Baden
«One Of A Million»: Am Tag wird brav gelauscht, am Abend entfesselt getanzt

Ein Spaziergang durch das Wander-Musikfestival «One Of A Million» in Baden, das nicht speziell sein möchte und es eben doch ist.

Daniel Vizentini
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Volle Zuschauerränge im Royal beim Konzert von Jay-Jay Johanson
12 Bilder
Zuschauer im Royal
Yellow Straps
Wand-Projektion beim Festivalzentrum im Merker-Areal
Tom Hickox
Urban Junior
Teen Daze
Sun Glitters
Jeff Beadle
Emily Jane White im Jugendstilsaal des Hotel Blume
Emily Jane White
«One Of A Million» in Baden

Volle Zuschauerränge im Royal beim Konzert von Jay-Jay Johanson

Daniel Vizentini

Seit drei Tagen läuft im kleinen Baden ein Musikfestival, das sich bescheiden als «One Of A Million» – also, als «eines wie eine Million andere» – verkauft. In der Tat gibt es weltweit oder schon nur in der Region zig andere grössere und kleinere Musikfestspiele. Das kulturverwöhnte Baden kennt neben dem Blues-Festival auch mehrtägige Spektakel für Theater oder Animationsfilme – das Figura und das Fantoche.

Mit dem Understatement im Namen «One Of A Million» bekennt sich das Festival gemäss Leiter Nik Fischer zu einem bescheidenen, herzlichen Auftritt. Man wolle auf dem Boden bleiben, ein Boutiquefestival für Entdecker sein – «klein aber fein» eben. Damit schiesst das «One Of A Million» aber ironischerweise über das Ziel hinaus, nur ein kleines, unscheinbares Festival unter vielen zu sein. Das OOAM – wie es die vielen Macher und Helfer des Festivals nennen – ist gerade wegen seiner Philosophie ein Festival, wovon es auf der Welt eher zu wenige gibt. Es ist eine Plattform für kleine, der breiten Masse unbekannte Künstler, von denen die Meisten aus Nordeuropa und Nordamerika stammen. National ist das einzigartig, in Baden sowieso.

Was mit einem Wochenendanlass im Jahr 2011 begonnen hat, präsentiert sich heute als achttägiges Musikspektakel mit 41 Acts in elf Spielstätten. Ein Spaziergang durch die ersten drei Tage OOAM zeigt: Es sind vor allem die klein gehaltenen Konzerte in den Altstadträumen Badens, die das Festival zu einem herzigen wie herzlichem Erlebnis machen. Zu beobachten, wie sich erwachsene Menschen im edlen Hotel Blume ihre Köpfe auf die Balustraden lehnen, die Arme drüber hängen lassen und traumversunken auf den Innenhof des Hotels herabschauen, wo Musiker Jeff Beadle gerade Gitarrenlieder vorspielt, ist einzigartig. Ebenfalls unvergesslich bleibt der Moment, als Sänger Matze Rossi im Gewölbekeller der Cava Bar seine Gitarre vom Verstärker abkoppelt und fortan nur noch akustisch spielt, weil er gesehen hatte, wie eine Mutter ihrem Kind mit den Händen die Ohren zuhielt, um es vor der hohen Lautstärke zu schützen.

Am «One Of A Million» werden die Musiker greifbar und die Erwachsenen Zuhörer werden wieder zu Kinder – das könnte man jedenfalls meinen, wenn man nur die Nachmittagskonzerte in den kleinen Räumen der Badener Altstadt besucht. Abends, wenn die grösseren Acts die Festival-Hauptbühnen in der Druckerei, der Stanzerei und im Royal betreten, ist das OOAM vor allem ein hippes, modernes Festival für Liebhaber sphärischer, detailreicher, sinnlicher und oft elektronischer Musik. Da kommen Hipster wie Elektro-Fans auf ihre Kosten. Einziger Stilbruch bisher war vielleicht der Auftritt des Aarauers Urban Junior, der als Ein-Mann-Band für etwas Anarchie im so dermassen korrekten und gepflegten Festival sorgte. «Ich weiss, das ‹One Of A Million› ist eigentlich bekannt für ruhige Musik», sagte er an seinem Konzert in der Stanzerei. «Als ich aufgewachsen bin, gab es aber nur zwei Musikstile: Eurodance und Heavy Metal. Tut mir leid.» Was danach aus den vielen Instrumenten tönte, die er alle gleichzeitig spielte, war denn auch so etwas wie eine Mischung zwischen Eurodance und Heavy Metal: laut und dreckig halt.