Richter, Gerichtsschreiberin, Staatsanwalt, Verteidiger – alle sassen sie bereit. Bereit, um den Prozess gegen einen Asylsuchenden aus Äthiopien zu beginnen. Doch der Beschuldigte war nicht da. Nach einer stündigen Pause stand fest: Der Prozess muss verschoben werden.

Der 23-Jährige, der sich seit der Messerattacke vom August 2016 in Untersuchungshaft und seit Januar im vorzeitigen Strafvollzug befindet, konnte nicht mehr rechtzeitig zum Bezirksgericht Baden gebracht werden.

Auf Mittwoch war nun der zweite Prozesstag angesetzt. Und dies vorweg: Der Beschuldigte wurde pünktlich zum Verhandlungsbeginn von zwei Polizisten in den Gerichtssaal begleitet. Die Staatsanwaltschaft wirft dem jungen Mann versuchte vorsätzliche Tötung vor, weil er im August des letzten Jahres einen anderen Asylsuchenden in der unterirdischen Unterkunft in Baden mit einem Messer schwer verletzt hat.

«Kleine Ursache, grosse Wirkung»

Zur Auseinandersetzung kommt es nach dem Einkauf. Ein Somalier bringt an jenem Augustnachmittag die Lebensmittel in die unterirdische Asylunterkunft, die er für sich und einen Mitbewohner gekauft hat. Die beiden geraten aneinander. Es geht ums Geld. Ein dritter Mann – der Beschuldigte – mischt sich ein. Die Diskussion wird derart hitzig, dass andere Bewohner die Kontrahenten trennen müssen.

Doch kurz darauf treffen der Äthiopier und der Somalier in der Küche erneut aufeinander. Die Situation eskaliert: Der Äthiopier sticht mit einem Rüstmesser mindestens zweimal von oben herab auf den Hals- und Schulterbereich seines Kontrahenten ein. Der Täter setzt sich nach dem Messerangriff auf das Sofa im Aufenthaltsraum, wo er kurz darauf von der Polizei verhaftet wird. Widerstandslos.

«Es ist einzig dem Zufall und der raschen medizinischen Hilfeleistung zu verdanken, dass der Geschädigte nicht an diesen teilweise lebensgefährlichen Verletzungen verstarb», schreibt die Staatsanwaltschaft in der Anklageschrift. Weil sich die Unterkunft in der geschützten Operationsstelle unterhalb des Kantonsspitals Baden befand, konnte das Opfer rasch behandelt werden. Beantragt ist eine Freiheitsstrafe von sechs Jahren.

«Kleine Ursache, grosse Wirkung», sagte der Staatsanwalt zu Beginn seines Plädoyers. Ein Streit zwischen jungen Männern sei eskaliert – «über weniger als zwei Franken». Die Aussagen des Beschuldigten, wonach er vom Opfer geschlagen worden sei, tat er als Schutzbehauptungen ab. Vielmehr habe er sich mit dem Messerangriff für die im Streit gefallenen Beleidigungen rächen wollen. Vor Gericht wies der Staatsanwalt auf widersprüchliche Aussagen des Beschuldigten hin, etwa in Bezug auf den Ort, an dem er das Messer gefunden hat.

Opfer verfolgt Prozess über Video

Der Beschuldigte gab kurze Antworten, verwies bei der Befragung durch den Gerichtspräsidenten Daniel Peyer mehrmals auf seine früheren Aussagen. Bei einer Einvernahme hatte er gesagt: «Ich war wütend. Wenn ich von innen her glücklich gewesen wäre, hätte ich das nie gemacht.» Vor Gericht sprach er sein Bedauern über den Messerangriff aus. «Ich wünschte mir, ich könnte die Tat rückgängig machen», liess er von der Dolmetscherin übersetzen und entschuldigte sich bei seinem Opfer, das den Prozess über eine Videoübertragung im Nebenraum verfolgte.

Für einige kurze Fragen tauschten die beiden Männer die Plätze, damit der Richter den Geschädigten über seinen Gesundheitszustand befragen konnte. «Mir geht es gut», antwortete dieser auf die entsprechende Frage von Gerichtspräsident Daniel Peyer. Von den schweren Verletzungen habe er sich wieder erholt.

Der Verteidiger sagte, sein Mandant habe sich von seinem Kontrahenten bedroht gefühlt und aus einem Reflex heraus gehandelt. Er habe nie beabsichtigt, sein Opfer zu töten. Deshalb könne auch nicht von versuchter vorsätzlicher Tötung ausgegangen werden; sein Mandant sei wegen einfacher Körperverletzung zu maximal sechs Monaten Freiheitsstrafe zu verurteilen.

Offene Fragen

Das Gericht kam zu einem anderen Schluss, wertete den Messerangriff als eventualvorsätzliche versuchte Tötung und verurteilte den Beschuldigten zu fünf Jahren Freiheitsstrafe. In der Urteilsbegründung räumte Gerichtspräsident Peyer ein, dass gewisse Fragen offengeblieben sind – etwa jene nach der Stelle, von welcher der Täter das Messer aufgehoben hat.

Anders als die Staatsanwaltschaft stellte das Obergericht keinen direkten Vorsatz fest, schenkte aber ebenfalls der Aussage des Beschuldigten keinen Glauben, wonach dem Angriff ein Faustschlag des Opfers vorausgegangen sein soll. «Der Anlass für die Tat erscheint uns verhältnismässig nichtig», sagte Peyer und erinnerte nochmals daran, dass der Vorfall leicht auch tragischer hätte enden können: «Einem Zufall ist es zu verdanken, dass das Opfer nicht zu Tode gekommen ist.»