Es ist das perfekte Töffwetter an diesem Sonntag, dem 11. September. Die Sonne scheint, die Temperatur ist lau. Monika Gut und ihr Mann wollen von ihrem Wohnort Hilterfingen (BE) über den Col des Mosses nach Montreux fahren. Sie schwingen sich auf ihre Motorräder und fahren los – er voraus, sie hinterher. Das machen die Guts meistens so bei ihren Ausfahrten. An den Abzweigungen wird aufeinander gewartet und wieder losgefahren.

Doch diesmal kommt alles anders. Sie sind erst wenige Minuten unterwegs, als sich ein Auto zwischen die beiden mischt. Monika Gut verliert ihren Mann aus der Sicht. Einige Kilometer weiter hält er an einer Kreuzung an. Er wartet. Und wartet. Auf einmal hört er eine Polizeisirene. Er startet den Motor und fährt zurück. Dann sieht er am Strassenrand den Töff seiner Frau liegen.

«Das Schlimmste ist, dass ich nicht zuhause sein kann»

«Das Schlimmste ist, dass ich nicht zuhause sein kann»

Monika Gut über schwierige und schöne Aspekte der Reha.

«Ich weiss nur noch, dass ich dagelegen und meinen kaputten Fuss gesehen habe», sagt Monika Gut. An alles andere könne sie sich nicht mehr erinnern. Nicht, wie sie von einem abbiegenden Auto erfasst und auf das Trottoir geschleudert wurde. Nicht, wie sie auf die Fragen der Polizisten geantwortet habe. «Erst im Inselspital in Bern kam ich wieder zu mir», sagt die 46-Jährige.

Monika Gut sitzt in der Vista Coffee & Lounge in der Rehaklinik Bellikon und trinkt einen Latte macchiato. Ihre langen blonden Haare hat sie zu einem Rossschwanz zusammengebunden, die Krücken an den Tisch gelehnt. Während sie spricht, strahlen ihre blauen Augen Kraft und Lebenslust aus. Auch wenn sie von ihrer Prothese am linken Unterschenkel erzählt, verziehen sich ihre Mundwinkel immer wieder zu einem Lächeln.

«Ich bin halt eine Person, die positiv denkt und stets nach vorne blickt», sagt sie fast entschuldigend. So nahm sie es mit Fassung, als ihr die Ärzte im Inselspital sagten, dass sie ihren Fuss nicht retten könnten und amputieren müssten – und eine Woche später aufgrund einer Infektion sowie abgestorbenem Gewebe auch noch den Unterschenkel. «Ich kann mich glücklich schätzen», sagt sie. Schliesslich hätte der Unfall noch schlimmer ausgehen können.

Gleich auf Anhieb flink unterwegs

Drei Monate nach dem Unfall ist die Wunde am Unterschenkel verheilt. Schmerzen habe Gut keine mehr. Bloss das Sitzen sei noch etwas unangenehm. Und vergisst dabei fast zu erwähnen, dass sie sich beim Aufprall auch einen doppelten Beckenbruch und einen Schienbeinbruch zugezogen hatte. «Aber Letzterer hat sich mit der Amputation ja schnell erledigt», sagt sie mit einer gehörigen Portion Schalk.

Ihre Tage in Bellikon sind durchstrukturiert: Arzt-Visiten, Physiotherapie, Training an Kraftmaschinen, Yoga, Entspannungstherapie und vieles mehr. Es sei streng, doch es bereite ihr Spass, sagt Gut. «Ich bin motiviert. Denn ich sehe, es geht von Tag zu Tag besser.»

Auch die Betreuer sind mit ihrem Fortschritt zufrieden. Als die gebürtige Grindelwaldnerin vor einem Monat zum ersten Mal mit Prothese und Krücken ging, bewegte sie sich flink durch die hellen Räume der Rehaklinik. So, als hätte sie bereits Routine darin. «Das war ein Wow-Effekt», sagt Gut. Dann fügt sie mit einem Schmunzeln an, dass das auch an den Krücken liegen könnte – und zeigt auf die beiden hölzernen, ergonomischen Griffe. «Sie gehörten meinem Mann.

Vor 16 Jahren war er auch einmal hier.» Genau wie sie hatte er einen Töfffunfall erlitten. «Ihm wurde aber nichts amputiert.» Da er auch einen Rehabilitationsprozess durchlaufen musste, könne er gut mit ihrem Schicksalsschlag umgehen. «Er sagt mir immer wieder: Wenn es dir gut geht, dann geht es mir auch gut.» Und überhaupt seien es ihr Mann sowie Familie und Freunde, die ihr Energie geben und sie zuversichtlich in die Zukunft blicken lassen. Auch die Betreuungspersonen der Rehaklinik würden sie stets motivieren.

Für alles mehr Zeit einberechnen

Energie tankt sie vor allem an den Wochenenden, die sie regelmässig zu Hause in Hilterfingen verbringt. Sie geht in die Stadt einkaufen, trifft sich mit Freunden zum Kaffee, saugt Staub und erledigt ohne grössere Einschränkungen Haushaltarbeiten. «Ich laufe täglich die Rehaklinik auf und ab. Das gibt mir auch Sicherheit für den Alltag zu Hause», sagt Gut. Mühsam am Tragen einer Prothese sei, dass sie jetzt mehr Zeit einberechnen müsse. Geht sie abends mit Freunden auswärts essen, bereitet sie sich statt 30 Minuten neu eine Stunde früher vor. Nichtsdestotrotz: Monika Gut kämpft sich tapfer zurück in den «normalen» Alltag.

Auf sie warten nicht nur ihre Arbeitskollegen bei der Ikea, für die sie bereits seit über 20 Jahren in verschiedenen Abteilungen arbeitet, sondern auch Ferien in Thailand. «Als ich nach dem Unfall zu mir kam, war einer meiner ersten Gedanken: Hoffentlich kann ich in die Ferien fahren», sagt Monika Gut. So verwundert es nicht, dass sie bei der allersten Wundbehandlung den Ärzten mitteilte, dass sie im Dezember nach Thailand fahren will. «Sie gaben mir eine 50-prozentige Chance», sagt sie und fügt beherzt an: «Für mich war aber klar, es muss klappen! Also gab ich während der Rehabilitation Vollgas.»

Es hat sich gelohnt: Am Samstag kann sie mit Einverständnis der Ärzte mit ihrem Mann in die Wärme fliegen. Im Januar wird sie dann für eine zweite Rehabilitationsphase zurück nach Bellikon kommen. «Ich freue mich so sehr», sagt Gut und schweift mit ihrem Blick in die Ferne. Die Orthopädietechniker haben ihr eine feminine Prothese auf die Grösse ihres Fusses angefertigt – damit sie auch das Strand-Feeling richtig geniessen kann.

In einem nächsten Schritt wünscht sich Gut eine separat ausgearbeitete grosse Zehe an der Prothese, sodass sie einen Flip-Flop überstreifen könne, sowie eine Höhenverstellung. «Damit ich wieder Absatzschuhe tragen kann», sagt Gut mit einem Schmunzeln. Auch bei der Prothese selbst hat sie klare Vorstellungen: Farbenfroh und gemustert soll sie sein. «Man soll ruhig sehen, dass es eine ist», sagt sie. Sie müsse sich vor nichts verstecken. Im Gegenteil: «Die Prothese ist nun ein Teil von mir.»

Lesen Sie im nächsten Teil, wie Monika Gut die zweite Rehabilitationsphase erlebt.