Baden
Provokatives Revival sorgt für gemischte Gefühle

«Jesus Christ Superstar» wurde vom Theater Konstanz im Kurtheater als das letzte Abendmahl mit Pizza und Rotwein aus der Flasche aufgeführt

Ursula Burgherr
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Jesus Christ Superstar wird im Kurtheater aufgeführt

Jesus Christ Superstar wird im Kurtheater aufgeführt

Theater Konstanz/Bjørn Jansen

Kurz vor Weihnachten bringt das Kurtheater Baden wieder ein Musical auf die Bühne, diesmal «Jesus Christ Superstar». Das Theater Konstanz zeigt eine ultramoderne und bildgewaltige Version der Rockoper, die beim Publikum gemischte Gefühle hinterlässt.

Heutzutage wird alles «vermusicalt». Von Elvis über die Titanic bis zu Shrek. Hängen bleiben allerdings nur die grossen Klassiker. «Jesus Christ Superstar». von Tim Rice, zu dem Andrew Lloyd Webber die Musik komponierte, feierte 1971 in New York seine Uraufführung und flimmerte zwei Jahre als Spielfilm über die Kinoleinwände der Welt. Seither wurde die Passionsgeschichte in unzähligen Versionen gespielt. Das Theater Konstanz kam mit seiner Darstellung der biblischen Geschichte unter der Regie von Ingo Putz auf die Bühne des Badener Kurtheaters. Sie feierte erst vor zwei Wochen Premiere.

Arlen Konietz gibt im weissen Sweater und Jeans den Jesus, Ingo Biermann agiert geschniegelt in einem schwarzen Anzug als Verräter Judas, und die rothaarige Laura Lippmann katapultiert Maria Magdalena im T-Shirt-Kleid mit schwarzen Schnürboots ins 21. Jahrhundert. Die Songs werden originalgetreu in englischer Sprache dargebracht und grandios von Live-Orchester und einem speziell engagierten Musicalchor unterstützt. Es ist wagemutig, Lieder wie «I don’t know how to love him» zu interpretieren, die sich in jedermanns Ohr eingenistet haben. Die Schauspieler des Theaters Konstanz erweisen sich als akzeptable Sänger und meistern die elegischen, opernhaft hochstilisierten Songs nicht exzellent aber durchweg gut.

Sparsam, aber brillant und ultramodern in Szene gesetzt werden die Botschaften des Musicalstoffs über Freundschaft, Verrat, Ruhm und Fall eines Idols, Verehrung und Hass, Mut und Verzweiflung. Jünger Simon, ein eifriger Fürsprecher Jesu, mischt sich als moderner Wanderprediger unter das Publikum und schüttelt Hände. Die Pharisäer beobachten den Jesus-Hype oben vom Metallgerüst aus, während die Anhänger Transparente hochhalten. «Kein Mensch ist illegal» ist darauf zu lesen, was mitten in die aktuelle Immigrationsproblematik führt. Judas rappt, singt und schreit seinen Verrat bei der Tempelwache und erschiesst sich letztlich mit einer Pistole. Jesus wird von Polizisten mit Schutzschildern verhaftet und dem dekadenten Herodes vorgeführt. Als dieser seinen pinkfarbigen Bademantel auszieht und im goldenen String Tanga vor Gespielinnen in Reizwäsche tanzt, wird es manchen Zuschauerinnen und Zuschauer «too much». Viele schütteln verständnislos die Köpfe. Andere geraten in Partystimmung und jubeln. Das letzte Abendmahl mit den zwölf Aposteln – darunter Frauen und Männer aller Nationalitäten - findet auf der Bühne bei Pizza und Rotwein aus der Flasche statt. Zum Schluss wird der Messias unter höhnischem Gelächter blutüberströmt ans neonbelichtete Kreuz genagelt. Betroffene Stille breitet sich aus.

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