Mitten in der grünen Flusslandschaft am Ufer der Limmat ragen monotone Plattenbauten aus Beton-Elementen in den Himmel. Die Grosssiedlung Webermühle brilliert in ihrem ausgebleichten Orange. Sie zeugt von einem Zeitgeist, der längst der Vergangenheit angehört.

Wohnungsnot im Grossraum Zürich ist kein neues Phänomen: Vor 50 Jahren liess das Wirtschaftswachstum der Nachkriegszeit die Bevölkerung explosionsartig anschwellen; die Euphorie des kapitalistischen Marktes dominierte das Tagesgeschehen. Prognosen sprachen von zehn Mio. Einwohner in der Schweiz im Jahre 2010. Ein schlauer Unternehmer witterte seine Chance: Mit vorgefertigten Betonelementen wollte er schneller, dichter und günstiger bauen.

Erste Plattenbauten schossen aus Schweizer Boden: Ernst Göhner errichtete zwischen 1965 und 1980 rund 9000 Wohnungen, grösstenteils im Raum Zürich. Grosszügige Grundrisse und tiefe Mietpreise zogen vor allem Familien des Mittelstandes an, in vielen Siedlungen entstanden Schulen, Läden und Restaurants. «In den Göhner-Siedlungen leben zweimal so viele Menschen wie heute in Baden», sagt der Badener Historiker Fabian Furter. Mit Ausstellungsmacher Patrick Schoeck arbeitet er an einem Forschungsprojekt zu den Göhner-Siedlungen.

Siedlung wird bald renoviert

Die Webermühle ist ein Kind des Booms. Sie ist eine der sieben Grosssiedlungen, die der Generalunternehmer Ernst Göhner errichten liess. Er erwarb das Landstück für nur zehn Millionen Franken von der Gemeinde Neuenhof. Das renommierte Zürcher Büro Steiger Partner Architekten errichtete anstelle einer stillgelegten Weberei rund 400 Wohnungen für 1500 Menschen. Als jedoch die ersten Wohnungen um 1974 bezugsbereit waren, wurde in der Schweiz die Wirtschaftskrise spürbar. Die Ölpreise schellten in die Höhe, die Industriebetriebe gerieten in Geldnot, die Baubranche brach zusammen. So war es von Anfang an schwierig, in der Webermühle Mieter zu finden.

Die Bauarbeiten wurden vorerst eingestellt. Erst im Jahre 1982 wurden die letzten beiden Wohnblöcke fertig gebaut. Die industrielle und normierte Bauweise wurde harsch kritisiert: «Göhner stand für Kapitalismus, für Diskriminierung von Frauen durch Architektur, Technikgläubigkeit, Zersiedlung und Umweltzerstörung», sagt Patrick Schoeck, der selber in einer Göhner-Siedlung aufgewachsen ist.

Die Webermühle hat bis heute einen zwiespältigen Ruf beibehalten. Eine umfassende Sanierung steht der Grosssiedlung nun bevor. Die älteren beiden Wohnblöcke werden noch diesen Sommer komplett renoviert. «Die Webermühle hatte immer mit Schwierigkeiten zu kämpfen», sagt Historiker Fabian Furter. Dennoch: «Die Bewohner leben gerne hier.»

Ausstellung und Buch zum Thema

In der leeren Wohnung Nummer 134 ist in diesen Tagen die Ausstellung «Göhner Wohnen» der Kuratoren Furter und Schoeck zu sehen. Sie leuchtet die Plattenbauprojekte des Grossunternehmers aus und ist in Zusammenarbeit mit dem Departement für Geschichte und Theorie der Architektur der ETH Zürich entstanden. Eingebettet in den historischen Kontext der 60er- und 70er-Jahre öffnet sie Tor und Tür zur damaligen Lebenswelt, zu den Bedürfnissen und Wünschen der Bewohner.

Die Ausstellung ist gespickt mit Zeitzeugeninterviews, Projektbeiträgen von Architekturstudenten sowie Bildern aus Werbeprospekten. Eine fotografische Betrachtung der Göhner-Siedlungen rundet die Ausstellung in authentischer Kulisse ab. Ein Buch zum Thema erscheint im nächsten Jahr; die Wanderausstellung wird dann im Historischen Museum Baden logieren.