Baden/Obersiggenthal

Rettung in letzter Sekunde: «Wir glauben an den ‹Himmel›» – das Traditionscafé hat einen neuen Besitzer

Dominik Frei: «Himmel wird Himmel bleiben»

Interview mit Dominik Frei

Die Bäckerei Konditorei Frei AG mit Sitz in Obersiggenthal übernimmt den «Himmel» und seine 35 Mitarbeitenden. 

Der «Himmel» muss doch nicht schliessen: Die Bäckerei Konditorei Frei AG mit Hauptsitz in Obersiggenthal übernimmt das 170 Jahre alte Badener Traditionsgeschäft und rettet es vor der Pleite. Der neue Inhaber Dominik Frei erzählt im Interview, wie die Rettung in letzter Sekunde zustande kam.

Diesen Sonntag wäre für das Caféhaus Himmel in Baden und Wettingen die Gnadenfrist abgelaufen. Quasi in letzter Sekunde kann das Ende des 170-jährigen Unternehmens nun doch noch abgewendet werden: Die Bäckerei Konditorei Frei AG mit Sitz in Obersiggenthal übernimmt den «Himmel» und seine 35 Mitarbeitenden.

Am Freitagnachmittag wurden die Verträge unterzeichnet, am Abend hat Inhaber Dominik Frei die «Himmel»-Angestellten informiert. Er schildert im Interview, wie es zur Übernahme gekommen ist, wieso er den «Himmel» vor dessen Konkurs übernimmt und wie er das Caféhaus wieder in die Erfolgsspur bringen will.

Das Gespräch findet im Büro seiner Produktionsstätte in Obersiggenthal statt. Es riecht nach frischem Gebäck. Firmenchef Frei, der selber noch rund einen Tag pro Woche in der Backstube arbeitet, ist überglücklich: «Der Himmel ist Kult. Ich freue mich für die Mitarbeiter und Kunden, dass es weitergeht.»

Herr Frei, warum übernehmen Sie den «Himmel»?

Dominik Frei: In den letzten Jahren haben wir immer wieder über die strategische Ausrichtung unseres Betriebes diskutiert. Für uns stand schon lange fest, dass wir in der Badener Innenstadt eine Filiale eröffnen möchten. Aber wir hatten keinen zeitlichen Druck, wir waren bereit abzuwarten, bis sich am bestmöglichen Standort eine Gelegenheit bietet. Das ist nun der Fall. Und natürlich ist der «Himmel» für mich und für uns eine Herzensangelegenheit. Der Himmel ist Kult, er gehört zu Baden wie der Stadtturm.

Wie kam die Übernahme zustande?

Ich habe am 30. Januar vom bevorstehenden Konkurs gehört, so wie wohl auch Sie. Nachdem ich einen Tag später Ihren Artikel im «Badener Tagblatt» las, schrieb ich dem Himmel-Geschäftsführer Jörg Holstein eine E-Mail. Ich wünschte ihm viel Kraft und bot ihm meine Unterstützung an. Ich teilte ihm mit, dass unsere Firma grosses Interesse am «Himmel» habe. Noch am selben Tag hatten wir Mailkontakt, einen Tag darauf telefonierten wir, und ich ging zum Bezirksgericht, bereits ausgestattet mit einer Vollmacht. Sie sehen, Jörg Holstein war sehr kooperativ. Beim Gericht erfuhr ich, dass die Anzeige wegen bevorstehender Zahlungsunfähigkeit eingereicht, der Konkurs aber noch nicht eröffnet worden war. So blieb uns noch etwas Zeit für die Übernahme.

Aber nicht viel Zeit – es handelt sich um eine Rettung in letzter Sekunde.

Richtig, die Gerichtspräsidentin hat mir gesagt, es sei zwei Sekunden vor zwölf Uhr. Ab Montag übernimmt unsere Firma, die Bäckerei Konditorei Frei AG, rückwirkend per 1. Februar 2019 die Mietverträge, die Mitarbeiterverträge und das Inventar. Zu einem späteren Zeitpunkt wird dann sehr wahrscheinlich der Konkurs über die Cielito Holding GmbH sowie die Himmels-bijou GmbH eröffnet. Wir führen den Betrieb also nahtlos, ohne Unterbruch weiter. Unser Zeitplan ist sehr, sehr ehrgeizig.

Wie hoch sind die finanziellen Altlasten? Wir hörten von mehreren Hunderttausend Franken an ausstehenden Zahlungen für Lieferanten sowie ausstehender Löhne und Sozialleistungen.

Wir kennen nicht alle Zahlen der Himmels-bijou GmbH, weshalb ich darüber keine Aussage machen kann. Aber alle Verbindlichkeiten, die mit den 35 Mitarbeitern in Zusammenhang stehen, übernehmen wir, auch rückwirkend für die letzten Monate.

Wieso haben Sie nicht erst den Konkurs abgewartet, um dann das Inventar billiger aus der Konkursmasse erwerben zu können?

Wir denken langfristig: Wir wollten um jeden Preis verhindern, dass der Betrieb schliesst und uns Mitarbeiter verlassen. Das Knowhow muss erhalten bleiben. Es war für mich nicht einfach, die Berg- und Talfahrt der Angestellten mitzuerleben, im Wissen, dass sich eine Lösung ergeben könnte.

Für die Schulden des «Himmel» bei den Lieferanten kommt Ihre Firma aber nicht auf?

Nicht für alle Verbindlichkeiten. Das wäre nicht möglich. Wir müssen den laufenden Betrieb sicherstellen können.

Was kostet Sie die Übernahme?

Über die genaue Summe haben wir Stillschweigen vereinbart.

Wo fanden die Gespräche statt, in einer Frei- oder Himmelfiliale?

Weder noch, sondern an einem völlig neutralen Standort, im Falkengebäude in Baden, den Räumen der Rechtsvertretung. Ich war in den letzten 14 Tagen nie im Café Himmel, denn ich wollte verhindern, dass es unnötigen Gesprächsstoff gibt.

Wird Herr Holstein weiterbeschäftigt?

Ja. Herr Holstein wird als Geschäftsführer im Himmel arbeiten, aber seine Tätigkeit wird sich verändern, wir werden künftig bei administrativen und strategischen Fragen die Verantwortung tragen.

Eine Frage, die nun wohl vielen Lesern unter den Nägeln brennt: Bleibt der Name «Himmel» bestehen?

Ja, die Hauptfiliale beim Bahnhofplatz wird weiter «Himmel» heissen. Im Hintergrund wird der Namen Frei aber schon zu sehen sein. Beim «Bijou» und «Delise» ist es denkbar, dass sie dereinst den Namen «Frei» tragen.

Und was passiert mit dem Angebot und dem Interieur? Dürfen «Himmel»-Stammgäste weiter auf ihre Lieblingsprodukte hoffen?

Der «Himmel» wird der «Himmel» bleiben. Klar, das Sortiment wird Schritt für Schritt angepasst. Das ist auch der grösste Vorteil für die Kunden, weil wir ein Vollsortiment anbieten können. Aber die «Himmel»-Renner werden wir weiterhin verkaufen. Fest steht, dass wir die beste Adresse in Baden für Bäckerei- und Konditoreiprodukte sein wollen. Hierfür muss der Himmel fitter werden. Vorerst produzieren wir noch in der Hauptfiliale, aber mittelfristig kann es ein Vorteil sein, dass wir fünf Minuten entfernt, in Nussbaumen, über eine Top-Produktionsstätte verfügen. Das bedeutet aber nicht, dass wir eine Massenproduktion anstreben.

«So viele Emotionen» nach der «Himmel»-Rettung

«So viele Emotionen» nach der «Himmel»-Rettung

Der Tele-M1-Bericht vom Samstag, 9. Februar.

Viele Leute fragen sich: Wie konnte es passieren, dass ein Geschäft wie der «Himmel» an bester Lage in finanzielle Schwierigkeiten gerät?

In der Branche ist es eine grosse Herausforderung, wirtschaftlich zu arbeiten. Unsere direkte Konkurrenz ist vor allem die Industrie, die beispielsweise die meisten Tankstellenshops beliefert. Ausserdem gibt es viele Importprodukte. Die Wertschöpfung ist in vielen Betrieben zu wenig hoch. Um 100 Franken Umsatz zu haben, müssen wir 80 Gipfeli verkaufen. Eine hohe Kundenfrequenz ist folglich extrem wichtig.

Hatte der Himmel also zu wenige Kunden?

Das alleine nicht, die Summe aus einigen Problemen führte zum Scheitern. Klar ist: Es gibt an allen drei Himmel-Standorten Optimierungspotenzial. Im Hauptgeschäft stimmte das Verhältnis vom Mietzins zum Umsatz, nicht aber in der Langhaus-Filiale. Das hatte auch mit der grossen Bautätigkeit zu tun. Die Schwierigkeiten bestehen nicht erst seit zwei Monaten, sondern seit rund fünf Jahren. Die Lohnkosten waren anteilsmässig zu hoch.

Warum glauben Sie, können Sie das Ruder rumreissen?

Wir glauben an den «Himmel», an den Namen, den Standort und die treue Kundschaft. Ich freue mich auf die Kontakte. Vielleicht schaffen wir es, neue Kunden anzulocken. Wir müssen innovativer werden, der Himmel muss spürbarer werden bei den Passanten, beispielsweise mit Aussenverkauf und -Aktivitäten. Wir müssen aktiver werden.

Wie geht es jetzt weiter?

Jetzt beginnt die Arbeit erst. Die Übernahme wird uns in den nächsten zwölf Monaten stark beschäftigen.

Die Liegenschaft «Himmel» gehört einer Erbengemeinschaft. Wie lange läuft der Mietvertrag für die «Himmel»-Filiale noch?

Wir haben vorerst eine Perspektive von sieben Jahren. Danach ist offen, wie es weitergeht.

Frei ist einer der grössten Bäckereibetriebe im Kanton Aargau. Wie gross wollen Sie noch werden?

Ich und mein Bruder haben hierzu nichts definiert. Es kann auch sein, dass wir in Zukunft eine Verkaufsstelle an einen Branchenkollegen abgeben. Nach der Übernahme des «Himmel» werden wir 196 Mitarbeiter haben. Aber wir sind und bleiben ein Familienbetrieb.

Sie wollen zwar nicht als Retter dargestellt werden. Aber die Genugtuung und der Stolz müssen schon vorhanden sein.

Klar. Die Freude ist gross. Die Menschen sind das Wichtigste, für die Kunden und Mitarbeiter freue ich mich sehr.

Die Erfolgsgeschichte der Bäckerei Frei in Bildern:

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