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Rätsel um die vielen leeren Wohnungen in Mellingen, Neuenhof und Untersiggenthal

Die aktuelle Statistik über leer stehende Wohnungen sorgt für Erstaunen – nicht nur bei Mellingens Ammann Bruno Gretener. Jedoch hat dieser eine plausible Erklärung für die hohen Zahlen.

Carla Stampfli
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Mellingen hält mit 327 leer stehenden Wohnungen den Kantonalrekord. Allein in der Siedlung Neugrüen (im Bild) sind fast 70 von 165 Mietwohnungen frei. Sandra Ardizzone

Mellingen hält mit 327 leer stehenden Wohnungen den Kantonalrekord. Allein in der Siedlung Neugrüen (im Bild) sind fast 70 von 165 Mietwohnungen frei. Sandra Ardizzone

Sandra Ardizzone

327. Diese Zahl hat selbst Bruno Gretener erstaunt. «Sie scheint mir sehr hoch zu sein», sagt der Gemeindeammann von Mellingen. Damit meint er die Anzahl leer stehender Wohnungen, die am Stichtag 1. Juni im Reussstädtchen gezählt worden sind. Wie der Blick in die vergangene Woche publizierte Leerwohnungszählung 2016 zeigt, hält Mellingen von sämtlichen Aargauer Gemeinden den Rekord. Im Bezirk Baden folgen Neuenhof mit 193 sowie Untersiggenthal mit 90. Nur wenig freie Wohnungen gibt es hingegen in Remetschwil (3), Killwangen, Künten und Wohlenschwil (je 9).

Gretener führt den hohen Leerwohnungsbestand auf den Entwicklungsschub zurück, den das Städtchen in den letzten Jahren erfahren hat: «Durch die Anbindung an die S-Bahn sowie den positiven Entscheid zur Umfahrung Mellingen ist Bewegung in den Wohnungsmarkt gekommen.» Es entstanden neue Überbauungen, Personen zogen zu. Im vergangenen Jahr knackte die Gemeinde gar die 5000-Bewohner-Grenze. «Jetzt ist beim Wohnungsangebot aber sicher eine gewisse Sättigung vorhanden», sagt Gretener. Das zeigt sich auch an der im Jahr 2014 fertiggestellten Siedlung Neugrüen, in der zurzeit fast 70 Wohnungen zur Miete ausgeschrieben sind.

«Was ist da falsch?»

Der Tatsache, dass in Mellingen Wohnungen leer stehen, misst Gretener aber nicht viel Gewicht bei: «Mit Ausnahme des ‹Neugrüens› ist mir keine andere Überbauung bekannt, die einen übermässig starken Leerbestand hätte.» Trotzdem: 327 leere Wohnungen seien schon sehr viel. Wie Statistik Aargau auf diesen Wert kam, kann er nicht ganz nachvollziehen.

Damit ist Bruno Gretener nicht der Einzige. In der publizierten Statistik wird beispielsweise die Surbtaler Gemeinde Endingen als eine von acht Aargauer Gemeinden aufgeführt, in denen 0 Wohnungen frei sind (siehe az vom 9.8.). Doch: «Bei mir im Wohnblock/Siedlung hat es noch ein paar freie Wohnungen und ich wohne und lebe in Endingen. Was ist da falsch?», kommentiert eine Leserin auf Facebook. Ein anderer Leser versucht es mit einer scherzhaften Erklärung: «Die lieben Leute, die Statistiken machen, gehen halt nicht in den Volg im Dorf und sehen die Inserate da.» Auch ein Klick auf ein Online-Immobilienportal bestätigt, dass es in Endingen freie Wohnungen gibt.

Wie ist diese Diskrepanz zu erklären? Laut Ruedi Steiner, Fachbereichsleiter bei Statistik Aargau, gibt es verschiedene Gründe. «Eine Rolle spielt sicher der Zeitpunkt, an dem die Verantwortlichen die Umfrage ausfüllen», sagt er. «Der Stichtag fand am 1. Juni statt, jetzt haben wir Mitte August.» Die Situation auf dem Wohnungsmarkt habe sich in der Zwischenzeit längst verändert. Als weiteren Grund nennt Steiner die Schwierigkeit, die korrekte Anzahl leerer Wohnungen zu erheben. Die Formulare, die Statistik Aargau im Auftrag des Bundes verschickt, würden in der Regel von Bauämtern, Einwohnerkontrollen, Elektrizitätswerken oder Regionalpolizeien ausgefüllt. «Es ist nicht einfach zu verifizieren, ob die Verantwortlichen auch tatsächlich die genauen Leerbestände melden», sagt er. Gemäss den Kriterien der Erhebung müssten Wohnungen zudem zur Vermietung oder zum Verkauf ausgeschrieben sein, damit sie als leer stehend in die Statistik fallen.

Erhebung stimmt mit Trend überein

Dieses Jahr sei ausserdem vom Bundesamt für Statistik (BFS) erstmals, parallel zur Erhebung auf Papier, auch ein E-Survey durchgeführt worden. Dies habe in einem Einzelfall zu einem Übermittlungsproblem mit dem BFS geführt, woraus für eine Gemeinde ein Fehler entstanden sei. «Den Fehler haben wir am Tag der Publikation bemerkt und sofort die richtige Zahl aufgeschaltet», sagt Steiner. In der Folge habe man «verdächtige» Werte wie beispielsweise die Null bei Endingen oder die 327 bei Mellingen verifiziert. «Es hat sich herausgestellt, dass die Verantwortlichen dem BFS tatsächlich diese Zahlen übermittelt haben.» Obwohl die Angaben zu den Leerwohnungsbeständen mit Unsicherheiten behaftet sein können, seien die Zahlen aussagekräftig. «Die Erhebung stimmt mit Sicherheit mit dem Trend überein, dass dieses Jahr im Aargau deutlich mehr Wohnungen leer stehen als noch vor zwei Jahren», sagt Steiner.

Dass in Mellingen die meisten freien Wohnungen stehen, veranlasst die Gemeinde nicht, Massnahmen zu greifen. «Als Gemeinde haben wir beschränkte Möglichkeiten», sagt Gemeindeammann Bruno Gretener. Mellingen sei bereits heute attraktiv, was er jeweils an den Treffen mit Neuzuzügern zu spüren bekomme. «Sie bestätigen mir, dass es ihnen bei uns gefällt und sie sich wohlfühlen.»

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