Spreitenbach
Rangierbahnhof unter Druck: Statt Gleisen 17'000 Arbeitsplätze und Wohnungen für 15'000 Einwohner?

In seiner Studie kommt der Spreitenbacher Bauverwalter Oliver Hager zum Schluss, dass der Rangierbahnhof – einer der grössten Europas – bis 2030 stark schrumpfen könnte. Bevölkerung und Politik sollen sich deshalb Gedanken zur Umgestaltung der 65 Gleise machen.

Sabina Galbiati
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Der Rangierbahnhof auf dem Gemeindegebiet von Spreitenbach und Dietikon steht nicht nur wirtschaftlich unter Druck.

Der Rangierbahnhof auf dem Gemeindegebiet von Spreitenbach und Dietikon steht nicht nur wirtschaftlich unter Druck.

Sandra Ardizzone

Bürogebäude mit bis zu 17 000 Arbeitsplätzen und Wohnungen für 15 000 Limmattaler, eine neue S-Bahn-Linie samt Haltestelle auf Höhe der Spreitenbacher Ikea – und ein grosszügiger, begrünter öffentlicher Freiraum zwischen Spreitenbach und Dietikon: Das liesse sich auf der Fläche des heutigen Rangierbahnhofs Limmattal realisieren.

Dieses mögliche Szenario skizziert der Spreitenbacher Bauverwalter Oliver Hager in seiner Abschlussarbeit für das Diploma of Advanced Studies an der ETH Zürich. Darin beschreibt er, dass sich der Güterverkehr auf der Schiene verändern wird und daraus hat er vier räumliche Szenarien für den Rangierbahnhof entwickelt. Er sieht damit verbunden mögliche Chancen für den Siedlungs- und Naherholungsraum im Limmattal. Die Arbeit soll im Limmattal die Diskussion um die Zukunft des Rangierbahnhofs befeuern.

«Die umliegenden Gemeinden, Regionalplanungsverbände, die beiden Kantone Aargau und Zürich sowie die Bevölkerung müssen eine klare Haltung finden.» Oliver Hager, Bauverwalter Spreitenbach

«Die umliegenden Gemeinden, Regionalplanungsverbände, die beiden Kantone Aargau und Zürich sowie die Bevölkerung müssen eine klare Haltung finden.» Oliver Hager, Bauverwalter Spreitenbach

Sabina Galbiati

«Die umliegenden Gemeinden, Regionalplanungsverbände, die beiden Kantone Aargau und Zürich sowie die Bevölkerung müssen eine klare Haltung finden gegenüber SBB und Bund, damit man bei dieser Entwicklung auf Augenhöhe mitreden kann», sagt Hager. Insbesondere auch, weil bis heute weder eine gemeinsame Vorstellung noch Strategie besteht, wie sich dieses Areal von rund einem Quadratkilometer entwickeln soll. Das Limmattal sei eines der dynamischsten Wachstumsgebiete der Schweiz. Nicht zuletzt deshalb müsse man das Rangierbahnhof-Areal endlich miteinbeziehen.

Dass Hager in seiner Arbeit davon ausgeht, dass auf dem Areal des Rangierbahnhof Flächen zur Umnutzung freiwerden, kommt nicht von ungefähr: In seiner Studie kommt er zum Schluss, dass der Rangierbahnhof – einer der grössten Europas – bis 2030 stark schrumpfen könnte. Abgesehen davon, dass der Rangierbahnhof noch nie seit seinem 40-jährigen Bestehen die volle Kapazität ausgeschöpft hat, steht er zunehmend unter Druck.

Zwar nimmt der Güterverkehr in den kommenden Jahren weiter zu, doch gerade der Wagenladungsverkehr, der für SBB Cargo als Systemverkehr attraktiv ist, stagniert, während kombinierte Lösungen, also der Transport via Strasse und Schiene, zunimmt. Zudem ist der kleinteilige Güterverkehr von einzelnen Paletten, Paketen oder Stückgütern stark am Wachsen.

Hier bieten Projekte wie «Cargo Sous Terrain», bei dem der Gütertransport automatisiert und unterirdisch abläuft, neue Chancen. Mit der Ankündigung von SBB Cargo, bis 2023 total 800 von heute 2200 Stellen abzubauen, sieht Oliver Hager seine These bestätigt, dass sich der Güterverkehr vor allem im Binnenmarkt Schweiz verändern könnte, wie er jüngst auch gegenüber der «NZZ» sagte. Allerdings gab SBB Cargo nicht bekannt, wie sich die angekündigte Reduktion auf den Rangierbahnhof Limmattal auswirken wird.

Blackout als Szenario

Das eingangs beschriebene Szenario käme bei einem «Blackout» des Rangierbahnhofs infrage, bei dem die heute 65 Gleise auf ein paar wenige reduziert würden und einzig noch für die Durchfahrt ganzer Güterzüge dienten. Damit würde auch der Rangierlärm wegfallen. «Dieser Entwurf dient aber in erster Linie dazu, Erkenntnisse für die Entwicklung der Siedlungs- und Freiräume zwischen Spreitenbach und Dietikon zu gewinnen», sagt Hager. Im Vordergrund stehe nicht die konkrete Umsetzung, sondern der Denkanstoss.

«Viel wahrscheinlicher als das ‹Blackout-Szenario› ist, dass der Rangierbahnhof in seiner Breite oder Länge reduziert werden kann – einerseits, indem SBB Cargo seine Effizienz steigert, andererseits, weil sich neue Güterverkehrslösungen zur flächigen Gebietsabdeckung am Markt etablieren.» Damit würde zumindest ein Teil der Flächen frei werden.

Relevante Akteure am Tisch

Die Gemeinde Spreitenbach hat Hagers Arbeit als Projekt beim Verein «Regionale Projektschau Limmattal 2025» eingereicht. Der Verein, der 2015 gegründet wurde, besteht aus 15 Gemeinden und den beiden Kantonen Aargau und Zürich. Der Verein kuratiert innovative Projekte, die für das gesamte Limmattal stehen und zu einer regionalen Identität führen sollen.

Ziel ist es, die ausgewählten Projekte weiterzuentwickeln und relevante Akteure an den Verhandlungstisch zu holen – in diesem Fall wären das, nebst Gemeinden und den beiden Kantonen, SBB Cargo und der Bund. «Die Jury findet das Projekt aus Spreitenbach sehr interessant», sagt der Geschäftsleiter «Regionale 2025» Peter Wolf. Man habe dem Vorstand eine Empfehlung abgegeben. «Nun liegt es am Vereinsvorstand, zu entscheiden, ob das Projekt aufgenommen und weiterverfolgt wird», sagt Wolf.

Anfang April wird dieser Entscheid fallen. Es ist bereits die zweite Projektrunde. In einer ersten Runde im letzten Dezember wurden acht Projekte ausgewählt zur Weiterentwicklung. Darunter die Modernisierung und Erweiterung des Bruno-Weber-Parks oder ein Velo-Schnellweg im Limmattal. In einem nächsten Schritt sollen die ausgewählten Projekte von den Initianten zusammen mit den Machern der «Regionale 2025» konkretisiert werden.

Weiter will man sich gemeinsam um die Finanzierung kümmern. Anschliessend geht es an die Umsetzung der Projekte. Im Jahr 2025 findet die finale Ausstellung – ähnlich einer Expo – statt.

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