Wettingen
Organist nach Konzert in der Klosterkirche: «Das hat noch nie jemand gewagt»

In einem Experiment wurden an einem Konzert erstmals Orgel und Pauke kombiniert. Bach sei danke, denn die Phantasie dieses Komponisten lädt zum Weiterexperimentieren ein.

Rebecca Knoth
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Pit Gutmann (links) am Löffelklavier spielt zusammen mit Reto Baumann am Marimbafon.Marcel Frizzoni

Pit Gutmann (links) am Löffelklavier spielt zusammen mit Reto Baumann am Marimbafon.Marcel Frizzoni

Die Fantasie als experimentelle Kompositionsform erlaubt vieles und ist eng mit der Improvisation verbunden. Diese Eigenschaften verleiteten den Organisten Stefan Müller zur Idee, Orgelmusik mit Pauken und Klassik mit freiem Spiel zu kombinieren.

Die Fantasie in g-Moll von Johann Sebastian Bach klingt derart dissonant, dass sie fast schon wieder modern wirkt. Reto Baumann verfolgt per Videoanlage das Spiel von Stefan Müller an der Hauptorgel. Dann setzt er ein mit einem kräftigen Paukenschlag.

Hat es das je schon gegeben: Orgel kombiniert mit Perkussionsinstrumenten? «Nein, diese Kombination hat noch nie jemand gewagt», sagt der Organist nach dem Konzert in der Klosterkirche in Wettingen. «Aber die Fantasien von Bach erlauben grosse Stimmführungs- und rhythmische Freiheiten. Das lädt zum Weiterexperimentieren ein.»

Stefan Müller erklärt Interessierten das Claviorganum, das durch Windabschwächung einen Schwebeeffekt erzeugt
5 Bilder
Reto Baumann an den Röhrenglocken (Foto Marcel Frizzoni)
Reto Baumann am Marimbaphon und Stefan Müller am Cambalo (Foto Marcel Frizzoni)
Pit Gutmann am Löffelklavier und Reto Baumann am Marimbaphon (Foto Marcel Frizzoni)
Das Löffelklavier erregt grosses Interesse bei den Zuhörern

Stefan Müller erklärt Interessierten das Claviorganum, das durch Windabschwächung einen Schwebeeffekt erzeugt

AZ

Experimentieren als Seelennahrung

Immer abwechselnd improvisieren die Perkussionisten Pit Gutmann und Reto Baumann auf Pauken und Klangschalen anschliessend an das erste Barockstück. Mit einem Fusspedal modulieren sie Paukenschwingungen und erzeugen so eine Art Heulen.

Was die beiden schaffen, ist mehr ein Klangraum als ein rhythmisches Konstrukt. Die mehrheitlich älteren Zuhörer recken die Hälse, um sehen zu können, wie die teils unbekannten Klangobjekte bespielt werden.

Myrtha Müller findet die ungewohnte Konzertform «interessant». Alle drei Musiker unterrichten an der Kantonsschule Wettingen, was die Zusammenarbeit in Projekten wie diesem erleichtert.

«Ausprobieren und neues Zusammenspiel schaffen ist unsere Seelennahrung», sagt Pit Gutmann. Mit den Fingern reibt er auf angelöteten Löffeln eines Klangbalken und lässt Wassertropfen in eine wacklige Schale fallen.

Unterdessen hat Stefan Müller auf das Claviorganum gewechselt. Er zieht ein Register, das durch Windabschwächung einen Trembaloeffekt erzeugt, die sogenannte «Stimme des Himmels».

Die Fantasie Mella Staris (ein Wortspiel zu Stella Maris, der Bezeichnung des Wettinger Klosters) hat Stefan Müller selbst komponiert. Um dieses Stück um eine zusätzliche Orgelstimme zu bereichern, ist kurzfristig sein Klavierschüler Linus Müller eingesprungen: «Ich hatte erst am Donnerstag die Noten erhalten.»

Was die vier Männer dann spielen, ist keine fassbare Musik, der sich leicht folgen liesse. Verstreute Melodieansätze erzeugen die Assoziation eines heiteren Umherirrens. «Eine Stunde reine Orgelmusik ermüdet mich», so Pit Gutmann. «Aber so können sich Instrumente und Spielarten gegenseitig erfrischen.»