Die langen, schlanken Finger sind in diesem Prozedere geübt: Sie öffnen das Beutelchen, ergreifen Tabak, verteilen ihn auf einem hauchdünnen Papier, worauf dieses zu einer Zigarette gedreht wird.

Solo für eine Zigarette, schiesst es der nach einem Titel suchenden Journalistin durch den Kopf. Dabei, denkt sie, spielt die Zigarette in Franz Martin Küngs Leben doch gar nicht die Hauptrolle.

Aber sie ist ein Accessoire, mit dem Küng wie ein Dramaturg spielt. Die Zigarette muss nicht, darf aber sein, um zu betonen, zu akzentuieren, zu bekräftigen und zu untermalen.

Und es gibt eine ganze Menge von Erzählenswertem, das mit einem gestischen Schwenker der Hand mit Zigarette gerade so beschwert wird, dass die Zuhörerin nie abdriftet mit ihren Gedanken.

Seit Jahrzehnten an der Kantonsschule Baden

Der Anlass zum Treffen: Franz Martin Küng geht in Pension. Das will man nicht glauben, weil der Pianist und Klavierpädagoge seit Jahrzehnten an der Kantonsschule Baden wirkt und man ihn sich von dort gar nicht wegdenken kann. Die Frage, weshalb das so ist, bringt Küng ins Sinnieren.

Er holt weit aus, schweift ab, um immer wieder dort zu landen, was ihm Kern- und Herzensanliegen ist: Schülerinnen und Schüler neugierig machen auf klassische Musik, sie fordernd-fördernd zu einem nie «mechanischen» Üben anhalten, ihnen die physischen Abläufe beim Spielen erklären sowie die Kunst des Phrasierens nahe bringen – sie «ins Wasser werfen», das aber im Wissen, dass sie «es schaffen können».

All dies ist Franz Martin Küngs Passion. Beschönigt wird dabei nichts, denn der Badener weiss aus eigener Erfahrung: «Talent bedeutet Durchhaltevermögen. 98 Prozent ist Arbeit, 2 Prozent ist Talent.»

Begegnet er einem solchen, rührt ihn das an. «Tief berühren» aber tut ihn ganz anderes. Nämlich? «Wenn ich im Spiel meiner Schüler meine Lehrer höre.»

Zum Beispiel Martha Steiner-von Ziffer (Schülerin des Liszt-Schülers Emil von Sauer), Magda Tagliaferro, Irma Schaichet (Schülerin von Bartók und Busoni) und die Komponistin Nadja Boulanger.

Kommt dann noch Géza Anda als Förderer hinzu, ist eine kleine Verschnaufpause angebracht. Unglaublich schnell wurde Küng – schon als Kind mit Kunst «förmlich überschwemmt» – in eine Musiker-Laufbahn katapultiert, die ihm früh etwa einen gefeierten Auftritt mit dem damals noch nicht weltweit bekannten Dirigenten Riccardo Muti bescherte.

«Das will ich nicht.»

Unzählige Konzerte und Rezitals in Kulturmetropolen wie – um nur einige zu nennen – London, Paris, Wien und Buenos Aires folgten, doch nach Jahren wurde Küng immer klarer: «Das will ich nicht.»

Um eine Schallplatten-Aufnahme bekannt zu machen, vielmehr zu promoten, hätte er beispielsweise in den USA eine wahre Ochsentour mitmachen müssen. Ohne Wehleidigkeit blickt er zurück: «Ich habe gewusst: Das geht nicht.»

Die Hand mit Zigarette macht einen kleinen Schlenker, bevor Küng bewundernd sagt: «Was für mich nicht ging, ging aber für einen Pianisten wie Arthur Rubinstein sehr wohl. Der lebte auf dem Podium.»

Als Schlüsselerlebnis bezeichnet der Badener Pianist ein Konzert in Lissabon. Damals habe er sich gefragt: «Für was mache ich das eigentlich?» «Das» meint eine internationale Konzertkarriere, deren «Verschleisserscheinungen enorm sind».

1981 war eine Kehrtwende angesagt – weg vom hektischen Konzertbetrieb zum überschaubareren Leben als Klavierpädagoge an der Kantonsschule Baden.

Dort gibt Franz Martin Küng sein Wissen seit 1982 an junge Musikerinnen und Musiker weiter; seit 1986 spielen Schülerinnen und Schüler aus seiner Klasse regelmässig am Ende des Schuljahres im Gartensaal der Villa Boveri – wie am vergangenen Montag.

Aus gesundheitlichen Gründen

Ebendort gab der Pianist 2005 auch sein Farewell: den aus gesundheitlichen Gründen erfolgten Rückzug vom Konzertpodium. Bezeichnend, dass damals Robert Schumanns «Dichterliebe» erklang, die Küng als «für mich wichtigsten Liederzyklus» bezeichnet.

Bezeichnend, dass beim Konzert am 1. Juli 2013 wiederum nicht schmerzliche Bewegtheit im Vordergrund stand, sondern Küngs Schüler. Und damit Werke von Komponisten, denen der nun scheidende Pädagoge stets treu war: Bach, Beethoven, Liszt und Rachmaninow.

Resignation, weil nun alles vorbei ist? Keine Spur. Vielmehr Freude über ein «Leben, das ich der Kantonsschule Baden gewidmet habe». Zur Ruhe setzen? «Gott bewahre», sagt Franz Martin Küng dezidiert.

Er möchte nach seiner Pensionierung wieder mit Leidenschaft Bridge spielen, Ivrit erlernen und Russisch vertiefen. Am meisten aber hofft er – diesmal ausserhalb der Schule – «auf gute Schüler», die er möglichst lange begleiten kann. Nach diesen Worten legt Franz Martin Küng die Zigarette sacht beiseite. Sie hat ihren Dienst erfüllt.