Region
«Scheidungskrieg»: Warum sich Ennetbaden und Baden 1819 trennten

Es ging um Geld und verletzte Gefühle, bevor Baden und Ennetbaden getrennte Wege gingen. Dies könnte zu einem Ende kommen. Diese Woche fällt ein Grundsatzentscheid zur möglichen Wiedervereinigung der Nachbarn.

Pirmin Kramer
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Umzug durch Ennetbaden im Jahr 1919 – Jubiläumsfeier der Selbstständigkeit oder Gedenkfeier der Trennung? (ZVG/Ennetbadener Post)

Umzug durch Ennetbaden im Jahr 1919 – Jubiläumsfeier der Selbstständigkeit oder Gedenkfeier der Trennung? (ZVG/Ennetbadener Post)

Ennetbadener Post/ZVG

Übermorgen stimmt Ennetbadens Gemeindeversammlung ab, ob noch in der laufenden Legislatur eine Fusion mit Baden geprüft werden soll.

Ein Ja käme einer Willensäusserung gleich, den Zusammenschluss anzustreben – hätte aber noch keine definitive Fusion zur Folge. Dafür müssten die Stimmbürger in den kommenden Jahren noch mehrmals ihre Zustimmung geben.

Gesprächsthema ist die Abstimmung auf beiden Seiten der Limmat gleichwohl: Oft ist dabei nicht von einem Zusammenschluss, sondern von einer möglichen «Wiedervereinigung» die Rede. Grund dafür ist, dass Ennetbaden im Jahre 1819 von Baden getrennt wurde.

Baden + Ennetbaden = Grösste Gemeinde

Was für ein Gebilde würde sich bei einem Zusammenschluss von Baden und Ennetbaden ergeben? Gemessen an der Einwohnerzahl würde die grösste Gemeinde im Kanton Aargau entstehen. Laut kantonaler Statistik per Ende 2013 (ohne Wochenaufenthalter und Asylsuchende in Durchgangsunterkünften) sieht es so aus: Mit derzeit 18 523 Einwohnerinnen und Einwohnern in Baden und deren 3272 in Ennetbaden würde die fusionierte Gemeinde - total 21 798 Einwohner - sowohl Aarau (mit Rohr zurzeit einwohnerstärkste Gemeinde) als auch den grossen Nachbarn Wettingen überflügeln.

Flächenmässig bringen Ennetbadens 211 Hektaren keinen grossen Flächen-Zuwachs zu den 1317 Badener Hektaren.
Ein weiterer Vergleich: Ennetbaden weist mit 3272 etwa gleich viele Einwohner auf wie das Kappelerhof-Quartier; der Ortsteil Dättwil und Innenstadt Süd wären etwas grösser.

Der Steuerfuss der Gemeinde Ennetbaden liegt heute bei 100 Prozent. Er lag zuvor ebenfalls bei 95 Prozent, wie er seit einigen Jahren in Baden ist.

Punkto Steuerkraft pro Einwohner (gemäss kantonaler Statistik für das Jahr 2012) liegen die Stadt Baden mit 4867 Franken und Ennetbaden mit 4150 über dem Bezirksdurchschnitt von 3027 Franken und noch deutlicher über dem kantonalen Mittel von 2616 Franken. (-RR-)

Historiker haben sich mit der Frage befasst, wie es denn zu dieser Scheidung kommen konnte. Im Werk «Ennetbaden: Geschichten und Geschichte», das in diesem Frühjahr erschienen ist, heisst es: «Die Verbindung war nie eine herzliche gewesen. Was da vor sich ging, war ein eigentlicher Scheidungskrieg. Es ging um verletzte Gefühle – und um Geld.»

Ausgangslage war die folgende: Bis in die Neuzeit war Ennetbaden keine eigene Gemeinde, sondern in einem eigenartigen Verhältnis ein Teil der Stadt Baden, wie es auf der Website der Gemeinde heisst.

Die Besitzer der Badehöfe am Flussufer beispielsweise besassen das Bürgerrecht von Baden, die Mehrheit der übrigen Einwohner aber waren «Gotteshausleute» des Klosters St. Blasien, so Historiker Otto Mittler. Speziell: Ennetbaden unterstand steuerlich dem Amt Siggenthal – aber gleichzeitig der Gerichtsbarkeit der Stadt.

Doch die Bindung an das Amt Siggenthal schwand nach und nach, und bald zogen die Badener auch in Ennetbaden Steuern ein. Als gleichberechtigt galten die Bewohner Ennetbadens trotzdem nicht – bis 1798, als die Badener Gemeindeversammlung die Gleichstellung der Ennetbadener verkündete.

Streit um Polizeisteuer

Dennoch kam es zu Streitereien und Zänkereien. Ennetbaden beklagte die fehlende Gleichberechtigung: Der Ennetbadener Cölestin Wetzel sass zwar im Stadtrat, durfte aber gemäss Historiker Mittler nicht mitbestimmen.

Trotz der feierlichen Aufnahme seien Ennetbadener bloss Bürger zweiten Ranges geblieben. Baden wiederum beklagte sich über die mangelnde Steuerdisziplin der Ennetbadener.

Das Fass zum Überlaufen brachte schliesslich die Weigerung der Ennetbadener im Jahr 1816, der Stadt Baden Polizeisteuer zu bezahlen. Baden wurde beim Kanton vorstellig und begehrte, den Dorfteil Ennetbaden von der Stadt loszutrennen.

Im Antrag hiess es unter anderem, Ennetbaden erleide dadurch keine Kränkung und habe nichts Wesentliches zu verlieren, dürfe vielmehr seine Geschicke selber bestimmen. Zynisch hiess es im Antrag auf Trennung weiter, «als Pfand ihrer alten Freundschaft, nachbarlichen Liebe und Achtung» sei die Stadt bereit, der neuen Gemeinde zur Gründung eines eigenen Armenfonds 10 000 Franken zu entrichten.

Die Ennetbadener wehrten sich und argumentierten, eine gerechte Vereinigung beider Orte in politischer und ökonomischer Hinsicht würde alle Unzulänglichkeiten beheben.

Die Aargauer Regierung sah in einer Scheidung die beste Lösung – der Grosse Rat genehmigte am 22. Dezember 1819 das entsprechende Dekret. «Immerhin wurde die Stadt Baden zu einer Ablösesumme von 15 000 Franken verpflichtet», heisst es in «Ennetbaden: Geschichten und Geschichte». «Ausserdem sollten die Ennetbadener die alte Brücke und den neuen Steg über die Limmat zu den gleichen Bedingungen benützen dürfen wie die Badener.»

Am 100. Jahrestag der Trennung, also 1919, fragte der Ennetbadener Vizeammann, ob es nicht Zeit sei, an eine Vereinigung zu denken. Diesen Donnerstag nun wird die Gemeindeversammlung über eben diese Frage abstimmen.