Baden

Scheinbare Romantik und bitterkalter Alltag

Gian Rupf (oben) und HansHassler traten im ThiK auf. zvg

Gian Rupf (oben) und HansHassler traten im ThiK auf. zvg

«Das Älplerleben ist kein Zuckerschlecken». Das weiss spätestens seit Arno Camenischs Buch «Sez Ner» jeder seiner Leser. Jetzt kann man sich auch im Theater davon überzeugen: Rupf und Hassler haben die Alp auf die Thik-Bühne gebracht.

Da liegt einer. Sein Oberkörper nackt, die aufgescheuerten Hände in schmuddlige Gazen gewickelt. Der Älpler sinkt von der Pritsche in seine robusten Arbeitshosen, in die Gummistiefel. Wollpullover an, Wollmütze auf, Hosenträger gespannt. Der Alptag hat begonnen.

Den Puls des Sennerlebens brachten Gian Rupf (Spiel) und Hans Hassler (Musik) am Wochenende als Reprise-Premiere auf die Bühne des Theaters im Kornhaus Baden. Das Stück «Sez Ner» ist in Zusammenarbeit mit Arno Camenisch, dem Autor des gleichnamigen Buches, entstanden. Paul Weibel, Mitbegründer der «Claque» in Baden, hatte als aussenstehender Coach mitgewirkt.

Der Bündner Schriftsteller Camenisch zeichnet in seinem Buch detailreiche und intensive Bilder eines Alpsommers in der Surselva am Fusse des Piz Sezner. Seine direkte Sprache erweckt Szenen zum Leben, die plastischer kaum sein könnten. Güllenverschmierte Gummistiefel, schmerzverzerrte Hirtengesichter und komische Trunkenbolde reichen sich in seinen Texten die Hand. Scheinbar romantisierende Momente mit Käselaiben und Alpenrosen eröffnen sich spätestens dann als paradox, wenn die schaulustigen Touristen aus dem Tal auftauchen oder die Natur die Älpler ohne Vorwarnung in die Knie zwingt.

Bierflasche: Kein Zweifel an Essenz

Auf der Bühne stehen Holzpfähle, Blechzuber und ein fahrbares Alphüttenzimmer. Die Requisiten sind authentisch. Gummistiefel füllen sich mit Wasser wie ein Futtertrog, Holzpfähle knallen ungebremst zu Boden. Mit dem Schweizer Fähnli und dem unbefleckten «Alprausch»-Shirt tritt das zentrale Paradox aus Camenischs Texten zutage. An der Essenz der Bierflasche, des Feldstechers oder den Bergschuhen kommen keinerlei Zweifel auf. Projektionen von verschwommenen Landschaften und gestochen scharfen Detailaufnahmen aus dem Stall flimmern unregelmässig an den gewölbten Mauern des Thik-Kellers. Ob sie den inneren Bildern des Zuschauers, hervorgerufen durch die präzisen Beschreibungen des Autors, nicht eher Abbruch tun, sei infrage gestellt.

Das Zusammenleben auf der Alp

Gian Rupf und Hans Hassler ist es gelungen, die scheinbare Romantik und die bitterkalten Alltagserfahrungen der Älpler und Hirten so zu inszenieren, dass Schaudern, Gänsehaut und spontanes Amüsement im Zuschauerraum Platz finden. Das ungefilterte menschliche Zusammenleben auf der Alp wird auf den Mikrokosmos jedes Einzelnen übertragbar. Extremsituationen fordern die Charakteren heraus, etwas Unerträgliches pocht auf der Bühne. Repetitive Arbeitsabläufe entpuppen sich als Rhythmen des Alltags. Hasslers Bart wird zu einem Teil des Spiels, Rupfs Blechtöpfe musizieren mit Hasslers Akkordeon und Klarinette. Ob der Enge des Tals oder der teuren Freiheit des Älplerlebens Vorrang zu geben ist, bleibt unbeantwortet.

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