Montagsporträt

Pitt Hartmeier lässt die Künstler auf der Bühne tanzen: «Ich finde immer eine Lösung»

Die Ruhe selbst: Pitt Hartmeier im Proberaum im Oederlin-Areal in Rieden.

Die Ruhe selbst: Pitt Hartmeier im Proberaum im Oederlin-Areal in Rieden.

Pitt Hartmeier ist die graue Eminenz, die bei Flamencos en route und Tanz & Kunst Königsfelden sämtliche wichtigen Fäden im Hintergrund zieht.

Pitt Hartmeier brütet wieder einmal über Plänen. Der Künstler Roman Sonderegger will für die neue Produktion von Tanz & Kunst Königsfelden namens «Ikarus stirb oder flieg» riesige Flügelfächer aus Holz in der Klosterkirche schweben lassen. Hartmeier sucht wie immer einen Weg zwischen künstlerischen Vorstellungen und technischer Machbarkeit. Dabei kommt ihm seine pragmatische Art kombiniert mit Flexibilität und einem ungeheuren Ideenreichtum entgegen. Geht nicht, gibt es für ihn praktisch nie.


«Ich finde immer eine Lösung», sagt der 64-Jährige und die Augen hinter seiner randlosen Brille funkeln. Er erinnert sich, wie 2015 die fünf Meter hohe tonnenschwere Stahlkonstruktion von Gillian White für die Aufführung «Sibi.La» in Einzelteilen in den Kirchenraum gehievt und vor Ort zusammengebaut wurde. Und bekundet, dass es alles andere als einfach sei, in einem Museum wie der Klosterkirche Königsfelden bühnentechnisch derart aufwendige Projekte zu realisieren.

Genau solche Herausforderungen machen ihm Spass. Wenn Hartmeier über seine Arbeit erzählt, wird er richtig gesprächig. Bei den Aufführungen steht der Produktionsleiter von Tanz & Kunst Königsfelden und administrative Leiter von Flamencos en route jedoch meist eher schweigsam im Hintergrund und beobachtet das Geschehen. Dabei ist er keineswegs scheu, sondern ruht einfach nur in sich selbst.

Perfekte Aufteilung

Hartmeier braucht keine öffentliche Aufmerksamkeit. Das Rampenlicht überlässt er noch so gerne seiner Partnerin Brigitta Luisa Merki beziehungsweise deren Compagnie und Künstler, die sie auf der Bühne als Choreografin in Szene setzt. «Sie kreiert die Kunst und steht im Mittelpunkt. Ich bin die graue Eminenz, die ermöglicht, dass diese Kunst überhaupt stattfindet. Für uns ist diese Verteilung perfekt», meint Hartmeier und lacht.

Er zieht seit jeher lieber die Fäden im Hintergrund. Dazu gehören auch Buchhaltung und Finanzen für beide Projekte. Der gelernte Kaufmann und Werkzeugmacher ist nicht nur praktisch veranlagt, sondern hat auch ein ausgesprochenes Flair für Zahlen. Bei den Aufführungen in Königsfelden richtet er zudem jeden Abend die Kasse, sorgt dafür, dass das Publikum gut sitzt, die Technik einwandfrei funktioniert. Erst dann kann die Show beginnen.


2004 haben Pitt Hartmeier und Brigitta Luisa Merki geheiratet. Da waren sie schon 30 Jahre ein Paar. Der gebürtige Wettinger übernahm nach acht Jahren Werkzeugbau in der BBC Baden 1982 die administrative Leitung der Theatergruppe Claque im Kornhaus. Als Allrounder war er aber schnell überall involviert: in Bühnenbau, Ton und Technik. Es herrschte Aufbruchsstimmung in den Achtzigern.


Die Kultur in Baden florierte, obwohl es wesentlich weniger Angebote gab als heute. Die freie Theatergruppe Claque machte mit Festspielen und ihren Auftritten an der Badenfahrt von sich Reden. 1986 trennte sich die Urformation. Auch Hartmeier ging. Da hatte seine Partnerin bereits Flamencos en route gegründet. «Wenn ich nicht als Techniker im Kurtheater arbeitete oder die Buchhaltung für einen Privatkunden machte, chauffierte ich die Compagnie in einem 15-Plätzer von einem Tourneeort zum anderen», erinnert er sich.

Die finanziellen Mittel waren anfänglich knapp und die Produktionen noch klein. Hartmeier sprang überall ein, wo es nötig war. Und er riss gerne neue Spielorte auf: «Wir bespielten Turnhallen mit praktisch Nichts als unserem Können und machten aus jedem Auftritt etwas Spezielles.»

Kleinholz hacken, um den Geist zu lüften

Es war ein langer und steiniger Weg bis zu den Auftritten im Kurtheater und im ThiK. Bis zum Support durch das Aargauer Kuratorium und den Tourneen, die Flamencos en route mittlerweile durch die ganze Welt führen. Der Flamenco wurde nicht nur zur Lebensbestimmung von Merki, sondern auch zu seiner. Es ist für ihn selbstverständlich und erfüllend, seine Lebensgefährtin zu unterstützen, wo immer er kann.

Heute lebt das Paar in Oberhofen im Fricktal. Flamencos en route und Tanz & Kunst Königsfelden sind mittlerweile Grossprojekte mit einem Millionenbudget, die Hartmeier vollzeitlich in Anspruch nehmen. «Wir sind rund acht Monate pro Jahr auf Tournee. Zuhause geniessen wir dann einfach die Ruhe», meint der jugendlich wirkende Mittsechziger.

Er gesteht, dass er nach turbulenten Wochen auf Achse auch ganz gerne alleine sei und bisweilen etwas zum Einzelgängertum neige. «Dann hacke ich Kleinholz, um den Geist zu lüften», erzählt er. Sein langjähriges Engagement für die Kultur mit allen Ups und Downs habe ihn eine gewisse Gelassenheit gelehrt und vor allem zur Erkenntnis gebracht: «Es ist absolut nichts in Stein gemeisselt.»


«Ikarus stirb oder flieg»: vom 24. Mai bis 23. Juni 2019 in der Klosterkirche Königsfelden. 

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