Eben noch hast du sie mit «ciao Franca» begrüsst. Eben noch hat sie die weisse Terrine mit der Minestrone vor dich hingestellt und vor dein Gegenüber einen Teller Spaghetti. Eben noch hat sie auf die Frage, wie es ihrer Enkelin Chiara gehe, mit einem Seufzer und mit ihrem unverkennbaren Akzent «e – sie pubertiert» geantwortet.

Franca Donelli wurde am 3. Oktober 1935 in der Lombardei geboren. Als der Vater nur 27-jährig starb, zog die Mutter mit ihrem einzigen, damals zweijährigen Kind ans Meer, in ihre Heimatstadt La Spezia. Nach dem Schulabschluss arbeitete Franca zunächst als Stickerin in einem Kloster und später drei Jahre bei einer Schneiderin.

Mit 23 Jahren überredeten Nachbarn sie, mit ihnen in die Schweiz zu kommen. Sie landete in Baden, arbeitete im Café Burger an der Hirschligasse im Service, später als Zimmermädchen im Hotel Blume. Nach einem einjährigen Abstecher als Serviceangestellte im Bahnhofbüffet Chiasso kehrte Franca reumütig nach Baden zurück, servierte acht Jahre lang im Restaurant Grenzstein. 1964 wurde sie Mutter von Caroline, die Franca gemeinsam mit ihrer geliebten Mamma grosszog.

Seit 1971 im Restaurant Kreuzliberg

Als 36-Jährige segelte Franca beruflich in ihren Heimathafen: Am 1. November 1971 trat sie die Stelle im Restaurant Kreuzliberg an. 42 Jahre lang hat sie die Atmosphäre des Lokals wesentlich geprägt. Auch als sie vor 14 Jahren das AHV-Alter erreichte, dachte sie nicht im Traum ans Aufhören. Wir, die Gäste, waren ihre Familie. Sie hat uns umsorgt und uns ihr grosses Herz spüren lassen. Die einen mehr, andere etwas weniger.

Ja, Franca hatte durchaus auch ihre ruppige Seite. Sie liess die Umgebung spüren, wenn ihr etwas nicht in den Kram passte; da konnte ihre Wärme recht ordentlich zum Brodeln werden. Umso wohltuender wars, wenn die Temperatur wieder stimmte. Ihre Italianità war eben die einer typischen Mamma: eine starke Frau mit grossem Herzen, stolz, fröhlich, temperamentvoll, zupackend, energisch.

Und tapfer war sie, biss auf die Zähne, wenn das Lokal voll war und ein schwerer Gichtanfall sie quälte. Manchmal aber liess sie einem ihre Traurigkeit spüren, schluckte die Tränen hinunter. Denn auch Franca war nicht von harten Schicksalsschlägen verschont geblieben. Dass ihre Tochter Caroline psychisch äusserst labil war, bereitete ihr über viele Jahre hinweg grossen Kummer.

Äusserst schmerzlich für Franca war der Verlust ihrer Mutter 1998, ihrer Tochter Caroline 2007 und ihrer Padrona, der Signora Giacomelli, 2010. Geblieben ist ihr der Sonnenschein nicht nur in dunklen Tagen: Carolines Tochter, die heute 15-jährige Chiara, die bei Pflegeeltern im Bernbiet lebt.

Eben noch hast du die stattliche Erscheinung – immer picobello frisiert, geschminkt, gekleidet – mit «ciao Franca» begrüsst. Eben noch hat sie dich mit deinem Namen oder «ciao cara» zurückgegrüsst. Eben noch hat sie auf einem kleinen Block Menü, Vino und Caffè addiert. Eben noch hast du deine Jacke angezogen und «arrivederci Franca» gerufen . . .

Franca fehlt uns jetzt schon. Mit ihrem Tod ist Baden ein grosses Stück grauer, trister, ärmer geworden. Sie, die Italienerin, hat Baden zu ihrer und vielen von uns das «Chrützlibärg» zur zweiten Heimat gemacht. Das war ein grosses Geschenk: Grazie mille, Franca!

Attila Herendi, Baden

Attila Herendi, Baden

«Franca war für mich eine Mischung der beiden Schauspielerinnen Anna Magnani und Sophia Loren. Auf der einen Seite kraftvoll und energisch, auf der anderen Seite aber auch die liebevolle Verführerin. Ich danke Franca, dass es sie gab! An sie werde ich mich immer erinnern!»

Giuseppina Lang, Baden

Giuseppina Lang, Baden

«Für mich war Franca so etwas wie die Mutter der Nation. Franca gehört einfach zum «Chrüzliberg», war sie doch immer dort bei der Arbeit anzutreffen. Unübertroffen war ihre Herzlichkeit. Mit ihrem Tod verliere ich nicht nur eine gute Freundin, sondern ein Familienmitglied.»

Roger Huber, Baden

Roger Huber, Baden

«Ich kenne Franca seit meiner Kindheit, noch heute besuche ich das «Chrüzliberg» mit meiner Familie. Franca war sehr herzlich, konnte den Gästen - wenn ich da an meine eigene Pfadizeit denke - auch den Tarif durchgeben. Franca verkörperte wie keine Zweite die
Italianità.»

Michèele Jeuch, Baden

Michèele Jeuch, Baden

«Bei uns hiess es immer: ‹Wir gehen zu Franca›. Mich hat immer beeindruckt, wie sich Franca nach dem Wohlergehen der ganzen Familie erkundigte, wenn ich zu Gast war. Diese Anteilnahme war immer echt und nie gespielt. Die Herzlichkeit von Franca war unübertroffen.»

Klaus Streif, Baden

Klaus Streif, Baden

Ich bin Stammgast im ‹Chrüzliberg›. Ich musste bei Franca deshalb auch nie bestellen, wenn ich das Restaurant betrat. Unter der Woche gab es immer Menu 3, am Sonntag Menu 4 - und immer ein Bier voraus. Franca war eine sensationelle Gastgeberin; ich werde sie vermissen.»