Was passiert, wenn einer auf die in der Verfassung garantierten Rechte auf Meinungs- und Religionsfreiheit pocht, die der Staat mit Füssen tritt? In der DDR fliegt er dann von der Universität. Der Student und nachmalig berühmte Autor aus Mecklenburg, Uwe Johnson, hat die Auseinandersetzungen an der Universität Rostock 1953 hautnah miterlebt und diese in seinem Erstling «Ingrid Babendererde. Reifeprüfung 1953» verdichtet. Der Roman erschien freilich erst nach Johnsons Tod 1984. Hat das frühe Werk inzwischen an Relevanz verloren? Nein, sagt Sewan Latchinian, Regisseur und Intendant des Volkstheaters Rostock, das erstmals im Kurtheater spielt.

Es gärt in Rostock

Latchinian ist in Baden kein Unbekannter: Seine früheren Gastspiele mit der Neuen Bühne Senftenberg sind hier in bester Erinnerung. Nun sind die Rostocker am Zug, die aus einer Stadt stammen, die Schlagzeilen durch ihre geplanten rigiden Kultursparprogramme macht. Es gärt dort also, was Holger Teschkes Bühnenfassung von «Ingrid Babendererde» zusätzlich schärft.

Vorerst fragt man sich aber auch bei dieser Bearbeitung: Lässt sich ein Roman soweit bändigen, dass er bühnentauglich wird? Die Antwort lautet ja. Der Schauplatz der Auseinandersetzung ist mit einer Oberschule gesetzt; das politische Frage-und-Antwort-Spiel während des Unterrichts als Dreh- und Angelpunkt des Stücks gegeben. Gerade das Hin und Her der Argumentationen könnte ermüden. Tut es aber nicht, weil Latchinian die Geschichte in kurze Szenen gliedert und diese in einem Guckkasten inszeniert. Spruchbänder, die mit bürgerlichen Bildungszitaten beschrieben sind, ziehen sich durch den Raum. Die Figuren wirken nie staubtrocken. Im Gegenteil: So, wie sie auf der Bühne im Look der 50er Jahre und begleitet von Live-Musik der Gruppe Wallahalla erscheinen, wirken sie lebensnah, unbeschwert, witzig, poetisch und anrührend ernsthaft.

Ernsthaftigkeit mit leichter Hand

Auf diese Ernsthaftigkeit verweist Latchinian gleich am Anfang mit einem wunderschönen Bild: Die Schauspielerinnen und Schauspieler stehen nebeneinander, sodass sie dem «Fries der Lauschenden» ähneln, einer Skulpturengruppe des Bildhauers Ernst Barlach, der in Rostock gestorben ist. So entdeckt der Regisseur überall Querverbindungen, um eine Geschichte auszubreiten, in der die dogmatische Partei weder der Schülerin Ingrid Babendererde noch ihren Freunden Klaus und Jürgen eine Chance lässt. Es überrascht nicht, dass das Trio die DDR verlässt. Was bleibt? Eine mit leichter Hand erzählte und vom Ensemble bestechend gespielte Geschichte, die – Uwe Johnson folgend – aufzeigt: Schon in den Anfängen der DDR war ihr Ende angelegt.