Zu viert reissen sie ihn los, zerren ihn aus den Umarmungen seiner Familie und seiner Freunde. «Abreise», rufen sie laut, die Zimmergesellen, die gekommen sind, um Roman Brem abzuholen. «Abreise, los!» Doch Roman Brem will nicht so recht. Er strauchelt in seiner schwarzen Kluft. Der Hut fällt ihm fast vom Kopf. Zwei Kameraden stützen ihn, stossen ihn nach vorn, weg vom Küntner Ortsschild, hinter dem die Familie und die Freunde traditionsgemäss zurückbleiben müssen. Der junge Zimmermann schaut auf den asphaltierten Weg vor ihm, auf dem seine Walz (die Wanderjahre) beginnen soll.

Er stemmt sich gegen die drängenden Kameraden, wirkt wie ein Todeskandidat, der seinen letzten Gang antreten muss. Dabei macht der 21-Jährige gerade die ersten Schritte einer Reise, auf die er sich jahrelang gefreut hat. «Los, Abreise, reiss dich zusammen», schreien ihm seine Begleiter ins bleiche Gesicht. Roman Brem ist in diesem Moment weit weg, benebelt von Wein und Schnaps, der am Morgen bei seiner Abschlussfeier in der Dorfbeiz die Runde machte Erschlagen von der Pfingstsonne, die auf seine schwarze Kluft niederbrennt, und vom Gedanken, dass er jahrelang nicht mehr hierhin zurückkehren darf.

Zwei Tage zuvor sitzt der junge Zimmermann auf der Terrasse seines Elternhauses in Künten und schaut auf eine Schweizer Landkarte. Rund um Künten hat er mit einem Zirkel einen roten Kreis gezogen. Wer als fremder rechtschaffener Geselle auszieht, darf für mindestens drei Jahre und einen Tag nicht näher als 50 Kilometer an seinen Wohnort herankommen. Das ist seit Jahrhunderten so. Heute ziehen weltweit jedes Jahr nur noch einige hundert Gesellen auf die Walz aus.

Noch im Mittelalter galten die Wanderjahre als Voraussetzung für die Zulassung zur Meisterprüfung. Wer Karriere als Handwerker machen wollte, der zog hinaus in die weite Welt und liess sich in der Fremde zum Meister ausbilden. «Heute ist die Walz längst nicht mehr Bedingung für die Meisterprüfung», sagt Roman Brem und wischt sich den Schweiss von der Stirn. Trotz den sommerlichen Temperaturen läuft er seit Anfang April, als er von der Gesellschaft der rechtschaffenen fremden Zimmerer- und Schieferdeckergesellen in Zürich aufgenommen wurde, in der traditionellen schwarzen Gesellen-Kluft umher. Wanderschuhe, lange Manchesterhosen, das weisse Hemd und daran geknöpft die «schwarze Ehrbarkeit» – ein Stoffband mit dem goldenen Zimmergesellen-Symbol. Darüber eine Weste und eine schwere, schwarze Jacke. «Man gewöhnt sich schnell daran. Hitze ist eine Einstellungssache», lacht Brem und faltet die Landkarte zusammen.

Fernweh plagt den jungen Küntner seit seinem Lehrabschluss. «Ich will die Welt sehen, mit Menschen in anderen Ländern arbeiten und leben.» Touristenreisen behagen ihm nicht. Er will mehr. Auf der «Tippelei» (den Wanderjahren) wird er von Krug zu Krug reisen (so nennen die Gesellen ihre Herbergen, die sie auf der ganzen Welt betreuen) und wo immer möglich arbeiten. «Ich nehme alles an. Am liebsten aber würde ich für eine Zeit auf einem Schiff verdingen.» Einen genauen Reiseplan hat Brem nicht. Nach der Wandergesellen-Tradition muss er zuerst ein Jahr lang im deutschsprachigen Raum bleiben. Danach möchte er nach Schweden, Kanada, Neuseeland und auf die chinesische Mauer. Zeit hat er ja, den Willen auch.

Und doch wird das Reisen kein Kinderspiel. «Auf der Tippelei reist man zu Fuss oder per Autostopp», erklärt Brem. «Fliegen oder ÖV kommen nur zur Not infrage.» Akribisch hat sich Roman Brem auf seine Wanderjahre vorbereitet. Er hat sich vom Wohnort abgemeldet, eine spezielle Reiseversicherung abgeschlossen und seine sieben Sachen fein säuberlich in den «Charlottenburger» (Gesellentuch) gepackt. Vier Ersatzhemden, Unterwäsche, ein Paar Schuhe, eine Zahnbürste, sein offizielles Gesellen-Wanderbuch, eine Kamera und seinen «Stenz» (Wanderstock): Mehr nimmt er nicht mit auf die weite Reise. «Mein Natel hab ich abgegeben, meinen Facebook-Account gelöscht. Für solche Dinge habe ich die kommenden Jahre keine Zeit», sagt er schmunzelnd.

Einfach wird ihm der Start auf seine Walz trotzdem nicht fallen. Das ahnt er schon zwei Tage, bevor er angetrunken aus dem Dorf stolpern wird. Die «Kuhköpfe», die ihn in seiner Kluft gross anstarren werden, sind ihm egal. Sorgen bereitet ihm etwas ganz anderes. Roman Brem hat seit Kurzem eine Freundin. «Wir haben uns kennen gelernt, als ich mich bereits definitiv für die Walz entschieden hatte. Es ist schön mit ihr.» Er schaut kurz weg, rückt seinen Deckel (Gesellenhut) zurecht. Vielleicht kommt sie ihm dann mal nach. Er wird ihr sicher schreiben, das hat er sich fest vorgenommen. Aber die Walz wegen ihr abbrechen, das Ganze einfach sausen lassen? Kommt nicht infrage. Roman Brem will gehen, über Stock und Stein, hinein in die weite Welt, seinen Charlottenburger geschultert, seine schwere Jacke zugeknöpft, den Reiz der Ferne vor den stahlblauen Augen.

Und plötzlich reizt sie ihn doch nicht mehr, die Ferne. Bedrohlich lauert sie da vorn am Weg hinter dem Küntner Ortsschild. Die Kameraden zerren ihn von seiner Familie weg. Er fasst sich, stolpert voran. Zurückschauen ist verboten. Vorwärts geht’s für Roman Brem, ab auf die Walz. Seine sieben Sachen lasten schwer auf den Schultern. Die Jackentaschen sind vollgestopft mit Briefen und Fünflibern, die ihm die Küntner auf dem traditionellen letzten Gang durchs Dorf – dem «Spinnermarsch« – zugesteckt haben. «Auf, geliebte Brüder / durch Gebirg und Tal», schallern seine Begleiter. Brem stolpert seinem Schicksal entgegen. Nach Norden solls gehen, wo es nicht so verdammt heiss ist, hat er vor zwei Tagen gesagt. Doch wo er heute schlafen wird, das weiss nur Gott – oder der Teufel.