odd Fellow». Die rituellen Sitzungen laufen in allen Logen weltweit gleich ab. Wer sich dank eines Passworts als Odd Fellow zu erkennen geben kann, erhält auch im Ausland Zutritt in die Loge.

Nach eigenen Angaben haben die Odd Fellows weltweit über 180'000 Mitglieder. Die älteste Loge in der Schweiz ist die Helvetia Loge in Zürich, die zweitälteste ist die Pestalozzi Loge in Baden. Und obwohl es sie bereits schon so lange gibt, ist der Verein sehr unbekannt. Das Unwissen treibt manche zu Spekulationen an.

Urs Maisenhölder, Präsident der Odd Fellows Baden — oder wie man im Odd-Fellow-Jargon sagt: Obermeister —, musste auch schon Missverständnisse aufklären: «Wir sind weder ein Geheimbund noch eine Sekte. Es gibt keine Verschwiegenheitspflicht wie bei den Freimaurern. Wir kennen uns alle und niemand verschweigt seinem Umfeld, dass er ein Odd Fellow ist. Und im Gegensatz zu einer Sekte kann man bei uns auch wieder austreten», sagt er.

Volksinitiative gegen Odd Fellows

Die Odd Fellows standen nicht immer in der Gunst der Regierungen. Als in Deutschland Hitler immer mehr an Macht gewann, wurden Odd Fellows und ähnliche Gruppierungen verboten. Auch in der Schweiz wurden Stimmen laut, die ein Verbot forderten. Ganz in Schweizer Manier wurde eine Volksinitiative lanciert. 1937 stimmte die Schweiz über ein «Verbot der Freimaurerei» ab. Die Initiative wurde abgelehnt. Nicht ohne Stolz in der Stimme sagt Maisenhölder: «Wir sind das einzige Land, in dem sich die Bevölkerung per Abstimmung für die Odd Fellows ausgesprochen haben.»