Prozess

Plötzlich zog sich das Mädchen zurück: Weil der Nachbar es missbrauchte?

Das Mädchen sagte, sie habe beim Nachbarn die Hose und die Unterhose ausziehen müssen und er habe ihre «Muli» gekitzelt. (Symbolbild)

Das Mädchen sagte, sie habe beim Nachbarn die Hose und die Unterhose ausziehen müssen und er habe ihre «Muli» gekitzelt. (Symbolbild)

Weil ein zirka 45-jähriger Mann ein 5-jähriges Nachbarsmädchen missbraucht haben soll, stand er vor dem Strafgericht in Baden. Der Mann stritt alles ab – doch nebst den Aussagen gab es weitere Indizien, die gegen ihn sprachen.

Immer sei es dunkel gewesen im Wohnzimmer, die Fensterläden geschlossen. Dann habe sie die Hose und die Unterhose ausziehen müssen und er habe ihre «Muli» gekitzelt, manchmal auch gedrückt, sodass es wehgetan habe. Das Mädchen, das diese Erlebnisse bei seiner Einvernahme geschildert hat, war zum Zeitpunkt der Vorfälle 5 Jahre alt, der Beschuldigte, ihr Nachbar, 40 Jahre älter, selber Vater eines Jungen.

Der Missbrauchsfall, den das Strafgericht Baden diese Woche zu entscheiden hatte, war heikel. Ausser Täter und Opfer gibt es keine Zeugen oder sonstige Beweismittel. Aussage stand gegen Aussage. Die Vorfälle liegen drei Jahre zurück; der mutmassliche Täter, ein Mann mit Kurzhaarschnitt, in weissem Hemd, hellblauen Jeans und sauberen, weissen Turnschuhen, stritt noch in der Gerichtsverhandlung alles ab; das Kind und dessen Eltern waren bei derselben nicht anwesend. Die Mutter wollte zwar teilnehmen, erlitt aber einen Nervenzusammenbruch und befindet sich in einer Klinik.

Das Mädchen hatte ihn gern

Ob es nicht eigenartig sei, dass ein 5-jähriges Mädchen einen älteren Mann von sich aus immer wieder besuche, wollten die Richter vom Angeklagten wissen. Dieser erklärte, dass das Mädchen anfänglich mit seiner Stieftochter gespielt habe. Später, als die Exfrau und ihre Tochter ausgezogen waren, seien noch die Spielsachen da gewesen. Fakt ist: Das Mädchen hatte seinen Nachbarn gern und wollte ihn zuerst nicht beschuldigen. Das geht aus mehreren Einvernahmen des Kindes hervor.

Welche Motive denn die Eltern haben könnten, dass sie ihr Kind zu solchen Lügen bewegen würden, wollten die Richter wissen. Da blicke er selber nicht ganz durch, er vermute, die Eltern wollten ihn mithilfe des Kindes abzocken, sie hätten noch Schulden bei ihm. Später zeichnet er ein Bild von alkoholtrinkenden Eltern, die ihr Kind vernachlässigten und sich ständig stritten. Das Kind sei immer wieder alleine im Dorf unterwegs gewesen. Dass das Kind ein schwieriges Umfeld hatte, wurde zwar zur Kenntnis genommen. Doch letztlich überzeugte es die Richter nicht.

Ein Bericht der Kindergartenlehrerin, den sie kurz nach den Vorfällen 2012 verfasst hatte, besagt, das Kind sei immer aufgeschlossen, offen und fröhlich gewesen bis zu dieser Zeit. Jetzt aber habe sich das Mädchen zurückgezogen, habe angefangen, sich einzunässen, klage über Schmerzen im Intimbereich. Oft liege es zugedeckt auf dem Sofa. Selbst den anderen Kindern sei die Veränderung aufgefallen. Der Bericht war nicht unumstritten, weil er auch besagt, dass der Zustand des Kindes sich erst nach der Anzeige gegen den Nachbarn verschlechterte.

298 pornografische Fotos

Doch dann sind da noch die Fotos, die die Polizei bei der Hausdurchsuchung gefunden hatte. Zwischen 298 pornografischen Fotos auf einer externen Harddisc fanden die Ermittler drei Fotos mit Kinderpornografie. Darauf angesprochen sagt der Beschuldigte, er wisse nicht, wie die Fotos auf die externe HD gekommen seien. Er habe diese auf dem Flohmarkt gekauft, zudem hätten seine Freunde die HD auch benutzt.

Den Plädoyers des Staatsanwalts und der Anwältin der Familie hörte der Angeklagte gebannt und regungslos zu: Sein Blick fixierte den Referenten, kein Kopfnicken, kein Fusswippen, überhaupt schien er kaum zu atmen.

Seine Anwältin plädierte auf nicht schuldig. Das Kind sei unglaubwürdig, dessen Aussagen unglaubhaft. Es widerspreche sich, wie die Videoaufnahmen von den Einvernahmen zeigten.

Nach ihrer Beratung kamen die Richter zum Schluss, dass die Aussagen des Kindes im Kern konstant und stimmig seien. Dass sich ein fünfjähriges Kind nicht an jedes Detail erinnere und einordnen könne, sei normal. Zudem könnte ein Kind in diesem Alter ein derartiges Lügengebilde nicht aufrechterhalten, geschweige denn dem Druck standhalten.

Dem Verurteilten wurde zugutegehalten, dass er keine Gewalt angewendet hatte und dass er das Kind nicht gezwungen habe, ihn auch zu berühren. Das Gericht hat den Beschuldigten im Sinne der Anklage zu 18 Monaten bedingter Freiheitsstrafe mit zwei Jahren Probezeit und einer Geldstrafe von 1500 Franken verurteilt. Zudem muss er der Familie 3000 Franken Genugtuung zahlen. Die externe Harddisc wird eingezogen.

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