Seit Anfang Jahr ist das neue Energiegesetz in Kraft, welches das Schweizer Stimmvolk letztes Jahr an der Urne angenommen hat. Gemäss diesem sollen bis ins Jahr 2020 4,4 Terawattstunden aus erneuerbarer Energie bestehen. Und auch die Stadt Baden hat seit diesem Jahr ein neues Energiekonzept, das der Einwohnerrat letztes Jahr gutgeheissen hat. Jährlich werden dafür 280'000 Franken aufgewendet. Eines der Ziele: Produkte und Dienstleistungen, die mit erneuerbaren Energiequellen oder mit treibhausgasarmen Prozessen bereitgestellt werden, sollen besonders beachtet und von der Stadtverwaltung gefördert werden.

Die Bandbreite der Massnahmen reicht von der Installation von Photovoltaikanlagen auf hierfür geeigneten städtischen Bauten, effizienteren gebäudetechnischen Anlagen, Sanierungen, Elektroautos für den Fahrzeugpark über ökologisch vorbildliches Verhalten der städtischen Verwaltung bis zur Förderung desselben bei Privaten.

2500 Quadratmeter pro Jahr

Doch was in der Theorie gut tönt, gestaltet sich in der Realität weit komplizierter. Professor Hubert Kirrmann aus Dättwil moniert: «Gemäss ihrem eigenen Energiekonzept plant die Stadt Baden, jedes Jahr etwa 2500 Quadratmeter Solarmodule neu auf den Dächern der Stadt zu installieren. Damit könnte die Sonne bis 2026 etwa 2,5 Prozent des jährlichen Stromverbrauchs von Baden decken.» Doch das sei nicht einmal ein Drittel des Ziels des Energiegesetzes. «Zum Vergleich: Heute ist in Baden lediglich eine Fläche von 3500 Quadratmetern mit Photovoltaikanlagen bestückt», so Kirrmann.

Der Bau dieser 2500 Quadratmeter Solarmodule würde pro Jahr 650'000 Franken kosten. «Die Stadt hat aber kein Geld dafür. Umso wichtiger wäre es, Private zu animieren, damit dieses Ziel erreicht werden kann, doch das ist nicht der Fall», so Kirrmann. Dass es gleichwohl möglich sei, auf privater Initiative solche Projekte zu realisieren, habe man auf knapp 30 Wohnungen im Rüteli, Dättwil, bewiesen. Die Hausbewohner beziehen ihren Strom nicht mehr direkt vom Netz, sondern von der Photovoltaik auf dem Dach. Etwa die Hälfte des Stromes wird im Haus verbraucht, die andere Hälfte wird ins Netz eingespeist. «Damit ist Dättwil eine Vorreiterin in der Umsetzung der Eigenverbrauchsgemeinschaften gemäss dem neuen Energiegesetz», so Kirrmann nicht ohne Stolz. «Natürlich ist so eine Anlage mit Investitionen verbunden. Doch die Anlage zahlt sich nach rund elf Jahren zurück durch Verbrauch und Einspeisung; hinzu komme noch eine einmalige Vergütung von Swissgrid.»

Kirrmann kritisiert grundsätzlich, es würden seitens Stadt zu wenig Anreize für Private geschaffen, um in Solaranlagen zu investieren. Auch fühle sich niemand wirklich zuständig. Doch nicht nur seitens Stadt gebe es wenige bis keine Anreize, in Solarstrom zu investieren. «Der Gipfel ist, dass der Liegenschaftsbesitzer den selber produzierten Strom noch versteuern muss; das kann es doch nicht sein.» So habe Kirrmann seinen Jahresertrag von rund 3300 Franken als Einkommen versteuern müssen. «Dadurch verlängert sich die Abschreibung um sieben Jahre: Der einzige Nutzniesser ist der Steuervogt.» Kirrmann findet, Steuern dürften erst ab dem Moment anfallen, ab dem die Anlage zurückbezahlt sei und man mit dem Stromproduzieren ein Geschäft mache.

Kostenlose Beratung bis 1000 Fr.

Martin Sennhauser, Leiter der Energiefachstelle bei der Regionalwerke AG (RWB; im Besitz der Stadt Baden), hält dagegen: «Ich halte die Ziele durchaus für realistisch. Zusätzlich zu den privaten Bauherren ist es die Regionalwerke AG Baden selbst, die jedes Jahr rund 300'000 Franken in neue Solaranlagen investiert. Diese jährliche Investitionssumme sei möglich, da ein Grossteil der RWB-Kunden sogenannten «AQUAE»-Strom beziehe, für den sie etwas mehr als für den herkömmlichen Strom zahlen.

«Damit sich der Bau von Solaranlagen für uns lohnt, sind wir auf Hausdächer  – vorzugsweise Flachdächer – ab rund 200 Quadratmeter angewiesen», sagt Sennhauser. Die Stadt Baden hat kürzlich gemeinsam mit der RWB rund zehn Eigentümer mit potenziellen Dächern angeschrieben; der Rücklauf sei sehr erfreulich ausgefallen. «Wichtig ist auch, dass für das infrage kommende Dach in den nächsten 20 Jahren keine Sanierungen zu erwarten sind, denn nur dann lohnt sich eine solch grosse Investition», so Sennhauser. Auch auf städtischen Gebäuden seien Solaranlagen erstellt worden. So etwa auf dem Parkhaus Gartenstrasse oder dem neuen Schulhaus in Rütihof. «Doch die RWB hat auch potenzielle Standorte und Dächer ausserhalb des Stadtgebiets auf dem Radar. So erstellen wir demnächst auf der Halle von Frischgemüse Wildi in Birmenstorf eine Anlage von 200 kW Leistung.»

Dass Private bei einer möglichen Realisierung von Solaranlagen keine Unterstützung erhielten, verneint Sennhauser: «Wir bieten zusammen mit der Stadt für Badener Einwohner kostenlose Energieberatungen bis zur Höhe von 1000 Franken an.» Zudem unterstütze der Kanton Private mit Energieberatungsprodukten, die auch durch die Berater der Energiefachstelle der Regionalwerke erbracht werden können. «Und die Stiftung KEV unterstützt den Bau von Photovoltaikanlagen mit der sogenannten Einmalvergütung.»

Während es also bei der RWB noch Unterstützung gibt, sieht die Situation auf städtischer Seite schlechter aus. Stadtammann Markus Schneider bestätigt auf Anfrage: «Ja, die Stelle des Energiekoordinators ist derzeit bei der Stadt nicht besetzt. Und es ist noch offen, ob diese überhaupt – wegen des Sparauftrages – wieder besetzt wird.»