Baden

Professor Hohl: «Vom Baby-Shoppingcenter sind wir weit entfernt»

Frauenarzt Michael Hohl: «Künstliche Befruchtungen sind für die Gesellschaft auch heute noch ein Tabuthema.»

Frauenarzt Michael Hohl: «Künstliche Befruchtungen sind für die Gesellschaft auch heute noch ein Tabuthema.»

Das Kinderwunschzentrum zieht Mitte 2014 in den Täfernhof: Professor Michael Hohl über Kinderwünsche und die Jungfrau Maria: «Wenn ich meine Chirurgen-Hände nicht mehr gebrauchen dürfte, wäre das, als ob man einem Violinisten die Geige nimmt.»

Herr Hohl wie viele Babys haben Sie gezeugt?

Michael Hohl: (Lacht und rechnet): Privat waren es zwei Töchter. Und als Arzt habe ich um die 5000 Babys auf die Welt geholt. Aber nicht bei allen hat das Kinderwunschzentrum ‹nachgeholfen›.

Haben Sie noch Kontakt zu all den Eltern?

Nein, die meisten wollen keinen Kontakt mehr, weil künstliche Befruchtungen sehr privat und ein heikles Thema sind. Für die Gesellschaft ist es auch heute noch ein Tabuthema.

Hier in der Kinderwunschabteilung hängen auch nirgends Babyfotos, wie man das aus anderen Frauenkliniken kennt.

Das hat einen guten Grund: Für Paare, die darum kämpfen, ein Kind zu bekommen, sind solche Fotos extrem belastend und frustrierend.

Bei wie vielen Paaren klappt es denn am Ende?

Das ist sehr schwer zu sagen und hängt vom Problem des Paares ab. Wir sind aber heute so weit, dass wir beispielsweise bei einer künstlichen Befruchtung ausserhalb des Körpers eine 40-prozentige Erfolgsquote haben. Grundsätzlich sind wir bei den meisten Paaren erfolgreich.

Wie viel Geduld müssen die Paare mitbringen?

Der Prozess, bis es zu einer Schwangerschaft kommt, kann sich bis zu einem oder zwei Jahren hinziehen. Zu uns kommen vor allem jene Paare, die auch schon Misserfolge erleben mussten und es nochmals versuchen wollen.

Wie unterstützen Sie Paare in einer solchen Situation?

Wir bieten natürlich psychologische Hilfe an. Auch Akupunktur und Yoga helfen, um den Frauen den Stress zu nehmen. Jede Frau und jedes Paar geht mit dem Stress anders um. Es gibt auch solche, die das gar nicht brauchen.

Würden Sie einer 50- oder 60-jährigen Frau noch zu einem Baby verhelfen?

Als Mediziner stehen für mich die Gesundheit von Mutter und Kind im Zentrum. Da liegt die Schmerzgrenze bei 45 Jahren. Sollte eine Schwangerschaft medizinisch unbedenklich sein, könnte man darüber reden. Aber eine solche Befruchtung wäre nur mit einer Eizellenspende möglich, was in der Schweiz immer noch verboten ist.

Sie sagen «noch verboten». Würden Sie die Eizellenspende im Kinderwunschzentrum anbieten, wenn sie legal wäre?

Wenn ich medizinisch dahinterstehen kann, dann ja. In der Schweiz gibt es aber auch ein Gesetz, das besagt, die Eltern müssen statistisch gesehen die Volljährigkeit ihrer Kinder noch erleben können. Generell muss man sich bewusst sein, dass sich die Lebensläufe der Frauen verändert haben. Heute machen sie Karriere und bekommen dann Kinder, warum sollten wir ihnen die Chance auf eine Mutterschaft nicht geben?

Aber bei einer Eizellenspende wäre das Kind genetisch gar nicht mit der werdenden Mutter verwandt, warum also nicht adoptieren?

Es wäre verfehlt, das leibliche Kind rein auf die Genetik zu reduzieren. Eine werdende Mutter liebt ihr Kind genauso, wenn es fremde Gene hat, weil es vom ersten Moment an in ihr heranwächst.

Wenn die Gene keine Rolle spielen, kann ich mir dann im Kinderwunschzentrum ein Mädchen mit blauen Augen und schwarzen Haaren wünschen?

Das ist naiv und entspricht höchstens unserer heutigen Shoppingmentalität: Man geht hin und wählt aus. Vom Baby-Shoppingcenter ist die Medizin noch weit entfernt und das wäre für mich ethisch nicht vertretbar. Allerdings macht die Medizin unweigerlich Fortschritte und die Gesellschaft in 20, 30 Jahren wird über die ethische Vertretbarkeit sprechen müssen. Wichtig ist es, dass diese Diskussion in einem offenen Klima geführt wird.

Was ist mit dem Wunsch nach einem Jungen oder Mädchen?

In der Schweiz ist das verboten, weil es zu einem Ungleichgewicht führen kann. In Indien oder China sieht man, welche Probleme so ein Ungleichgewicht auslöst. Deshalb bin ich persönlich auch gegen diese Selektion.

Inzwischen lassen sich beim Fötus unzählige Erbkrankheiten feststellen, werden im Kinderwunschzentrum fehlerhafte Föten getötet?

Passen Sie auf mit Ihrer Wortwahl. «Töten» hat einen Beigeschmack, als würde man jemanden mit dem Messer erstechen. Wir lassen einfach nicht zu, dass sich solche Föten entwickeln können.

Einverstanden, aber ein Fötus ist ein menschliches Wesen, das sich nicht wehren kann.

Wissenschaftlich betrachtet ist ein Fötus ab dann ein menschliches Wesen, wenn Hirnaktivitäten einsetzen. Das ist in der zwölften Woche der Fall. Für mich ist das eine akzeptable Grenze.

Dann werden Sie am 9. Februar die private Abtreibungsfinanzierung ablehnen?

Ja, denn man verhindert keine einzige Abtreibung, nur weil die Kosten nicht mehr von der Grundversicherung übernommen werden. Man vergrössert höchstens das Leid jener Frauen, die ohnehin schon in einer schwierigen Situation sind. Meine Aufgabe als Mediziner ist es, der notleidenden Person zu helfen.

Sie scheinen an den Hippokratischen Eid der Ärzte mehr zu glauben als an die Jungfräulichkeit der Jungfrau Maria.

Interessant (lacht). Sie sprechen den Glauben an. Ich neige dazu, solche Fragen wissenschaftlich zu betrachten. Als Mediziner sage ich, das ist nicht möglich.

Sie sind jetzt 67 Jahre alt und eigentlich pensioniert. Weshalb jetzt noch mit dem ganzen Kinderwunschzentrum weiterziehen?

So weit ist es ja bis zum Täfernhof nicht. Aber am neuen Ort werden wir wesentlich mehr Platz haben, vor allem für die Privatsphäre der Paare. Und technologisch gehören wir dann zu den führenden Kinderwunschzentren der Schweiz.

Und persönlich?

Persönlich fühle ich mich immer noch topfit. Und wenn ich von heute auf morgen meine Chirurgen-Hände nicht mehr gebrauchen dürfte, wäre das, als ob man einem Violinisten die Geige nimmt.

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