Familien-Interviews
Rainer Huber: «Ich habe nie das Handtuch geworfen»

Gespräch mit dem Bruder: Rainer Huber über die Abwahl aus der Kantonsregierung und die SVP in der Verantwortung.

Roman Huber
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Die Vergangenheit hat sie eingeholt: Hier in Baden, im Ländlischulhaus, drückten Interviewer und Interviewpartner vor Jahrzehnten die Schulbank. Jahre später standen sie am Lehrerpult wie schon ihr Vater. Während Rainer bald in die Politik ging, wechselte der Bruder in den Journalismus. Eine Konstellation, die politische Gegner zu Angriffen unter die Gürtellinie veranlasste. Doch darüber können heute beide nur lachen.

Du siehst erholter aus als während deiner Amtszeit als Regierungsrat.

Rainer Huber: Ich habe mich in der Funktion als Regierungsrat sehr wohl gefühlt und fühle mich mit den heutigen Aufgaben ebenso wohl. Der Unterschied liegt im geringeren Mass an Fremdbestimmt-Sein in der Agenda und an der kleineren Verantwortung. Zudem setze ich mich bei meinen heutigen Aufgaben fast ausschliesslich mit sachlichen Argumenten auseinander. Diese Punkte lassen es einem besser gehen.

Wie hat sich dein Alltag verändert?

Einerseits bin ich freier in der zeitlichen Gestaltung, anderseits muss ich mich um mehr Details selber kümmern. Ich arbeite mehr daheim in meinem Büro in Nussbaumen. Ich bin elektronisch besser vernetzt und bleibe somit auch in den Ferien enger an der Arbeit – was Vor- und Nachteile hat. Ich nehme mir während des Tages mehr Freiräume, benötige weniger Anzüge und Krawatten. Ich kann es lockerer nehmen.

Vermisst du die Öffentlichkeit, das Bad in der Menge nicht?

Rund 24 Jahre stand ich in politischer Führungsfunktion und lange auch beruflich in der Öffentlichkeit. Ich habe das so genannte Bad in der Öffentlichkeit nie gesucht und vermisse es somit auch nicht. Das Bad im Themalbad Baden oder in Bad Zurzach bedeutet mir mehr. Viele Auftritte bleiben rückblickend als wunderschöne Erinnerungen. Ich geniesse heute eine andere Öffentlichkeit. Wenn ich von Leuten auf meine frühere Tätigkeit angesprochen werde, realisiere ich, dass das Volk die Regierungsarbeit wahrnimmt und nachträglich sehr schätzt. Diese Öffentlichkeit ist intimer, ehrlicher.

Politik bringt einem auch Freunde. Welche sind dir geblieben?

Freund ist ein sehr weiter, offener Begriff. Aus allen meinen beruflichen Lebensphasen gibt es Personen, die mir sehr wichtig sind. Diese Kontakte pflege ich, wenn auch sparsam. Ich spüre, dass ich viel Zeit brauche, die Intensität der letzten mehr als zwanzig Berufsjahre zu verarbeiten, besonders die acht Regierungsjahre. Wobei diese Verarbeitung für mich eine sehr positive Sache ist.

Du hast auch Privilegien verloren. Zum Beispiel morgens von der Staatskarosse abgeholt zu werden.

Da denke ich in erster Linie an die Freundlichkeit und Leistungsbereitschaft der Chauffeure. Das ist eindrücklich, dafür bin ich dankbar. In zweiter Linie ermöglichte es mir dieser Service, dieses Arbeitspensum, das ich mir selbst mit meinem Aufgabenverständnis zumutete, zu bewältigen. Meine intensive Vernetzung in der Nordwestschweiz und auf nationaler Ebene im Interesse des Kantons hat diese Unterstützung erfordert. Das grösste Privileg war es jedoch, für die Bewohner dieses Kantons, die Schwächeren, die Schüler und Schülerinnen und die Behinderten acht Jahre lang das Beste zu geben. Die Resultate, die Spuren der Arbeit bleiben, da gibt es nichts zu verlieren.

Wie stark schmerzt nach zwei Jahren die Abwahl als Regierungsrat?

Es bleibt für mich eine politische Niederlage, die mich in keiner Weise belastet. Sie hat sich früh abgezeichnet. Ich habe in meinem Leben nie das Handtuch geworfen und habe mich deshalb auf den zweiten Wahlgang eingelassen. Ich habe meine Aufgabe geliebt, der Schmerz hat jedoch ausschliesslich mit meinen Mitarbeitenden zu tun, die vorzügliche Arbeit geleistet haben. Ich habe mich sehr ungern von ihnen getrennt und bin ihnen für ihre Arbeit dankbar.

Und dass im nachfolgenden Frühjahr das Kleeblatt versenkt wurde?

Auf oberster politischer Ebene hat sich niemand mehr für diese Vorlage eingesetzt. Dazu kam eine undifferenzierte Propaganda der Gegner sowie eine unverständliche Haltung der Mehrheit der Lehrerschaft. Für das Parlament und die Regierung war es eine harte Niederlage, haben diese doch in der Planungsphase, in einer ersten und einer zweiten Beratung dem Geschäft zugestimmt. Mich hat es nur auf Distanz geärgert.

Man warf dir vor, den Kanton mit der PR-Walze zu überrollen.

Es war eine umfassende und sehr transparente Information zu einer komplexen Bildungsreform. Bildung ist für die Entwicklung unserer Gesellschaft und unserer Wirtschaft entscheidend, das betrifft alle. Der Informationsprozess der Gemeinden, Lehrpersonen, Schulleitungen, Eltern – nur um die wichtigsten Gruppen zu nennen – dauerte mehrere Jahre.

Was würdest du heute anders tun?

Ich würde alle Referate in Mundart halten, mehr Veranstaltungen bestreiten, mehr externe Experten in die Referate einbinden, mehr Zeit in Lehrerzimmern verbringen, mehr Aufmerksamkeit den Eltern und den Wirtschaftsverbänden widmen. Das Interesse des einzelnen Kindes noch deutlicher ins Zentrum stellen. Die Eingangsstufe als Kindergarten plus bezeichnen und die äussere Bezeichnung der Bezirksschule als Etikette stehen lassen, die Überführungsphase von 10 auf 15 Jahre verlängern. Sicher nicht weniger informieren.

Wo steht jetzt der Aargau nach deiner Einschätzung bildungsmässig?

Wichtige in meiner Amtszeit initiierte Impulse werden schrittweise umgesetzt, das ist wichtig, um gegenüber andern Kantonen nicht weiter ins Hintertreffen zu geraten. Der Bildungsraum Nordwestschweiz spielt dabei eine wichtige Rolle.

Dein Nachfolger handelte offenbar richtig, indem er die Reformschritte auf ein Minimum beschränkte. Viele Lehrer gaben ja als Stressfaktor «die dauernde Reformitis» an.

Ich sehe die Arbeit meines Nachfolgers als eine konsequente Weiterentwicklung, die weit über ein Minimum hinausgeht. Es sind kleinere, zögerlichere Schritte, doch entscheidende. Die neusten Pisa-Ergebnisse, in mehr als 1300 Seiten dargestellt, geben allen in die Wege geleiteten oder geplanten, teilweise zurückgestellten Reformschritten recht. Die begreifliche Sorge der Lehrpersonen hat mit verschiedenen Faktoren zu tun. Da braucht es Veränderungen. Die mittelfristige Pensensicherheit, eine Reduktion der Lektionenverpflichtung, lohnmässige Besserstellung, Neuaufteilung der Arbeitsgefässe, genügend Ressourcen für integrative Schulführung, Selbstbeschränkung der Schulen in Bürokratie, mehr Autonomie der Einzelschule, noch bessere Unterstützung sowie Aus- und Weiterbildung der Schulleitungspersonen.

Mit der Übernahme des Bildungsdepartements durch Alex Hürzeler sagten viele: Endlich muss ein SVPler Verantwortung für die Schule übernehmen. Wie siehst du das?

Ein Regierungsrat ist kein Parteisoldat. Die Schule Aargau, das sind rund 100000 Schüler, Schülerinnen, Auszubildende und Studierende. Deren Interesse steht im Zentrum, nicht ein Parteiinteresse, das wäre verheerend. Ein Departementsvorsteher ist näher an den Aufgaben, an der Realität als ein Parlamentsmitglied oder gar eine Parteizentrale. Die Parteizugehörigkeit eines Regierungsrats darf nicht überbewertet werden.

Heute muss das Bildungsdepartement kämpfen, dass jede Klasse einen Lehrer hat. Ist Lehrersein nicht mehr attraktiv?

Die Belastung der Lehrpersonen ist auf der Volksschulstufe zu gross, die Pensenunsicherheit nicht mehr zumutbar und die Entwicklungsperspektiven sind wenig attraktiv. Dazu begegnet unsere Zivilgesellschaft und teilweise die Politik zu wenig respektvoll und mit wenig Achtung der kompetenten Arbeit, die in unseren Schulen geleistet wird,

Die Reformen kommen nur langsam, Betreuungsstrukturen werden von den Gemeinden eingeführt.

Betreuungsstrukturen, auch im Vorschulbereich sind Voraussetzung für eine Bildungsgerechtigkeit. Sie sind für die Leistungsfähigkeit eines Kindes mitentscheidend. Es ist undemokratisch, die Möglichkeit für Eltern und Kinder, Betreuungsstrukturen zu nutzen, von einem Gemeinde-Entscheid abhängig zu machen. Jede Studie zeigt zudem einen klaren volkswirtschaftlichen Nutzen.

Wird das vierteilige Kleeblatt letztlich doch realisiert?

Alle angedachten Entwicklungsschritte werden langfristig umgesetzt. Das zeichnet sich ab. Auch wenn die Zusatzlektionen (Sozialindex) vorerst als zeitlich begrenzte Hilfsmassnahme auf dem Buckel der Gemeinden umgesetzt werden. Bei gründlichem Studium der Pisa-Studie zeigt sich deutlich, der Weg ist der richtige. Jeder Kanton wählt sein eigenes Tempo. Der Aargau hat dabei die Chance des Bildungsraums Nordwestschweiz, die hilft auf dem Weg.

Es wäre an der Zeit, dass der Aargau dem Harmos-Konkordat beitritt. Hat man Angst vor einem Nein?

15 Kantone, damit 76,3 Prozent der Bevölkerung sind dem Harmos-Konkordat beigetreten. Ich stelle mir nicht vor, dass sich die Aargauer Bevölkerung zu den 13,5 Prozent Neinsagern zuordnen will. Doch der Aargau ist anfällig für destruktive politische Propaganda. Da ist es vielleicht richtig, mit der Wahl des Zeitpunktes für diese Vorlage sorgfältig zu sein.