Die Veranstaltungsreihe «Royal Scandal Cinema» startet am 4. Oktober 2018 im Kulturlokal «Royal» Baden in die neue Saison, wie die Organisatoren in einer Medienmitteilung ankünden.

Seit der Erfindung des Kinos habe das Filmschaffen regelmässig neue Skandale hervorgebracht, zum Teil unbeabsichtigt, zum Teil bewusst provoziert. Regisseure und Schauspielerinnen wurden verteufelt, Bürgerbewegungen sorgten sich um den Erhalt von Sitte und Moral und forderten Zensur. Trotz oder gerade wegen dieser Proteste sind viele Filme in die Annalen der Geschichte eingegangen.

Wie im Schreiben der Veranstalter steht, geht der Film- und Diskussionszyklus «Royal Scandal Cinema» diesem Phänomen nach und unternimmt eine Reise in skandalträchtigere Zeiten, in welchen das Kino noch für Eklat sorgen konnte. Zusammen mit Referentinnen und Referenten aus Filmwissenschaft, Geschichte, Religionswissenschaft und Ethnologie möchte man aufzeigen, welche Grenzen unwiderruflich überschritten wurden, welche Bilder heute noch bewegen und geht der Frage nach, wie abgestumpft unsere Gesellschaft denn wirklich ist. Der Anlass findet monatlich statt.

Gezeigt wird diesen Donnerstag «Ursula» von Egon Günther. Die erste und einzige Koproduktion des Fernsehens der DDR und des Schweizer Fernsehens. Die unkonventionelle Interpretation der Novelle «Ursula» von Gottfried Keller löste in der Schweiz, wie auch in der DDR Empörung aus. Gemeinsam mit Thomas Beutelschmidt, Historiker am Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam, wird dem auf den Grund gegangen.

Skandal am Reformationssonntag

Im Jahr 1523 kehrt der Söldner Hansli Gyr zu seiner Verlobten Ursula Schnurrenberger ins Zürcher Oberland zurück. In seiner Abwesenheit hat ein religiöser Umbruch stattgefunden: In der Stadt Zürich huldigte man Huldrych Zwinglis Lehren, im Zürcher Oberland hat sich das Täufertum verbreitet. Auch Ursula hat sich den Täufern zugewandt, zum völligen Unverständnis Hanslis. Der Entzweiung der beiden führt dazu, dass Hansli in Zürich Antworten auf die neuen religiösen Verhältnisse sucht – und zum Anhänger Zwinglis wird. Währenddessen werden Ursula und ihre Täufergemeinde zur Zielscheibe des Reformators.

Wie die Veranstalter in ihrem Schreiben mitteilten, landete «Ursula» nach der Erstausstrahlung in der DDR im Giftschrank. Auch in der Schweiz seien die Reaktionen auf den Film heftig. Das Schweizer Fernsehen erhielt eine Vielzahl an Briefen empörter Zuschauerinnen und Zuschauern. Die darin enthaltenen Kommentare lauteten von «Der Gottfried Keller hat sich sicher im Grabe umgedreht.» Bis hin zu «Wer sind die Verantwortlichen, die uns am Reformationssonntag die pornografische Schweinerei ‹Ursula› zumuteten?».

Die Kritik zielte auf Form und Inhalt. Durch die zerhackte und verwirrende Erzählweise sei das Verständnis des Films für die Zuschauenden erschwert worden. Das Vorhandensein von Strommasten in der Landschaft des 16. Jahrhunderts, der Einsatz eines Deltaseglers und der Gebrauch von Schimpfwörtern aus den 1970er Jahren wurden nicht goutiert. Schlagkräftiger waren die Kritikpunkte auf inhaltlicher Ebene: Zwingli wirke hart und unmenschlich; die Täufer als eine sektiererische Gruppe, die sich sexuellen Ausschweifungen hingibt. Letzteres brachte dem Film auch den Vorwurf der Pornografie ein.

Film von Pfarrerin thematisiert

Für mehr Hintergrund zu diesem kontrovers diskutierten Film werde Thomas Beutelschmidt in seinem Einführungsreferat sorgen, künden die Organisatoren an. Als Medienhistoriker, Ausstellungskurator, Regisseur und Publizist habe er sich intensiv mit Film und Fernsehen der DDR auseinandergesetzt, unter anderem mit der «Geschichte der Literaturverfilmung Ursula von Egon Günther». Am Sonntag wird der Film auch Thema im Gottesdienst der reformierten Kirche Baden sein. Die Stadtpfarrerin Christina Huppenbauer bezieht sich in ihrer Predigt auf den Film und seine Bedeutung aus theologischer Sicht. (AZ)