Die Vögel zwitschern. Schüler schwatzen vergnügt vor dem Supermarkt Spar. Eine Gruppe Wanderer klopft sich nach einem Ausflug zufrieden auf die Schultern und nimmt auf der Gartenterrasse des Restaurants Rütihof Platz. Einen idyllischeren Empfang könnte man sich für den Quartierrundgang nicht wünschen. «Rütihof ist in der Tat sehr beschaulich», sagt Stefan Widmer, Präsident des Dorfvereins Rütihof, und lächelt. «Das hat zum einen mit der Lage Mitten im Grünen zu tun. Zum anderen damit, dass hier ein ausgeprägtes Dorfgefühl herrscht.»

Stefan Widmer sitzt gemeinsam mit Peter Züllig von der Chronikgruppe Rütihof auf der Terrasse der Gastwirtschaft. Es ist das einzige Restaurant hier und ein Ort, an dem sich Bewohner und Vereine gerne treffen. Wirt Ibo Elmali bezeichnet seine Gäste als sehr zuvorkommend: «Sie wissen die Qualität zu schätzen und zeigen es. Das freut uns sehr.» Elmali, der seit drei Jahren hier wirtet, gefällt zudem der Standort. «Rütihof ist sehr modern», sagt er.

Bei einem kühlen Getränk kommt Peter Züllig, der seit 40 Jahren hier lebt, noch einmal auf das Dorfgefühl zurück. «Es zeigt sich unter anderem daran, dass der Zusammenhalt unter den Bewohnern gross ist. Wenn immer es geht, helfen wir uns gerne gegenseitig.» Dass das so ist, zeigt sich, als wir den Rundgang starten und Richtung Birch- und Jurastrasse gehen. Stefan Widmer hält nach wenigen Metern an und zeigt auf den Spielplatz. «Vor über 20 Jahren ergriffen vier Dorfbewohnerinnen die Initiative für den Bau eines Spielplatzes. Wenige Zeit später konnte dieser 1999 mit vereinten Kräften eingeweiht werden», sagt Widmer, der selber beim Aufbau mithalf. Ein weiter Spielplatz soll nun beim Primarschulhaus entstehen, doch dazu später.

Zwei «Kapitalverbrechen»

Um die Ecke befinden sich der ehemalige Buswendeplatz und eine Grünfläche. «Hier», so Peter Züllig, «stand bis Anfang der 1990er-Jahre ein Dorfladen-Provisorium». Genau wie der Spielplatz entstand auch dieser auf Anregung der Bevölkerung. Und das kam so: Nachdem Rütihof 1962 mit der Stadt Baden fusionierte, wuchs im neu eingemeindeten Quartier die Bautätigkeit. «Damit stieg auch das Bedürfnis nach einer Einkaufsmöglichkeit im Dorf», erklärt Züllig. Denn bisher gab es nur einen Hofladen, der bald aufgegeben wurde, und einen Verkaufswagen der Migros, der in Rütihof von Zeit zu Zeit Halt machte. Die Idee eines Dorfladens fand grossen Anklang, sodass schon bald eine Einkaufsgenossenschaft gegründet wurde. Nach zahlreichen Anstrengungen und vielen Stunden Fronarbeit eröffnete 1974 ein Dorfladen. Die Migros verzichtete daraufhin, weiter mit ihrem Wägeli vorzufahren. Anfang der Nullerjahre zügelte der Dorfladen aus Platzgründen in die neue Überbauung «Winkelmatt».

Der Rundgang führt nun zum ehemaligen Post-Gebäude. «Der Tatort des zweiten Kapitalverbrechens Rütihofs», sagt Züllig. 1987 verübten hier zwei maskierte Personen einen Raubüberfall. «Der wehrhaften Frau des damaligen Posthalters, Regina Hilfiker, gelang es zum Glück, die Diebe in die Flucht zu schlagen», erinnert er sich. Doch: Trotz Fahndung und Zeugenaufruf blieben die Täter unentdeckt – bis heute.

Es geht weiter Richtung «Berner Loch», wie der pensionierte Architekt und Informatiker, der nach dem Studium bei der Stadtplanung Baden tätig war, das Tääli am Fusse der Dorfkapelle nennt. Der Name stammt von einem Berner Landwirt, der sich dort als erster niederliess. Wie Züllig sagt, habe die Stadt Baden dessen Land im Zuge der Bautätigkeit in den 1970er-Jahren überbauen wollen. «Im damaligen Zonenplan war für Rütihof eine Einwohnerzahl von rund 4500 Personen vorgesehen. Zum Glück kam man von diesem illusorischen Vorhaben weg.» Widmer und Züllig sind zufrieden, wie sich Rütihof seit der Fusion mit Baden entwickelt hat: «Das Wachstum erfolgte mit Mass, sodass der Dorfcharakter erhalten werden konnte», sagen sie unisono. Bauland gibt es in Rütihof inzwischen keines mehr, jedoch noch Potenzial für verdichtetes Bauen. «Sehen Sie den grossen Kran?», fragt Züllig. «Dort wird derzeit zum dritten Mal innert weniger Jahrzehnte ein Gebäude abgerissen und neu realisiert.»

Die beiden Dorfvereinsmitglieder führen nun die Kirchgasse hoch, wo «das erste Kapitalverbrechen» geschah: der Lehrermord von 1881. Der damalige Lehrer, der im Clinch mit einem Alt-Gemeinderat lag, wurde auf dem Nachhauseweg mit einer Schrotflinte auf der Strasse von diesem erschossen. «Ein dunkles Kapitel in unserer Dorfgeschichte. Der Täter erhielt dafür eine lebenslängliche Gefängnisstrafe», sagt Züllig. Positives gibt es hingegen von weiter oben zu berichten, wo sich das Pfarreiheim mit dem offenen Bücherschrank, das Remise-Theater, die Kapelle, der Rebberg und die Brauerei befinden.

Hier treffen wir auf Beat Hunziker und Jürg Stäuble. Hunziker braut seit 1998 das Rütihöfler Bräu, das unter anderem ab Hof und auf Bestellung gekauft werden kann. Neben Bierbrauen hat er aber auch eine zweite Leidenschaft: der Weinbau. Er war es denn auch, der den Rütihöfler Rebhügel reaktiviert hatte. «Ich wünschte mir, dass im Dorf endlich wieder Wein angebaut wird», blickt Hunziker zurück, dem einen Teil des Hang-Geländes bei der Kapelle gehört. Anfang des 20. Jahrhunderts hatte die Reblaus ganze Kulturen zerstört. Die Folge war, dass der Rebhügel nach und nach zu Weideland und zu einem Baumgarten wurde. Als Hunzikers Idee auch bei der zweiten Besitzerfamilie Anklang fand, war der Weg geebnet. «2007 wurde der Rebverein gegründet, zwei Jahre später konnten die ersten Trauben gelesen werden», sagt Jürg Stäuble, Betriebsleiter des Vereins. Heute wachsen auf einer Fläche von rund 20 Aren 700 Rebstöcke der Sorte Cabernet Dorsa und Pinot Noir. Stäuble gefällt, wie in Rütihof das Beisammensein gelebt wird. «Der Rebverein zählt 100 Mitglieder, aber auch sonst gibt es im Dorf viele Gelegenheiten, mitzumachen. Man kennt fast jeden. Das ist sehr schön.»

Zusätzlicher Spielplatz

Das Gemeinschaftszentrum Arche, das sich in der Nähe der Kapelle befindet, ist ein weiterer Treffpunkt. «Auch nach fast 20 Jahren ist die Gestaltung des Zentrums in der Bevölkerung umstritten», sagt Züllig und zeigt auf die Holzfassade, die inzwischen gräulich geworden ist. «Sie sieht sehr verwittert aus. Doch es gibt kein Grund zur Sorge, sie ist aus massiver Eiche gebaut, sehr robust und wird noch Jahre halten.» Nigelnagelneu ist hingegen die Primarschulanlage, die 2016 für rund 16 Millionen Franken erweitert wurde. Dabei hat die Stadt Baden einen Teil des Sportplatzes zur Verfügung gestellt, damit ein zusätzlicher Spielplatz für die Primarschule realisiert werden kann. «Engagierte Eltern haben ein Projekt erarbeitet und sich auf die Suche nach Sponsoren gemacht», sagt Widmer. «Der Bau erfolgt in Etappen und soll noch dieses Jahr beginnen.»

Von der Schulanlage geht es wieder Richtung Restaurant Rütihof. «Hier kommen wir an der wichtigsten Strasse des Dorfes vorbei», sagt Züllig und schmunzelt. Am Ende der Oberholzstrasse zeigt sich, weshalb: Gleich drei Schilder mit dem Strassennamen hängen hier innerhalb von wenigen Metern. Warum das so ist, wissen Züllig und Widmer nicht. «Das ist schon sehr eigenartig», sagen sie und zucken mit den Schultern. Bevor wir wieder zurück an den Ausgangspunkt gelangen, kommen wir beim Gebäude der Jungwacht-Blauring Rütihof vorbei. Mit über 160 Kindern und Jugendlichen ist es die zweitgrösste Jubla-Schar im Aargau. Worin liegt der Erfolg? Scharleiter Mia Enarson, Tim Reimers und Thomas Jörgensen sowie Präses Robert de Boer erklären, weshalb der Kinder- und Jugendverband im Dorf so gut ankommt.

«Die Jubla Rütihof ist trotz ihres verhältnismässig jungen Alters von 40 Jahren seit Generationen im Dorf verankert», sagt Reimes. Zum einen, weil man bei Dorfanlässen mitwirke und selber viele Aktivitäten anbiete. «Zum anderen gibt es in Rütihof nicht viele andere Mitmach-Möglichkeiten für Kinder und Jugendliche», so Enarson. Nicht zuletzt sei es in den letzten Jahren unter Schülern ein Trend geworden, Mitglied bei der Jubla zu sein. Das zeigte sich etwa letztes Jahr, als im Sommer 114 junge Rütihöfler am Lager teilnahmen. «Das waren so viele wie nie zuvor», freut sich Jörgensen. Dabei werde es bei solchen Jubla-Aktivitäten oft emotional. «Es bilden sich Freundschaften, es wird gelacht und vieles unternommen. Nicht selten kommt es vor, dass am Ende der Lager Tränen fliessen», sagt Enarson. Präses de Boer fügt an: «Die Jubla verbindet, schafft ein Zusammenhörigkeitsgefühl.»

«Wir glauben an den Standort»

Wie die Jubla ist auch die Twerenbold Reisen Gruppe fest in Rütihof verankert. «Hier sind das Herz und die Seele von Twerenbold», sagt Verwaltungsratspräsident Karim Twerenbold. 1990 zog das Familienunternehmen von Ennetbaden nach Rütihof aufs Land. Seither hat es sich stark weiterentwickelt: 2006 wurde ein moderner Busterminal mit 500 Parkplätzen gebaut, 2012 realisierte Twerenbold auf seinem Grundstück eine Überbauung und in diesem Jahr kam ein neues Bürogebäude mit weiteren Car-Einstellplätzen hinzu. «Der Umzug nach Rütihof war aus unternehmerischer Sicht die beste Entscheidung, die wir machen konnten», blickt Twerenbold zurück. Im Gegensatz zu Ennetbaden, wo der Platz beschränkt gewesen sei, könne man sich hier ideal weiterentwickeln. Dazu kommt, dass Rütihof mit der Nähe zur Autobahn optimal gelegen sei. «Das ist entscheidend für den Erfolg von Twerenbold.» So ist denn auch eine Verlagerung des Hauptsitzes heute oder auch in Zukunft für die Reisen Gruppe kein Thema: «Wir glauben an den Standort», betont Twerenbold.

Der Rundgang mit Stefan Widmer und Peter Züllig endet beim Restaurant Rütihof. Es ist mittlerweile Abend geworden. Die Gartenterrasse ist gut belegt – die Dorf-Bevölkerung geniesst das Zusammensein.