Bezirksgericht Baden
Polizeikontrolle eskaliert: Vorbestrafter 25-Jähriger wehrt sich mit Fingerbiss – Richter ist gnädig

Ein 25-Jähriger hatte bei einer Polizeikontrolle einen «totalen Blackout» – der Badener Richter war gnädig mit ihm.

Rosmarie Mehlin
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Handschellen Verhaftung (2)

Handschellen Verhaftung (2)

Keystone

Augenscheinlich kam Tarik (Name geändert) direkt von der Büez an die Verhandlung vor Einzelrichter Peter ­Rüegg. In der Tasche der schmutzigen Handwerkerhose steckte ein Doppelmeter, unter der neongrünen Stoffmaske lugte haariger Wildwuchs hervor. Im Gepäck hatte der in der Schweiz geborene Kosovare eine Vorstrafe: Im Dezember 2018 war Tarik wegen Drogen- sowie Verkehrsdelikten zu einer Geldstrafe von 2700 Franken, bedingt auf zwei Jahre, verurteilt worden.

So schwebte über dem 25-Jährigen auch das Damoklesschwert eines Widerrufs. Erneut musste Tarik sich nun wegen Drogen- und Verkehrsdelikte verantworten. Diesmal allerdings gesellten sich mit einfacher Körperverletzung sowie Gewalt und Drohung gegen Behörden und Beamte schwerwiegendere Beschuldigungen dazu. Geschehen war es Anfang Dezember letzten Jahres. Gegen 18.45 Uhr hatten zwei Regionalpolizisten auf Patrouillenfahrt Tarik auf einem Elektro-Zweirad gekreuzt.

Da Tarik dem einen Beamten bekannt war, wurde er kontrolliert. Einen Ausweis konnte er nicht vorweisen, übergab aber einen Minigrip mit Marihuana. Die Aufforderung der Beamten, seine Taschen zu leeren, konterte er mit: «Mach es selber Bulle.» Tarik wurde zunehmend renitent, die Situation eskalierte.

Polizisten setzen Pfefferspray und Handschellen ein

Als Strafkläger schilderte das Opfer, Regionalpolizei-Wachtmeister W., wie sein Kollege und er versucht hatten, Tarik zu durchsuchen und ihm – zufolge heftigen Widerstands – Handschellen anzulegen. Anschaulich erklärte der Beamte dem Richter, wie die in der Anklageschrift aufgeführten «Escort-, Kopf- und Nasen-Griffe» gehandhabt werden. Als Polizist W. zu guter Letzt den Nasen-­Griff anwandte, biss Tarik dem Beamten durch die dünnen Hygiene-Handschuhe in den kleinen Finger und liess erst los, nachdem W. mit der anderen Hand seinen Pfefferspray greifen und anwenden konnte. Tarik lag nun in Handschellen auf dem Boden. Die Beamten stellten fest, dass das Zweirad – eine Art Elektro-Mofa – frisiert und nicht haftpflichtversichert war, keine Kontrollschilder hatte, Tarik keinen Helm trug und keinen Fahrausweis besass.

Einen Tag lang musste der 25-Jährige in U-Haft schmoren. Fünf Monate später hatte der Staatsanwalt seine Forderungen formuliert: Zusammen mit dem Widerruf sollte Tarik zu einer unbedingten Geldstrafe von 16200 Franken (abzüglich 90 Franken für einen Tag U-Haft) und 800 Franken Busse bestraft werden. W., der wegen des Bisses zwei Nachtdienste krankgeschrieben war, eine Woche Antibiotika schlucken musste und die Narbe am Finger bisweilen immer noch spürt, forderte 1000 Franken Genugtuung. Tarik versicherte mehrfach, er habe beim Biss einen «totalen Blackout» gehabt. «Sonst hätte ich das nie und nimmer gemacht.» Es tue ihm wahnsinnig leid. Bei der Urteilseröffnung hielt Richter Rüegg fest, dass der Staatsanwalt zum Zweirad keine sauberen Belege vorgelegt hatte. Rüegg sprach Tarik nach dem Grundsatz «in dubio pro reo» von den Verkehrsdelikten frei, ausser vom Vorwurf des Lenkens eines «nicht betriebssicheren Fahrzeugs», weil das Mofa frisiert war.

Rüegg verurteilte den 25-Jährigen zu einer Geldstrafe von 7020 Franken (U-Haft abgezogen), bedingt auf 4 Jahre und 800 Franken Busse. Beim Widerruf verlängerte der Richter die Probezeit um ein Jahr. «Wir stellen Tarik eine eher günstige Prognose, er hat sich entschuldigt und inzwischen seine Lehre abgeschlossen.» Dem Biss-Opfer muss Tarik 500 Franken Genugtuung bezahlen.

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