Baden

Revolution in der Rathausgasse: Das neue Stück «Zürich–Petrograd» feiert Premiere

Das «Teatro Palino» lässt in der neusten Produktion 100 Jahre Oktoberrevolution Revue passieren - in der «Unvermeidbar», in der Rathausgasse und im «Teatro Palino».

In der Schweiz ersonnen, von Deutschland in Gang gesetzt und in Russland verwirklicht – so lautet die Bilanz von Lenins revolutionärem Projekt. War es die riesigen Opfer wert? Was bleibt vom Sowjet-Menschen, 100 Jahre danach? Darum geht es im neuen «Teatro Palino»-Stück. Am Dienstag war Uraufführung von «Zürich - Petrograd».

Marx hat gesagt: «Revolutionen sind die Lokomotiven der Geschichte.» Könnte die Maxime besser passen als im Falle Lenins? Im April 1917 bestieg dieser in Zürich einen von einer Dampflokomotive gezogenen Zug, der ihn nach Petrograd brachte. Ein halbes Jahr später war die Oktoberrevolution da.

Doch im «Teatro Palino» ist die Zugreise, anders als in der ersten Lenin-Produktion des Basler Theaterduos Maria Thorgevsky und Dan Wiener vom April, nur ein Schnaufen vom Band. Aber die Zuschauer wissen: Lenin kehrt aus dem Exil heim, packt die Chance und wird schon bald zum Helden stilisiert.

Das Badener Revolutionsstück vollführt die Wandlung von einem unter vielen Schweizer Emigranten zu Russlands erstem Diktator draussen – als Strassentheater auf der Rathausgasse. Dort steht Lenin auf einem Sockel, gestikuliert, weist den Weg und erstarrt, während unter ihm der «Rote Oktober» getanzt wird.

Stella Palino serviert Wodka

Überhaupt: Im ersten Teil des Stücks, in der «Unvermeidbar» gleicht das Geschehen einem wirren Gewusel der Akteure. Der Zuschauer weiss nicht recht: Ist das jetzt schon Teil der Handlung? Oder hat es noch gar nicht angefangen? Wo soll ich eigentlich hinschauen? Stella Palino wirbelt umher, reicht den Gästen, nomen est omen, ein Glässchen Gorbatschow-Wodka und macht sich über die Dadaisten lustig, die prustend Schwimmbewegungen vollführen.

Lenin und Trotzki kommen zu spät. Und die Prostituierte Petronella will sich nicht ausziehen. «Wir haben den ersten Teil bewusst als Theater im Theater inszeniert, nicht ganz so ernsthaft», sagt Regisseurin Hilde Schneider.

Dafür geht es im zweiten Teil von «Zürich - Petrograd, der im «Teatro Palino» vis à vis spielt, strenger, theatralischer zu. Aber dort spielt Lenin schon keine Hauptrolle mehr. Denn er ist tot – aufgebahrt in seinem Mausoleum auf dem Roten Platz.

Und seine Erben ziehen, um die Mumie herumstehend, Bilanz, lassen 100 Jahre Revue passieren, hadern mit sich, dem Vergangenen und dem Neuen, was an dessen Stelle getreten ist. Es sind starke Sätze, die dort fallen: «Niemand hat uns die Freiheit gelehrt, nur wie man für sie stirbt» oder in Anspielung auf Vladimir Putin: «Felix Dserschinski (Gründer der sowjetischen Geheimpolizei) ist weg, doch die Lubjanka (deren Sitz) ist geblieben.» Sehenswert.

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