Im Kanton Aargau bleibt eine von zehn ausgeschriebenen Lehrstellen unbesetzt. Fast immer lautet die Begründung: «Nur ungeeignete Bewerbungen erhalten.» Wie detailliert die Dossiers geprüft werden, ist unbekannt. Klar indes ist, dass Realschüler gemeinhin einen schweren Stand haben. Wohl entgeht dem Lehrmeister mancher Geheimtipp, wenn er Bewerbungen von Realschülern gar nicht erst anschaut. Doch behält der Zweifler Recht: Viele Realschulabgänger scheinen fürs Berufsleben eher untauglich.

Desinteressierte Eltern

Primäres Problem ist nicht mangelnde Intelligenz, sondern fehlendes Verantwortungsbewusstsein der Eltern. Jürg Peter, Realschullehrer in Neuenhof, der sich vor allem als Sozialarbeiter sieht, ortet Familienstrukturen, welche in der hiesigen Gesellschaft nicht funktionieren. Im Kinderzimmer steht ein Computer. Die Knaben toben sich im Klassenzimmer aus, die Mädchen werden nach abgesessener Schulzeit einfach Mamis. Das Desinteresse der Eltern an der Bildung ihrer Kinder bestätigt auch Eva Eliassen, Berufsberaterin beim Info-Zentrum: «Wenn wir Infoabende veranstalten, bleiben die meisten Eltern von Realschülern fern.»

Schulen müssen helfen

Einfluss auf die Eltern zu nehmen, ist freilich schwieriger, als den Lehrplan zu ändern. Für Jürg Peter steht daher fest: «An der Realschule müssen wir weniger Inhalte, dafür mehr Schweizer Tugenden lehren». Disziplin lautet das Stichwort. In einem ersten Projekt geht er mit seinen Schülern jeden Morgen um 7.30 Uhr eine Runde joggen. «So lernen sie, durchzubeissen», sagt der Lehrer. Ferner schwebt ihm ein Landdienst vor, der die Schüler Disziplin lehren soll. Das lohne sich. Denn eigentlich sei der durchschnittliche Realschüler ein begeisterungsfähiger, zuverlässiger Arbeiter, wenn er denn gut geführt werde, ist Jürg Peter überzeugt. Dass er einen guten Teil des Unterrichts für die Berufswahl bzw. Lehrstellensuche aufwendet, ist selbstverständlich geworden. Zum Abschluss lässt er seine Schüler die schwierige Zeit der Lehrstellensuche reflektieren (Auszüge der Texte siehe Box).

Psychische Belastung

Die Realschüler schreiben jeweils Dutzende von Bewerbungen, bis sie womöglich ans Ziel gelangen. Sobald sie den Ernst der Lage erkennen, bedeuten all die Absagen eine enorme psychische Belastung. Vor allem dann, wenn die Schulkollegen allmählich versorgt sind. «Das tut schon sehr weh, wenn man denkt, es brauche einen nirgends», weiss Eva Eliassen. Mit diesem Gefühl bleibt jeder dritte Realschüler auf der Strecke. Um diese Quote zu senken, bleibt zu hoffen, dass das Rezept Jürg Peters fruchtet und Schule macht: Disziplinierung.