Analyse
Psychologe über Geri Müllers Rückkehr: «Das war kein Herzentscheid»

Es ist eine spezielle Situation: Der Stadtrat will Geri Müllers Rücktritt. Er selber will am Montag sein Amt wieder aufnehmen. Zwei Psychologen versuchen zu erklären, was in Müller zurzeit vor sich geht und was ihn zur Rückkehr bewogen hat.

Aline Wüst
Drucken
Teilen
Geri Müller kehrt zurück ins Amt des Badener Stadtammanns - hier bei seiner Aufsehen erregenden Pressekonferenz in Zürich Mitte August war das noch nicht klar.

Geri Müller kehrt zurück ins Amt des Badener Stadtammanns - hier bei seiner Aufsehen erregenden Pressekonferenz in Zürich Mitte August war das noch nicht klar.

Keystone

Es ist eine spezielle Situation: Der Stadtrat will, dass Geri Müller zurücktritt. Müller selber will am Montag sein Amt wieder aufnehmen. Zwei Psychologen versuchen zu erklären, was in Geri Müller zurzeit vor sich gehen könnte und was ihn wohl zu diesem Schritt bewogen hat.

Peter Michalik, Psychologe.

Peter Michalik, Psychologe.

Für den Aarauer Beziehungscoach Peter Michalik gibt es zwei mögliche Erklärungen dafür, dass Müller sich über die Rücktrittsforderung seiner Stadtratskollegen hinwegsetzt. Einerseits könne es eine Verdrängungsstrategie sein, im Stil von: «Ich mache jetzt weiter, egal was passiert ist.» Oder aber es sei eine offensive Rolle, mit der Müller zeigen wolle, dass er zwar im privaten Bereich Fehltritte begangen hat, dies aber nichts mit seinen beruflichen Fähigkeiten zu tun hat. Dies im Stil von: «Ich mache meinen Job gut und werde euch das beweisen, auch wenn das Vertrauen momentan gebrochen ist.»

Ist ein Mensch in Bedrängnis, reagiere er im Reflex grob gesagt entweder mit Totstellen, Weglaufen oder Angreifen. Michalik sagt: «Geri Müller prescht vor und geht in die Offensive.» Aus psychologischer Sicht sei es für einen Menschen besser, die Flucht nach vorne anzutreten. Denn eine Situation werde tendenziell schwieriger, wenn man sich ihr entziehe.

Das zerbrochene Vertrauensverhältnis zum Stadtrat und den Wählern wieder zu kitten sei schwer, aber nicht unmöglich. Michalik vermutete, dass es am Schwierigsten sein dürfte, die Beziehung zur Sekretärin zu retten. «Solche Kommentare aus dritter Hand zu erfahren das ist schon sehr, sehr verletzend.»

Psychologe Thomas Spielmann: Ob sich Geri Müller mit seinen Sekretärinnen aussprechen kann, hänge davon ab, wie er als Chef aufgetreten sei.

Psychologe Thomas Spielmann: Ob sich Geri Müller mit seinen Sekretärinnen aussprechen kann, hänge davon ab, wie er als Chef aufgetreten sei.

Screenshot Tele M1

Für den Psychologen Thomas Spielmann hingegen ist klar, dass es Geri Müller gelungen ist, seinen kühlen Kopf wieder einzuschalten. In der Zeit, die zwischen Pressekonferenz und seiner Medienmitteilung am Dienstag verstrichen ist, habe er sich mit Sicherheit viele Gedanken darüber gemacht, wie es mit seinem Leben weitergehen solle. «Der Entscheid im Amt zu bleiben, war kein Herzentscheid.» Würde Müller nach seinem Herz entscheiden, da ist Spielmann sicher, würde er lieber wieder in der Psychiatrie arbeiten oder sich für ein Hilfswerk einsetzen.

Doch Müller habe erkannt, welche enormen Konsequenzen es für den Rechtsstaat Schweiz hätte, wenn er zurücktreten würde. Spielmann sagt: «Geri Müller würde so billigen, dass im Privatleben von Leuten gestochert werden kann, um sie zu eliminieren.»

Spielmann glaubt aber nicht, dass es Geri Müller nach dem Entscheid, im Amt zu bleiben, besser geht. «Ich denke jedoch, dass er leistungsfähig ist, den Durchblick und die nötige Distanz hat, um über der Sache zu stehen.»

Aktuelle Nachrichten