Baden

«Schaut euch an, schaut, wie schlecht und langweilig ihr lebt!»

Irina klammert sich fest, Trigorin fleht jammernd um Freiheit.ZVG

Irina klammert sich fest, Trigorin fleht jammernd um Freiheit.ZVG

Das Theater des Kantons Zürich gastierte mit Anton Tschechows «Die Möwe» im Kurtheater in Baden. Das Ensemble des Theater überzeugte in Barbara David Brüeschs Inszenierung dabei auf einer spartanisch geschmückten Bühne.

Anton Tschechow lässt seine Figuren gerne leiden. Ein abgelegenes Feriengut, ein stiller See und die quälende Präsenz verzweifelt geliebter und tief verabscheuter Mitmenschen: Das ist alles, was Tschechow den zehn Protagonisten in seiner tragischen Komödie «Die Möwe» (1895) gewährt, um sich die Zeit totzuschlagen.

Man lästert über die abendliche Theatervorstellung und klagt über den schlechten Schlaf; man liebt innig und stösst auf Gleichgültigkeit; man zweifelt am Leben an sich und fragt nach dem tieferen Sinn.

Das Ensemble des Theaters des Kantons Zürich tut dies in Barbara David Brüeschs Inszenierung auf einer spartanisch geschmückten Bühne und mit überzeugendem, temporeichen Spiel. Die Grundproblematik: Man weiss, dass man mitten im Leben steht, und scheitert kläglich beim mutlosen Versuch, etwas daraus zu machen.

Der Blick ins Publikum

Der junge Schriftsteller Konstantin (Pascal Goffin) begibt sich auf die Suche nach «neuen Formen», bricht schlussendlich aber unter dem hämischen Gelächter seiner selbstverliebten Mutter Irina (Katharina von Bock) in sich zusammen.

Trigorin (Pit Arne Pietz) hat viel Erfolg als Dramatiker, getraut sich aber nicht, als Protagonist sein eigenes Leben in die Hand zu nehmen. Und Nina (Miriam Wagner) stellt fest, dass sich Glück nicht durch Ruhm und Ehre erzwingen lässt.

Die vier zentralen Charaktere stehen für den mühseligen Kampf ums Überleben, den jeder Einzelne der auf der Bühne versammelten Gesellschaft im Wissen um seine eigene Nutz- und Bedeutungslosigkeit führen muss.

Als «endlose Schleppe» empfindet die unglücklich verliebte Gutstochter Mascha (Vera Bommer) das Leben. Und der dicke Pjotr (Andreas Storm) resümiert nach einer glücklosen Anwalts-Karriere: «Meine Zeit ist einfach vergangen, quasi ohne mich.»

Das andauernde Klagelied auf die unbarmherzige Schwere des Lebens in Tschechows «Möwe» mag spätestens im dritten Akt ermüdend wirken.

Doch wenn sich Trigorin unvermittelt an den Bühnenrand stellt und übers Kursaal-Publikum hinweg auf den imaginären See schaut, wird klar, dass der sehnsüchtige Blick nicht auf der stillen Wasseroberfläche bricht, sondern den See durchschneidet und den Zuschauern flehend ins Gesicht starrt.

«Schaut euch an, schaut, wie schlecht und langweilig ihr lebt!», schreit Trigorin stumm ins Publikum hinaus. So mindestens wollte Tschechow selbst sein Meisterwerk verstanden haben, wie er die Nachwelt einst in einer Stellungnahme wissen liess.

Gewehrschuss erhallt

Bleibt in Tschechows deprimierender Komödie Raum für Heiterkeit? Wohl sorgt Mascha für einen kurzen Lacher, wenn sie, unglücklich verliebt, verkündet: «Ich werde diese Liebe in mir töten. Ich werde heiraten.»

Doch auch ihr Blick haftet unangenehm auffordernd auf dem Publikum. Und so verstummt man, hört den dumpfen Nachhall des Gewehrschusses, mit dem sich Konstantin zum Schluss das Leben nimmt, und wundert sich über die Schwere der vergangenen Zeit.

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