Remetschwil
Angefahrene Katzen bleiben am Strassenrand liegen – eine Expertin erklärt, wie man im Notfall handeln muss

Eine Remetschwilerin vermisst ihr Büsi. Während der Suche nach dem geliebten Haustier fiel ihr auf, wie viele Katzen angefahren oder tot liegengelassen werden. Die Präsidentin des Aargauischen Tierschutzvereins ordnet ein.

Sarah Kunz
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Wer seine Katze vermisst, wird oft von Unwissen geplagt: Lebt sie noch, ist sie verletzt? Dabei müssten tote Katzen der Polizei gemeldet werden.

Wer seine Katze vermisst, wird oft von Unwissen geplagt: Lebt sie noch, ist sie verletzt? Dabei müssten tote Katzen der Polizei gemeldet werden.

Symbolbild: Getty

In der letzten Zeit häufen sich Meldungen vermisster Katzen. So auch in Remetschwil. Gemäss der Schweizerischen Tiermeldezentrale STMZ werden dort in einem Umkreis von zehn Kilometern 220 Büsis vermisst. Aus der Gemeinde selbst gibt es acht Meldungen.

Eine betroffene Remetschwilerin hat in der letzten Ausgabe des amtlichen Publikationsorgans «Bergpost» einen emotionalen Leserbrief verfasst. Wie sie schreibt, habe sie in den ersten Wochen des Verschwindens ihrer Katze vieles unternommen, um sie wiederzufinden. Gleichzeitig habe sie Meldungen von Katzen erhalten, die angefahren und tot am Strassenrand liegend gesehen wurden.

«Jedes Mal war ich zutiefst erschüttert und erzürnt zu hören, dass sich niemand die Mühe gemacht hat, die toten Tiere der Polizei zu melden oder zu einem Tierarzt zu bringen», schreibt die Remetschwilerin.

Ist die Katze gechippt, kann der Besitzer ermittelt werden

Dabei herrscht gemäss Art. 51 Abs. 3 des Strassenverkehrsgesetzes Meldepflicht. Heisst, wer ein angefahrenes oder totes Tier einfach liegenlässt, begeht Fahrerflucht und macht sich strafbar. Doch wie muss man vorgehen, wenn man ein verletztes Tier findet oder sogar selbst in einen Unfall verwickelt ist? Astrid Becker, Präsidentin des Aargauischen Tierschutzvereins (ATs) erklärt:

«Wer eine Katze anfährt oder ein angefahrenes Tier entdeckt, soll auf jeden Fall anhalten», sagt sie. Und fügt mit Nachdruck an:

«Einfach weiterfahren geht gar nicht.»

Zum einen, weil Fahrerflucht eben strafbar sei. Zum anderen, weil es «moralisch absolut verwerflich» sei, das verletzte Tier so kläglich liegenzulassen.

Zuerst gilt es also, das Fahrzeug abzustellen, den Warnblinker einzuschalten und das Pannendreieck aufzustellen. Anschliessend soll man sich dem Tier vorsichtig nähern und schnellstmöglich die Polizei verständigen – unabhängig davon, ob es noch lebt oder bereits tot ist. Diese könne entweder weitere Anweisungen geben, wie man sich verhalten soll, oder den nächsten Tierarzt verständigen. Wer sich gut mit Tieren auskenne und es sich zutraue, könne das Büsi auch selbst zum nächsten Tierarzt fahren.

Mithilfe eines speziellen Lesegeräts können die Polizei oder Tierarztpraxen den Chip einer Katze auslesen und sie ihrem Besitzer zuordnen.

Mithilfe eines speziellen Lesegeräts können die Polizei oder Tierarztpraxen den Chip einer Katze auslesen und sie ihrem Besitzer zuordnen.

Archivbild: Nana Do Carmo

Polizei wie auch Tierärzte können anschliessend möglicherweise ermitteln, wem die Katze gehört. «Heutzutage sind nämlich viele Katzen mit einem reiskorngrossen Chip versehen», sagt Becker. Dieser hat eine Nummer, die auf der Datenbank für Heimtiere Anis mit dem Besitzer verknüpft ist. Mittels eines speziellen Lesegeräts kann die Nummer des Chips abgelesen und das Büsi seinem Besitzer zugeordnet werden.

Tierhalter müssen für die Behandlungskosten aufkommen

Kann der Besitzer ausfindig gemacht werden, werden ihm die Kosten für die Behandlungen verrechnet. Gemäss der Tierschutzverordnung ist ein Halter dazu verpflichtet, sein krankes oder verletztes Haustier unverzüglich behandeln zu lassen. Die Kosten für diese Behandlungen können im schlimmsten Fall – etwa wenn das verletzte Tier operiert werden muss – schnell mehrere Tausend Franken betragen. Eine spezielle Tierversicherung kann jedoch helfen, diese Kosten zu tragen.

Kann kein Tierhalter ausfindig gemacht werden, zahlt in der Regel der Auftraggeber. Also die Person, welche die Katze zum Tierarzt bringt. Selbst wenn sie den Unfall nicht selber verursacht hat. Verweigert der Überbringer die Kostenübernahme, greift eventuell die Grundversorgung, zu der sich ein Tierarzt verpflichtet hat.

Schliesslich ist jeder Tierarzt beziehungsweise jede Tierärztin aus berufsethischen Gründen verpflichtet, einem Findeltier erste Hilfe zu leisten oder es nötigenfalls einzuschläfern – unabhängig davon, ob eine Aussicht auf Honorierung besteht.

Für Becker ist der Fall klar:

«Die Angst vor drohenden Tierarztkosten darf letztlich kein Grund sein, einer Katze die Hilfe zu verweigern.»

Sie verstehe auch, dass es für viele emotional herausfordernd sei, sich um ein verletztes Tier zu kümmern oder ein totes Tier zu sehen. Trotzdem: «Einfach weiterfahren geht gar nicht!» Wieder sagt Becker dies mit Nachdruck.

Besitzerin leidet unter dem Verschwinden des Katze

Werden nämlich Tiere vor allem in ländlichen Gegenden einfach am Strassenrand liegengelassen, ist es sehr wahrscheinlich, dass sich ein Fuchs oder anderer Aasfresser den Kadaver schnappt. Und damit ist jede Chance auf die Identifikation des gestorbenen Tieres vertan. So erfahren die Besitzer nie, was mit ihrer geliebten Katze passiert ist.

Dieses Nichtwissen um den Verbleib ihres Büsis beschreibt die Remetschwilerin in ihrem Leserbrief als «schmerzhaften Drahtseilakt zwischen Trauer und Hoffnung». Man könne sich nicht verabschieden und erlebe eine emotional sehr anstrengende Zeit. Deshalb appelliert sie an alle: «Halten Sie sich an unsere Gesetze, wenn nicht aus Tierliebe, dann aus Menschlichkeit.»

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