«Von unseren 300 Banken werden noch 50 bis 100 durch Zusammenschlüsse wegfallen», sagte Pierin Vincenz, der abtretende Vorsitzende der Geschäftsleitung Raiffeisen Schweiz in St. Gallen, am 3. Juli im Interview mit der «Schweiz am Sonntag».

In den Bezirken Baden, Brugg und Zurzach bieten neun Raiffeisenbanken den Kunden ihre Dienstleistungen an. Die Aargauer Zeitung hat mit den Leitern der Banken über deren Situation und Absichten gesprochen.

Zusammenarbeit statt Fusion

Die Raiffeisenbanken, als Selbsthilfeorganisationen vor allem auf dem Land gegründet, hatten früher klar definierte Geschäftskreise. Diese bestanden meist aus einer oder mehreren Gemeinden und dazwischen lagen Raiffeisen-freie Gebiete.

Durch Ausdehnungen und Fusionen haben sich die Geschäftskreise verändert. So hatte die einstige Raiffeisenbank Wettingen ihren Geschäftskreis auf Baden ausgedehnt. Da die Fusionen nicht nach Wirtschaftsräumen erfolgten, entstanden teils stark ineinander verschachtelte Gebilde, und die Grenzen der Geschäftskreise gelten auch nicht mehr so absolut.

Federico Hürsch, Leiter der Raiffeisenbank Lägern-Baregg rechnet nicht mit Fusionen in der Region. Er kann sich vorstellen, dass die Geschäftskreise neu definiert werden: «Dazu muss man bereit sein, nicht nur Gebiete zu übernehmen, sondern auch abzugeben.» Für Hürsch wäre auch eine neue noch zu definierende Zusammenarbeit denkbar: «Es muss nicht immer eine Fusion sein.»

Der Campus ist ein Segen

«Der Raum Brugg/Windisch ist eine prosperierende Region, davon profitieren wir», sagt Bankleiter Heinz Jäggi, Leiter der Raiffeisenbank Wasserschloss. Die Region profitiert vom Campus der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW).

Die Bank mit Sitz in Gebenstorf hat dieser Entwicklung mit Filialen in Brugg und Windisch und der Namensänderung in Raiffeisenbank Wasserschloss Rechnung getragen. Eine Fusion sieht Jäggi momentan nicht. Veränderungen werde es aber geben: «Wir werden noch stärker zur Beraterbank, die Kunden werden ihre Transaktionen vermehrt selber ausführen.»

Die grösste im Aargau

«Das Thema Fusion hat für uns momentan keine Relevanz», sagt Daniel With, Leiter der Raiffeisenbank Rohrdorferberg-Fislisbach. Eine Aussage, die er aus einer Position der Stärke hinaus machen kann: «Wir sind die grösste Raiffeisenbank im Aargau», sagt er und verweist auf die neuesten Zahlen von Raiffeisen Schweiz (Tabelle). Die Bank will im bestehenden Marktgebiet zulegen. «Das ist uns im ersten Halbjahr 2015 deutlich gelungen.»

Ob die geltenden Marktgebiete aber noch richtig seien, müsse diskutiert werden. With geht davon aus, dass es früher oder später wieder Bewegung in die Bankenlandschaft kommen wird: «Die Fusionen dürften eher durch die Vorgaben des Regulators, also der eidgenössischen Finanzmarktaufsicht, ausgelöst werden.» Diese stelle immer grössere Anforderungen.

Um sie zu erfüllen brauche eine Bank eine gewisse Grösse. Dies sei auch nötig, um als attraktiver Arbeitgeber zu gelten. «Das wird immer wichtiger, denn auf dem Arbeitsmarkt herrscht ein Kampf um die Talente.»

Über alle Varianten nachdenken

Hanspeter Lüthi, Leiter der Raiffeisenbank Siggenthal-Würenlingen ist überzeugt: «Es wird zu Zusammenschlüssen kommen.» Wirtschaftliche Gründe dafür sieht er aber nicht. Die Region sei in den letzten Jahren überdurchschnittlich gewachsen und mit ihr die Banken.

Diese verfügten, auch im Vergleich mit anderen Raiffeisenbanken, über eine sehr gute Eigenkapitalbasis. Eine Grossfusion im Bezirk Baden sei eher unwahrscheinlich, denn dadurch würde eine Raiffeisenbank mit einer Bilanzsumme von 6 Milliarden Franken entstehen. «Da stellt sich die Frage, ob das noch der Idee Raiffeisen entspricht?» Trotzdem plädiert er dafür, über alle Varianten nachzudenken.

«Die Raiffeisenbank Aare-Reuss hat keinen Fusionsbedarf», sagt Bankleiter Patrick Weber. Die Bank erfülle alle Kriterien von Raiffeisen Schweiz. Und schliesslich: «Wir sind eine unabhängige Genossenschaft, letztlich entscheiden also die Genossenschafter.» Mit ihren vier Geschäftsstellen sei die Bank gut vertreten.

Ihr Geschäftskreis reicht von Mellingen über Wildegg und das Eigenamt bis ins Schenkenbergertal. «Für uns ist das ein attraktives Gebiet, vor allem Mellingen und Wildegg entwickeln sich stark.» Etwas ruhiger sei es dagegen im Schenkenbergertal. Als Positiv erwähnt er die hohe Mitarbeitertreue: «Unsere Kunden kennen ihre Ansprechpartner, das ist ein grosser Vorteil.»

«Zum Thema Fusion ist in der Region nichts Konkretes angedacht», sagt Patrick Binkert, Leiter der Raiffeisenbank Würenlos. Alle Aussagen dazu wären reine Spekulationen.

Das Geschäftsgebiet der Raiffeisenbank Würenlos besteht aus den Gemeinden Killwangen, Neuenhof, Spreitenbach und Würenlos sowie dem unteren Furttal im Kanton Zürich. Das obere Furttal gehört zum Gebiet der Raiffeisenbank Züri-Unterland, die ihren Sitz in Bülach hat.

Wichtig ist die Bank in der Nähe

«Bei uns ist momentan nichts in dieser Richtung vorgesehen», antwortet Willi Vogt, Leiter der Raiffeisenbank Aare-Rhein in Leuggern auf die Fusionsfrage. Die Grundidee von Pierin Vincenz findet er «nicht ungeschickt». Denn: «Für die Kunden ist die Nähe zur Geschäftsstelle wichtiger als die Frage nach der Anzahl der Raiffeisenbanken.»

«Alle Banken der Region liegen über der kritischen Grösse, es besteht kein Fusionsdruck», sagt Daniel Schläpfer, Leiter der Raiffeisenbank Böttstein. Die Banken seien bei der Bevölkerung verankert. Die verstärkte Bautätigkeit im Einzugsgebiet seiner Bank wirke sich zudem positiv aus: «Die Nachfrage nach Immobilien ist gut.»

«Die Banken der Region sind kerngesund, haben eine gute Ertragskraft und tragen keine Risiken», stellt Christoph Häfliger, Leiter der Raiffeisenbank Surbtal-Wehntal fest. Deshalb bestehe kein Druck zu Fusionen: «Es ist auch nichts in dieser Richtung geplant.» Die Bank ist die einzige der neun Raiffeisenbanken, die im Kanton Zürich, in Schöfflisdorf, eine Geschäftsstelle betreibt.