Wettingen
«Oftmals verhalten sich Behinderte normaler als ‹normale› Menschen»

Robert Schibler (62) leitete 20 Jahre den Bereich Wohnen bei der Stiftung Arwo. Nun blickt auf eine ereignisreiche Zeit zurück

Carla Stampfli
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Robert Schibler im Garten der Arwo. In den 20 Jahren, in denen er für die Stiftung tätig war, hat sich rund um Menschen mit Beeinträchtigungen viel getan.

Robert Schibler im Garten der Arwo. In den 20 Jahren, in denen er für die Stiftung tätig war, hat sich rund um Menschen mit Beeinträchtigungen viel getan.

Mario Heller

Viele nehmen sich in jungen Jahren eine Auszeit, machen einen Sprachaufenthalt oder gehen auf Reisen. Nicht so Robert Schibler. Seit er 16 war, hat er sich nie ein sogenanntes Sabbatical genommen – auch, weil seine Jobs jeweils überlagernd waren. «Im Gegenzug mache ich den Break jetzt, mit 62 Jahren», sagt er mit einem Lachen.

Schibler sitzt am Tisch im Garten der Stiftung für Behinderte Arwo in Wettingen und nippt an einem Glas Wasser. Auf Ende Juli hat er sich vorzeitig pensionieren lassen. Nun, nachdem er während 20 Jahren den Bereich Wohnen geleitet hat, freut er sich auf den neuen Lebensabschnitt. «Aber ich schaue auch sehr gerne zurück», sagt Schibler, der lange Zeit in Fislisbach wohnte und heute in Rüfenach zu Hause ist. Auf eine Zeit, in der sich rund um Menschen mit Beeinträchtigungen viel verändert hat. Nicht direkt im Umgang habe eine Entwicklung stattgefunden, sagt Schibler, vielmehr in der Art und Weise, wie auf einzelne Personen eingegangen werde. «Früher sprach man von einer Wohngruppe, die sich aus Bewohnern zusammensetzt. Heute von Bewohnern, die in einer Wohngruppe leben.» In anderen Worten: Es fand ein Trend zur Individualisierung statt, bei dem das Betreuungspersonal gezielt versucht, Fähigkeiten und Eigenverantwortung Einzelner zu fördern.

Soweit möglich selbstbestimmen

«Mir war schon immer wichtig, dass unsere Bewohner so weit als möglich über ihr Leben selbstbestimmen können», sagt Schibler. Denn behinderte Menschen sollen die gleichen Möglichkeiten haben wie jeder «normale» Mensch auch. Doch was ist schon normal? Für ihn lässt sich das Wort nicht genau definieren: «In vielen Bereichen des Lebens verhalten sich Behinderte normaler als ‹normale› Menschen.» Vor allem, was Flexibilität, Ehrlichkeit und Vertrauen angehe. Schibler nennt etwa das Beispiel, dass langjährige Bewohner immer wieder aufs Neue Vertrauen fassen müssen, wenn das Betreuungspersonal wechselt. «Es ist erstaunlich, wie gut und schnell sie sich an neue Personen gewöhnen. Das sollen ‹normale› Menschen erst einmal nachmachen», sagt Schibler und nennt gleich ein weiteres Beispiel: «Während uns gelehrt wurde, gewisse Dinge nicht beim Namen zu nennen, sagen Behinderte ihre Meinung direkt heraus.» Das sei manchmal sehr entwaffnend und könne das Gegenüber verunsichern. «Das ist sicher mit ein Grund, warum ‹Normale› sich von Behinderten eher distanzieren.» Hinzu komme, dass Menschen mit Beeinträchtigungen schwer einzuschätzen seien, so der ehemalige Arwo-Bereichsleiter.

Eingliederung funktioniert gut

Nichtsdestotrotz: Robert Schibler ist überzeugt, dass sich die Stellung der Behinderten gebessert hat. «Man merkt, dass sie keine Exoten mehr sind.» Das zeige sich anhand der Tatsache, dass sie heute in der Gesellschaft eingegliedert sind. Früher sei der Coiffeur in die Institutionen gekommen und der Einkauf geliefert worden, erklärt er. «Heute ist es genau umgekehrt. Die Bewohner gehen zum Coiffeur und mit dem Betreuungspersonal einkaufen.» Die Eingliederung funktioniere in Wettingen besonders gut, weil die Arwo dezentralisiert sei: Sowohl die neun Wohngemeinschaften als auch die verschiedenen Werkstätten sind weit über das Gemeindegebiet hinaus verteilt. «Das hat den Vorteil, dass unsere Bewohner täglich unterwegs sind und dadurch mit anderen Menschen zu tun haben», sagt er.

Dass sich das Umfeld in den Jahren weiterentwickelte und sich stets neue Aufgaben stellten, war denn auch der Grund, warum er so lange bei der Arwo blieb: «Ich schätzte nicht nur den Kontakt zu den Bewohnern und dem Personal, sondern auch, dass es immer neue Herausforderungen zu meistern galt.» So hat sich die Stiftung von ursprünglich 60 Wohnplätzen auf 115 vergrössert. «Mein Job blieb in all den Jahren immer spannend», sagt Schibler, der zuvor im Sozialdienst der psychiatrischen Klinik in Königsfelden gearbeitet hatte. Ausserdem war er im Durchgangszentrum für Asylsuchende in Aarau und bei der Stiftung für Menschen mit Behinderung Fricktal tätig.

Zweiter Deko-Kurs im November

Dass er sich erst mit 22 Jahren – Schibler ist gelernter Konditor – zum Sozialarbeiter ausbilden liess, hat er nie bereut. «Mein Know-how kam mir beispielsweise in der Küche zugute. Niemand musste mir erklären, wie die Prozesse dort ablaufen», sagt er mit einem Schmunzeln. Und überhaupt: Von Zeit zu Zeit brachte er selbst gemachte Leckereien wie Pralinés oder Kirschstängeli in die Arwo. Auch einen Dekorationskurs für Lebkuchen hat er dem Personal bereits gehalten. «Im November wird es eine Fortsetzung geben», fügt er an.