Untersiggenthal
Schimmelpilz im Gemeindearchiv: Sanierung kostet 110000 Franken

«Als ich ins Archiv runter kam, schlug mir ein merkwürdiger Geruch entgegen: Es roch nach altem Keller, modrig, unschön», berichtet Sandra Thut, stellvertretende Gemeindeschreiberin von Untersiggenthal.

Tabea Baumgartner
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Und tatsächlich: An den Akten im Archiv breitet sich ein Schimmelpilz aus. Die weissen Flecken sind unverwechselbar. Auf den alten Büchern mit Ledereinband und Stoffhülle fühlt sich der Pilz besonders wohl. Er nistet sich ungefragt in den Gemeinderatsakten aus dem 19. Jahrhundert ein – wertvolle historische Dokumente fallen dem Parasit zum Opfer.

Sofort war klar, dass die Gemeinde etwas unternehmen muss. Vor vier Jahren, als Historiker das Archiv für die Recherche zur Dorfchronik besuchten, war noch alles in bester Ordnung. «Die Lüftung lief 24 Stunden am Tag», sagt Sandra Thut. Doch genau dies wurde den Schriftdokumenten zum Verhängnis: In den Sommermonaten blies sie die warme, feuchte Luft von draussen ungefiltert in die Archivräume und schuf so ideale Lebensbedingungen für einen Schimmelpilz.

10 Tonnen Papier vernichtet

Der kleine Pilz hat einen grossen Schaden angerichtet – die Einwohnergemeinde-Versammlung bewilligte im vergangenen Dezember einen Kredit von 110000 Franken zur Sanierung des Gemeindearchivs. Zuerst wurde gründlich ausgemistet: Alle Akten, die nicht mehr unter Aufbewahrungspflicht standen, wurden entsorgt: insgesamt 10 Tonnen Papier. Während 4 Wochen misteten mehrere Angestellte Akten aus – keine schöne Arbeit. Archivexperten begleiteten die Räumung. Aus Datenschutzgründen schlossen sie die Akten in einem Container ein und brachten sie vom Gemeindehaus direkt in die Verbrennungsanlage.

Im Mai startet die eigentliche Sanierung des Archivs: «Die Räume werden komplett geleert und saniert», sagt Thut. Die aufzubewahrenden Dokumente müssen allesamt vom Pilz befreit und neu verpackt werden. Zivildienstleistende, spezialisiert auf Kulturgüterschutz, gehen der Gemeinde dabei zur Hand. Neue Regale werden eingebaut, Wände, Boden und Decke werden neu beschichtet und eine neue Lüftung soll ähnliche Szenen in Zukunft verhindern. Eine weitere Herausforderung stellen die über 100-jährigen Gemeinderatsprotokolle dar. Die schweren Bücher mit Ledereinfassung müssen professionell restauriert werden. «Leder, Stoff und andere organische Materialien sind besonders anfällig auf Schimmel», weiss Thut.

Platznot kein Thema mehr

Der Pilzbefall hat nicht nur graue Seiten: «Wir haben einige Bilder entdeckt, von denen wir nicht mehr wussten, dass wir sie haben», sagt Sandra Thut. Sie strebe eine aktive Archivbewirtschaftung an. «Das Archiv sollte regelmässig ausgemistet werden.» Die Platznot im Archiv sei vorerst getilgt: «Die Reinigung jedes einzelnen Dokumentes kostet, daher behalten wir nur das Wichtigste», sagt Thut. «Nun haben wir mehr als genug Platz.»

Historische Perlen gerettet

Einige Perlen aus der Untersiggenthaler Geschichte konnten vor dem Fegefeuer gerettet werden. In der Akte der «Sittenpolizei» beispielsweise tummeln sich kuriose Geschichten: Ein Brief aus den 60er Jahren an ein Konkubinatspaar weist die Empfänger freundlich darauf hin, dass ihr loses Zusammenleben im Dorf nicht gerne gesehen sei. «Wer zu lange im Restaurant sitzen geblieben ist, musste 2.50 Franken Busse bezahlen», berichtet die Gemeindeschreiberin. Sandra Thut hätte gerne noch mehr Alltagshighlights von damals behalten. «Es sind viele amüsante Geschichten darunter. Und für die Geschichtsschreibung sind solche Dokumente unersetzlich.»

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