Baden
Pubertärer Taifun: Der Kultroman «Tschick» auf der Bühne des Kurtheaters

Im «jungen theater basel» spielen blutjunge, theaterverrückte Menschen. Ihre Inszenierungen sind immer sehenswert. Im Kurtheater Baden stellten die Basler «Tschick» nach dem gleichnamigen Kulturoman von Wolfgang Herrndorf vor.

Elisabeth Feller
Drucken
Teilen

ZVG

Ein hochgeschossener Jugendlicher steht vor einem Turm aus Pneus. Maik heisst der Gymischüler, der vieles erzählt. Plötzlich hält er inne, weil er merkt: Keiner im Publikum weiss, von was er spricht.

An diesem Punkt setzt in der Bühnenversion von Wolfgang Herrndorfs Kultroman «Tschick» die Handlung mit den Hauptprotagonisten Maik und Tschick ein. Sie gleicht mit ihren Themen Freundschaft, Liebe, Sexualität, Minderwertigkeitskomplexe, Sucht, Einsamkeit und Aussenseitertum einem pubertären Taifun.

Die Handlung wird zunächst aus Maiks Perspektive erzählt und beginnt auf der Polizeistation, die das Ende einer gemeinsamen Reise mit Tschick erzählt. Das Hochdeutsch des Autors hat das Ensemble des «jungen theaters basel» ins Schweizerdeutsche übertragen. Das Resultat ist, salopp gesagt, sackstark: Diese Mundart ist träf, ab und an vulgär, aber auch zart, kurz: authentisch.

Authentisch ist auch die Inszenierung von Suna Gürler, die Herrndorfs Roman kongenial umsetzt in einem mit Dutzenden Pneus bestückten, minimalistischen Bühnenraum von Ursula Leuenberger. Vorne, an der Rampe, stehen Flaschen, die für Wasser schlechthin – See oder Gartenpool – stehen.

Am Abgrund balancieren

Weshalb Pneus? Ganz einfach: Weil sich mit ihnen eine Vielzahl von Schauplätzen und Szenen formen lässt: Strasse, Müllhalde, Berggipfel, See und Pool. Sie bestimmen ein Stück, in dem äusserlich wie innerlich viel passiert. Maik und Tschick lernen sich richtig kennen und schliessen Freundschaft. Etwas, was die beiden Aussenseiter bis anhin nie gekannt haben.

Maiks Mutter ist Alkoholikerin; Tschick, eigentlich Andrej Tschichatschow, ist ein Spätaussiedler aus Russland. Beide verbindet vorerst nur eines: die fehlende Einladung zum Geburtstag der Klassenschönheit Tatjana. Als Tschick mit einem geklauten Auto bei Maik aufkreuzt, beginnt ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang, das die burschikos-schräge Isa für kurze Zeit als Farbtupfer bereichert.

Was auch immer passiert, eines ist klar: Diese jungen Menschen balancieren stets am Abgrund. Höhenflug und Absturz liegen beängstigend nahe beieinander. Genau dies setzen die drei blutjungen Schauspieler phänomenal um: Marco Jenni (Tschick), Julius Schröder (Maik) und Sina Keller (Isa).

Sie rennen; ja fliegen über die Bühne; sie klettern in Windeseile auf Pneutürme oder verbergen sich darin; sie klatschen die Reifen wutentbrannt in die Ecken; sie hechten über aufgeschichtete Pneus – und verfügen bei allem Tempo und aller Akrobatik noch über genügend Luft, um eine wunderbare Geschichte wunderbar zu erzählen.