Wettingen
Rassistische Briefe in der Morgenpost

In Wettingen werden zwei Portugiesinnen mit rassistischen Hassbriefen terrorisiert. In einem anonymen Schreiben werden die beiden Frauen aufgefordert, unverzüglich das Land zu verlassen. Die Polizei tappt über die Urheber der üblen Briefe im Dunkeln.

Gioia Lenggenhager
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Rassismus

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Aargauer Zeitung

Als Angela (Name geändert, der Redaktion bekannt) an einem Freitagmorgen Anfang September ihren Briefkasten leert, erlebt sie eine böse Überraschung. «Neger raus!» muss sie in ihrer Post lesen. Die 40-jährige Wettingerin ist schockiert. «Das kann doch nicht sein.»

Angela fühlt sich an den vergangenen Mai erinnert, als sie einen Brief mit derselben Aussage erhalten hat. Damals tat sie das Schreiben als Spinnerei ab und warf es fort.

Beunruhigt wählt sie die Nummer ihrer Schwester, die ebenfalls in Wettingen wohnt. Diese ist auf die gleiche unangenehme Überraschung im Briefkasten gestossen. Die Schwester erhält kurz darauf einen zweiten Brief - mit den gleichen Worten. Sie sei jetzt schwer verängstigt.

Angst um die Tochter

«Um mich habe ich keine Angst. Aber ich fürchte um meine Tochter», erklärt Angela. Für die Empfängerin ist der Brief verletzend. «Ich bezahle meine Steuern, ich habe eine normale Arbeitsstelle und ich hatte noch nie Probleme mit der Polizei», stellt sie in fliessendem Deutsch klar. «Wir sind Menschen, wie alle anderen.»

Es folgt ein Marathon aus Polizeibesuchen. Die Regionalpolizei Wettingen schickt die Schwestern mit ihren Beweisstücken zur Kantonspolizei nach Baden. Dort werden sie zweimal weggeschickt, ohne dass ihr Fall behandelt worden wäre. Zum Gespräch mit einem Beamten kommt es erst am vergangenen Samstag. Doch genau wie Angela tappt auch die Polizei im Dunkeln. Es fehlen die Indizien. Nun läuft die Strafanzeige gegen Unbekannt.

Seit 14 Jahren in der Schweiz

Geboren in Afrika, musste Angela als Kind nach Europa flüchten. Die Familie fasste in Portugal Fuss. Die Situation der Immigranten in Portugal sei prekär gewesen, so Angela. Flüchtlinge wurden diskriminiert und belästigt. Vor über 14 Jahren ist Angela in die Schweiz gezogen. «Hier bin ich nie mit Rassismus in Berührung gekommen; der Brief im Mai war das erste Mal.»

Angela möchte unerkannt bleiben. Trotzdem will sie, dass ihre Geschichte öffentlich wird. «Ich hoffe, dass jetzt andere, die bedroht oder diskriminiert worden sind, auch den Mut haben, zur Polizei zu gehen.» Falls sich noch weitere Empfänger von rassistischen Briefen melden, könnte die Polizei vielleicht einen gemeinsamen Nenner zwischen den Empfängern finden, was Rückschlüsse auf den Täter erlauben würde.

Dieser kennt offenbar die beiden Frauen mit Namen und Vornamen und konnte ausfindig machen, wo sie wohnen. Der Stempel auf der Briefmarke stammt von der Bahnhofspost Wettingen. Sonst hat Angela keinen Anhaltspunkt. Sie fragt sich: «Wieso will mir jemand eins auszuwischen?» Und: «Wer hat etwas gegen mich?»

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