Ehrendingen
Renato Sinelli: «Diplomatie war vielleicht nicht gerade meine Stärke»

Der abtretende Ammann von Ehrendingen Renato Sinelli sagt, der Zusammenschluss von Ober- und Unterehrendingen sei ein «Musterbeispiel für eine Fusion». Dass der Zusammenschluss mit Baden nicht klappte, hat ihn enttäuscht.

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«Immer mit der Herde zu brüllen, das ist nicht meine Art»: Renato Sinelli.

«Immer mit der Herde zu brüllen, das ist nicht meine Art»: Renato Sinelli.

Alex Spichale

Für den Fototermin schlägt Renato Sinelli einen seiner Lieblingsorte im Dorf vor: das Hitzbühl, von wo man ganz Ehrendingen überblicken kann – die Gemeinde, die in seinen Amtsjahren um mehr als 2000 Einwohner gewachsen ist.

Herr Sinelli, in Ihrer Zeit als Gemeindeammann haben Sie selten ein Blatt vor den Mund genommen. Haben Sie diese Geradlinigkeit je bereut?

Renato Sinelli: Immer mit der Herde zu brüllen, das ist nicht meine Art. Ich habe immer versucht, mich selber zu sein. Das bedeutet aber nicht, dass ich nicht auch einmal meine Meinung ändere, wenn es gute Gründe dafür gibt, oder dass ich mit der Zeit dazulernen kann. Es ist nicht verboten, intelligenter zu werden. Diplomatie war vielleicht nicht gerade meine Stärke, aber bei mir wusste man, woran man war.

Zur Person

Renato Sinelli (1948) wuchs in Grenchen SO auf und absolvierte eine Lehre als Typograf. Er arbeitete allerdings nur fünf Jahre auf seinem erlernten Beruf. Nach verschiedenen Aus- und Weiterbildungen verbrachte er in verschiedenen Funktionen fast seine ganze Berufszeit bei der Swissair und der Swiss, am Schluss als General Manager. 1981 zog er mit seiner Familie nach Ehrendingen, wo er 1988 in den Gemeinderat gewählt wurde. 2006 wurde er erster Ammann der fusionierten Gemeinde Ehrendingen. Ende dieses Jahres gibt er sein Amt an seinen Nachfolger Hans Hitz ab. Sinelli ist verheirat und Vater von zwei erwachsenen Söhnen. (PKR)

Diesen Sommer etwa haben Sie die Badener Exekutive kritisiert: Die stetige Forderung nach Fusionen seien nur leere Worthülsen im Wahlkampf gewesen – vorwärtsgegangen sei es in dieser Frage aber leider nicht.

Ich bin fest davon überzeugt, dass meine Worte genutzt haben und dass der Stadtrat jetzt in der Fusionsfrage aktiver wird. Ich hatte auch viele positive Reaktionen auf diese Forderung. Die Lokalpolitiker waren früher eher reservierter, heute gehen wir unverkrampfter aufeinander zu. Man kann sich auch einmal an den Karren fahren, ohne dass gleich Feuer im Dach ist, und dann trotzdem wieder gemeinsam ein Bier trinken gehen. Früher war meiner Meinung nach die Akzeptanz kleiner.

Sind mit anderen Ammännern Freundschaften entstanden?

Der langjährige Ammann aus der Nachbargemeinde Freienwil, Hanspeter Geissmann, ist zu einem echten Freund geworden – obwohl es zu Beginn seiner Amtszeit sehr grosse Differenzen gab. Ich wollte die Feuerwehren fusionieren, für ihn kam das absolut nicht infrage. Freundschaften entstanden vielfach mit Ammännern und Gemeinderäten, mit denen man intensiv diskutierte, die auch klar Haltung bezogen. Solche Politiker habe ich eher geschätzt als solche, die sich nach dem Wind richteten.

Warum sind Sie überhaupt Politiker geworden?

Ich bin in Grenchen in einer politischen Familie aufgewachsen. Bei uns zu Hause wurde traditionell gelb gewählt, wie man es nannte, also freisinnig. Ich war stets bürgerlich angehaucht, trat aber nie einer Partei bei, weil ich frei und unabhängig bleiben wollte.

Dass Ehrendingen so stark wachsen konnte im letzten Jahrzehnt, ist auffälligste Folge Ihrer freiheitlichen Gesinnung.

Eindeutig. Wenn man das Wachstum steuern will, muss man dies vorher über Einzonungen und die Bau- und Nutzungsordnung regulieren. Wachstum kann man sich als Ammann nicht zum Ziel setzen, schliesslich entscheiden die Landbesitzer, ob sie ihr Grundeigentum verkaufen oder ob sie Häuser bauen oder nicht. Entscheidend war, dass wir den öffentlichen Verkehr in unserem Dorf gefördert haben, von diesem Moment an begann Ehrendingen zu wachsen.

Neben dem starken Wachstum hat sich Ehrendingen vor allem wegen der gelungenen Fusion einen Namen gemacht. Macht Sie das stolz?

Stolz ist der falsche Begriff. Ich bin sehr zufrieden, der Zusammenschluss zwischen Unterehrendingen und Oberehrendingen gilt als Musterbeispiel für eine Fusion, nicht nur im Kanton, sondern auch in der Schweiz. Sogar eine österreichische Professorin aus Linz hat uns deswegen zusammen mit ihren Studenten zweimal besucht. Der Zusammenschluss kam vor allem auch zustande, weil sie ein Wunsch der Einwohner war und auch die Angestellten von beiden Gemeinden dafür waren. Politiker dürfen die Bevölkerung nicht vergessen. Wir haben während meiner Amtsjahre ja nicht nur die Gemeinden fusioniert, sondern auch zweimal die Feuerwehren und auch den Zivilschutz. Auch bei der Polizei konnte eine gute Lösung gefunden werden.

Welche Ziele haben Sie als Ammann nicht erreicht?

Ich glaubte, eine Fusion zu einer Grossstadt Baden wäre noch in meiner Amtszeit möglich. Spürte man doch nach unserer Fusion einen richtigen «Drive» der Politiker in der Region. Und es waren auch einige Projekte am Laufen. Die Badener haben mich in dieser Frage aber enttäuscht. Ich dachte, die Bewohner dieser Stadt seien weltoffen, weit gereist und wüssten, dass kleine Strukturen langfristig keinen Sinn mehr machen.

Ein abtretender Ammann sagte kürzlich, er habe manchmal einen «Schoggijob» gehabt. Hatten Sie es auch locker in den letzten 25 Jahren als Gemeinderat?

Diese Aussage trifft für mich sicher nicht zu. Als Ammann von Ehrendingen hatte ich sicher keinen «Schoggijob», aber das Amt hat dennoch grossen Spass gemacht, weil Politik mein neues Hobby wurde. Fakt ist, dass wir wegen des starken Wachstums immer wieder gefordert waren, wir mussten die Infrastruktur stets anpassen. Das gelang uns meines Erachtens sehr gut. Aber der Aufwand für dieses Amt war schon gross, zum Glück hat mich meine Frau immer unterstützt, sonst wäre weder meine berufliche noch meine politische Karriere in diesem Ausmass möglich gewesen. Ich habe auch immer auf ein funktionierendes Team im Gemeinderat und auf sämtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Gemeinde zählen können.

Sie wuchsen in Grenchen auf, sassen nun 25 Jahre im Ehrendinger Gemeinderat – und doch haben Sie kürzlich gesagt, Sie fühlten sich noch immer nicht als Einheimischer.

Ich rede ja nach wie vor nicht wie die Ehrendinger, sondern immer noch wie ein Solothurner (lacht). Was ich damit gemeint habe: Ich bin nicht bloss ein Ehrendinger, sondern in erster Linie Europäer und Schweizer. Das hat damit zu tun, dass ich als junger Mann ein paar Jahre in Südafrika arbeitete. In meinen späteren Berufsjahren war ich ebenfalls in der ganzen Welt unterwegs. Dort spielt es keine Rolle, ob man aus Zürich, Grenchen oder aus Ehrendingen kommt.

Was machen Sie nächstes Jahr?

Ich gehe weiterhin viel auf Reisen. Ich werde wieder mehr Sport treiben, wie früher, als ich Judo machte und Fussball spielte. Auch werde ich wiederum vermehrt auf den Schwingplätzen anzutreffen sein. Ich werde viel kochen, das ist ein grosses Hobby. Und ich freue mich darauf, in der Beiz wieder sagen zu können, was ich denke, ohne dies als Ammann zu tun.

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