Spreitenbach
Regisseurin Ivana Lalovic über ihren Kinofilm, der in Spreitenbach gedreht wurde

Der Film «Sitting next to Zoe» handelt von zwei Mädchen, die in Spreitenbacher Siedlungen erwachsen werden. Die junge Regisseurin Ivana Lalovic ist begeistert von der «urban anonymen» Kulisse des Drehorts.

Senada Haralcic
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Die junge Regisseurin Ivana Lalovic ist begeistert von der «urban anonymen» Kulisse des Drehorts in Spreitenbach.

Die junge Regisseurin Ivana Lalovic ist begeistert von der «urban anonymen» Kulisse des Drehorts in Spreitenbach.

Ihr erster Langspielfilm «Sitting next to Zoe» ist am 21. August in den Schweizer Kinos gestartet und spielt in Spreitenbach. Weshalb haben Sie diesen Drehort gewählt?

Ivana Lalovic: Ein Regisseur hat immer ein bestimmtes Bild im Kopf, wie der Film am Schluss wirken soll. Die Idee, wie wir den Film haben wollten, liess sich in Spreitenbach einfach sehr gut umsetzen. Ausserdem gibt es in der Schweiz wenige solche Orte, die eine Vorstadt zeigen, welche die von uns gesuchten Eigenschaften hat: Die grossen Siedlungen vermitteln eine ganz besondere Stimmung.

Hat die Wahl des Drehorts auch damit zu tun, dass Sie in Zürich aufgewachsen sind und Spreitenbach schon ein bisschen kannten?

Spreitenbach war für mich immer die «Vorstadt von Zürich», die typische Agglo. Aber der Entschluss fiel endgültig, als ich einen Kurzfilm von einer Kollegin gesehen habe, der in Spreitenbach spielt. Die Atmosphäre war genau so, wie ich sie mir auch für mein Filmprojekt wünschte.

Und wie sollte diese Atmosphäre sein?

Sie sollte kalt und unpersönlich erscheinen und einen Kontrast bilden zur Natur, in die sich die Mädchen später im Film flüchten.

Kälte und das Unpersönliche kommen im Film stark zur Geltung. Haben Sie absichtlich etwas übertrieben?

Ja, natürlich. Spreitenbach besteht ja nicht nur aus diesen Siedlungen und dem urbanen Hintergrund. Aber die Hauptfigur des Films, Zoe, sehnt sich nach Paris. Deshalb brauchten wir einen Ort, der einen grösstmöglichen Kontrast zu Paris bildet, und so Zoes Gefühl, ausbrechen zu wollen, am besten transportiert. Spreitenbach mit seinen Hochhäusern, der Brücke über den Gleisen und der Autobahn war daher die ideale Kulisse, um Zoes Sehnsucht nach Paris zusätzlich zu verstärken.

«Sitting next to Zoe»

«Sitting next to Zoe» erzählt eine atmosphärische Sommergeschichte von zwei jungen Frauen, ihrer Freundschaft, ihren Träumen und der ersten Liebe.

Asal und Zoe (15) aus Spreitenbach sind dickste Freundinnen. Doch nach den Sommerferien werden sich ihre Wege trennen: Zoe träumt davon, in Paris Make-up Artistin zu werden, Asal wird das Gymnasium besuchen. Während eines gemeinsamen Ausflugs mit dem Schweden Kai soll Asal, die sich sehnlichst einen Freund wünscht, ihre Unschuld verlieren. Was als romantische Wanderung beginnt, stellt die Freundschaft der beiden Mädchen auf die Probe.

Was waren die eindrücklichsten Erlebnisse während der Drehzeit?

Für mich waren die Begegnungen mit den Spreitenbachern immer sehr eindrücklich. In dieser Gegend wird nicht täglich ein Film gedreht, es war etwas Besonderes für die Anwohner, das Ganze hautnah mitzuerleben. Teilweise versammelten sich rund 20 Kinder um unsere Kamera. Mich hat dieses grosse Interesse sehr gefreut. Ausserdem war auch die Zusammenarbeit mit der Gemeinde und den Hausmeistern der Siedlungen sehr angenehm. Das Drehen selbst und das Einholen der Drehbewilligungen klappte in Spreitenbach so gut, dass ich sofort wieder dieselben Schauplätze für den Film wählen würde.

Mussten Sie auch negative Erfahrungen am Drehort erleben?

Als wir einmal während der Nacht drehten, fielen plötzlich Schüsse in der Umgebung. Aus Angst haben wir dann das Set vorzeitig abgebrochen.

Es fielen Schüsse?

Wir wissen bis heute nicht, was genau passierte und woher diese Geräusche kamen, aber es klang nach Schüssen. Vielleicht hat sich jemand am Lärm gestört und wollte dies auch irgendwie zeigen. Vielleicht war es auch nur etwas Harmloses. Jedenfalls mussten wir – weil wir den Dreh unterbrochen hatten – auf eine Einstellung verzichten, was mich im Schnitt sehr geärgert hat.

Hat sich das auf den Film ausgewirkt?

Im Nachhinein findet ein Regisseur natürlich immer Sachen, die er gerne anders gemacht hätte. Aber bei dieser Szene, die wir gerade drehten, ging es um den emotionalen Showdown: Da hätten wir gerne mit Nahaufnahmen – sogenannten Close-ups – von jeder Figur gezeigt, wie sie sich in dieser Situation gerade fühlt. Aber da fehlte uns eben das letzte Close-up von Zoes Gesicht. Schliesslich konnten wir die Szene doch noch retten, indem wir die Aufnahmen, die wir im Kasten hatten, anders montierten. Diese eine Szene ist nicht perfekt, aber der Film als Ganzes ist sehr schön geworden.

Weshalb?

Weil er zeigt, wie sich das Erwachsenwerden anfühlt. Die Darsteller setzen sich mit typischen Problemen auseinander und träumen von der grossen Welt, wohnen aber mit ihrer Familie in der Siedlung. Auch ich habe mich während der Drehzeit in diese Situation hineinversetzt und mich manchmal wieder wie ein Teenager gefühlt. Ich denke, dass auch das Publikum beim Schauen mit den Protagonisten mitfühlt.

Liegen die Realität und das im Film Dargestellte also trotz Klischees gar nicht so weit auseinander?

Nein, denn die Probleme, mit denen die Hauptdarstellerinnen zu kämpfen haben, sind sozusagen universell: Jeder hatte doch mal Zoff mit den Eltern oder versuchte in der Teenagerzeit sich selbst zu finden. Man stellt sich Fragen wie: «Was will ich eigentlich aus meinem Leben machen?» Dabei ist es wichtig, an sich selbst zu glauben.

Stichwort «an sich selbst glauben»: Legen Sie viel Wert auf die Meinung anderer, beispielsweise der Kritiker?

Eigentlich sollte ich «Nein» sagen, aber das würde natürlich nicht stimmen. Man macht einen Film schliesslich nicht nur für sich und seine Familie, sondern auch für ein grösseres Publikum. Daher ist die Meinung anderer und die der Kritiker natürlich schon wichtig. Wenn diese positiv ausfällt, dann fühle ich mich bestätigt, dass der Film funktioniert. Und das gibt mir die Motivation, weiterzumachen.

Und was, wenn die Kritik schlecht ist?

Es kommt sehr stark darauf an, was kritisiert wird und wie die Kritiker dies begründen. Zum Beispiel fragten einige, wieso eine der Hauptdarstellerinnen Hochdeutsch spricht, während alle anderen Figuren Mundart sprechen. Oder wieso der Film einen englischen Titel trägt. Dazu sagte ich dann immer: «Hey, wieso nicht?» Ich nehme Kritik ernst, habe aber auch gemerkt, dass es oft einfach Geschmacksache ist. In Bezug auf den Drehort waren sich aber die Kritiker einig – er bringt die Gefühle der beiden Hauptfiguren sehr gut rüber.