Region Baden

Pflegeheime bleiben auf offenen Rechnungen sitzen

Wer in ein Pflegeheim will, muss heute in der Regel eine Akontozahlung von mehreren tausend Franken leisten.

Wer in ein Pflegeheim will, muss heute in der Regel eine Akontozahlung von mehreren tausend Franken leisten.

Pflegeheime bleiben nach dem Tod von Heimbewohnern immer öfter auf offenen Rechnungen sitzen. Vor 15 Jahren war das noch anders. Doch die Zeiten haben sich geändert. Heime sorgen deshalb bereits vor.

Mit dem Tod ist eben doch nicht alles vorbei. Zum Beispiel, wenn noch offen Rechnungen für Pflegedienstleistungen vorliegen; immer wieder kommt es vor, dass Pflegeheime nach dem Ableben von Heimbewohnern auf offenen Rechnungen sitzen bleiben, weil keine Erben belangt werden können oder diese schlicht nicht zahlen.

Um sich dagegen abzusichern, verlangen Pflegeinstitutionen heute Akontozahlungen. Vorletzte Woche wurde bekannt, dass das kantonale Gesundheitsdepartement Gemeinden und Heime instruiert hat. Demnach sollen Heime künftig maximal 12 000 Franken als Akontozahlung in Rechnung stellen dürfen.

Eine Umfrage des Badener Tagblatts in der Region zeigt, dass nicht beglichene Rechnungen bei den meisten Pflegeinstitutionen ein immer grösser werdendes Problem sind. «In den letzten Jahren hat dieses Phänomen stetig zugenommen», sagt Tom Bättig, Geschäftsleiter der Pro Senio, Bethesda Alterszentren AG, die in Ennetbaden, Wettingen, Würenlos und Nussbaumen Heime führt.

«Vor 15 Jahren war das Problem faktisch inexistent; da war immer jemand von der Familie bereit, für die Kosten einzustehen. Die moralische Verpflichtung nimmt ab», so Bättig. Er sieht aber noch einen weiteren Grund, weshalb immer öfters offene Rechnungen zurückbleiben.

«Wir beherbergen vermehrt Hochbetagte, die immer weniger sozial eingebettet sind.» Ende 2014 sei man auf knapp 50 000 Franken offenen Rechnungen sitzen geblieben. Tönt nicht nach sehr viel, doch Bättig relativiert: «Wenn man das runter rechnet ergibt das 2 Franken pro Bewohner und Tag – also müssten wir streng genommen das Frühstück streichen, wollten wir eine ausgeglichene Rechnung.»

Um das Risiko etwas zu schmälern, verlang Pro Senio eine Akontozahlung von 5000 Franken. Doch nicht nur die nackten Minus-Zahlen schmerzen. Bättig: «Die Inkasso-Bewirtschaftung ist sehr aufwendig.»

Oft fehlt die Zeit für Abklärungen

Auch beim Alterszentrum am Buechberg kennt man das Problem offener Rechnungen. «Doch wir haben dieses noch einigermassen im Griff, indem wir eine Akontozahlung von 5000 Franken verlangen», sagt Zentrumsleiter Thomas Rohrer.

Dadurch, dass die Rechnungen monatlich gestellt werden, erkenne man zudem in der Regel schnell, wenn Heimbewohnerinnen oder Heimbewohner in finanzielle Schwierigkeiten geraten. «Vor dem Eintritt machen wir aber keine Abklärungen über die finanziellen Verhältnisse des künftigen Heimbewohners», hält Thomas Rohrer fest.

Beim Alterszentrum Kehl hat sich die Situation derweil in den letzten Jahren weiter gebessert. «Nebst einer seit ein paar Jahren erhobenen Akontozahlung von 5000 Franken werden die Rechnungen seit dem 1. Januar 2015 im Voraus gestellt», erklärt Geschäftsleiter Ueli Kohler. Ende 2014 betrugen die Ausstände 22 000 Franken. «Anfang Jahr hatten wir leider einige Todesfälle; auf offenen Rechnungen sind wir aber praktisch nicht mehr sitzen geblieben.»

Beim Regionalen Pflegezentrum Baden (RPB) «sind offene Rechnungen ein grosses Thema», bestätigt Nadja Gut. Die stellvertretende RPB-Direktorin führt weiter aus, dass es sich hierbei um ein relativ neues Phänomen handle.

Gut nennt einen der Hauptgründe dafür: «Menschen wollen heute so lange wie möglich in ihren eigenen vier Wänden leben, was auch dem Grundsatz ‹ambulant vor stationär› entspricht und begrüsst wird.» Das habe zur Folge, dass Bewohner beim Heim-Eintritt oft schon in hohem Masse pflegebedürftig sind und die Zeit für umfangreiche Abklärungen jeweils nicht immer reiche.

Auch das RPB versucht, das Risiko nicht beglichener Rechnungen, mit einer Akontozahlung von 6000 Franken zu schmälern. «Zudem werden Rechnungen für den Bereich Wohnen und Betreuung bei uns vorfakturiert», erklärt Gut. Ende 2014 sei das RPB auf einer tiefen sechsstelligen Zahl offener Rechnungen sitzen geblieben.

«BBC-Leute schauten aufs Geld»

Wesentlich entspannter präsentiert sich die Situation beim Alterswohnzentrum Gässliacker in Nussbaumen. «Wir haben fast keine Ausstände zu beklagen», sagt Geschäftsleiter Beat Füglistaler. In den letzten drei Jahren kämen ihm nur gerade zwei Fälle in den Sinn. «Ich vermute, das hängt auch damit zusammen, dass viele ehemalig BBC-Angestellte bei uns leben, die ihr ganzes Leben aufs Geld geschaut haben.» Auch wenn der Kanton künftig Akontozahlungen bis zu 12 0000 Franken zulässt, will Beat Füglistaler diesen Spielraum nicht ausnützen. «Wir halten an unserer Praxis fest und werden weiter eine Akontozahlung von 5000 Franken verlangen.»

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