«Ist der Bau eines neuen Alters- und Pflegezentrums mit 45 Wohnungen und 123 Einzelzimmern am geplanten Standort nötig und in dieser Form sinnvoll?» Diese Frage stellt der Wettinger Daniel N. Surber in einem Schreiben, das an alle Einwohnerräte und Gemeinderäte gerichtet ist. Hintergrund ist der Neubau des Alterszentrums St. Bernhard in Wettingen: 2020 soll dessen Standort von der Rebbergstrasse am Herrenberg ins Gebiet Langäcker verlegt werden. Der Einwohnerrat wird am Donnerstagabend an seiner Sitzung über den Baurechtsvertrag zwischen der Gemeinde und der St. Bernhard AG befinden.

«Millionenprojekt durchleuchten»

«Ich wünschte mir, dass die Volksvertreter ein Millionenprojekt nicht durchwinken, sondern gründlich durchleuchten», sagt Daniel N. Surber. Er ist Anstösser der grünen Wiese im Langäcker, auf der das neue «St. Bernhard» gebaut werden soll. Mit zwei weiteren Parteien hat er im Rahmen der Auflage des Vorprojekts Einsprache erhoben, woraufhin es redimensioniert wurde. Vor kurzem wurde das Vorprojekt bewilligt. Surber stellt klar: «Ich handle nicht aus Eigeninteresse. Mein Ziel ist, dass man über den Neubau diskutiert und nach Alternativen sucht.» Es gebe einige Punkte, die ihm Sorge bereiten würden.

So führt er unter anderem den finanziellen Aspekt auf. «Dadurch, dass die Gemeinde der St. Bernhard AG das Land im Baurecht abgibt, trägt sie ein finanzielles Risiko», sagt er. Was passiert, wenn das Alterszentrum in wirtschaftliche Schwierigkeiten geriete und den Baurechtszins nicht mehr zahlen könne? Weiter kritisiert er den Standort des Neubaus. Die Lage sei ungünstig, weil das Alterszentrum zu weit entfernt vom Zentrum liegt.

Ausserdem: «Die Architektur mit ihren für Wettingen gigantischen Dimensionen erschreckt.» Das Gebäude sei fast doppelt so lang wie das Rathaus und erstrecke sich auf der Ostseite entlang zum Kindergarten und grenze bedrohlich nah an ein kleines Mehrfamilienhaus. «Es handelt sich um ein Projekt von einer enormen finanzpolitischen und physischen Grösse», schreibt Surber. Es sei nötig, das Vorhaben an der Einwohnerratssitzung noch einmal kritisch in den erwähnten Punkten zu hinterfragen.

Im Baurechtsvertrag geregelt

Gemeindeammann Roland Kuster (CVP) zeigt sich vom Vorgehen überrascht, zumal Daniel N. Surber als Anstösser in den Projektprozess eingebunden worden ist. Doch: «Die im Schreiben aufgeführten Argumente haben keine Fragen aufgeworfen, die wir nicht schon beantwortet hätten.» Kuster verweist dabei auf die Interpellation betreffend Alterszentrum St. Bernhard von Einwohnerrat Christian Wassmer. Diese nimmt unter anderem Bezug auf das Bauprojekt, die damit verbundenen Umzonungen, die Wohnungen mit Dienstleistungen und die Bedarfsanalyse.

«Auch waren wir selber in den Gestaltungsprozess eingebunden. Wir haben darauf geachtet, dass der Neubau nachbarschaftlich verträglich ist.» Was die finanziellen Risiken betrifft, seien die Aspekte im Baurechtsvertrag klar geregelt und öffentlich einsehbar. «Der Gemeinderat hat das Projekt genau geprüft. Es gibt es keine Argumente, die nicht für ein neues Alterszentrum am geplanten Standort sprechen.» Der Gemeindeammann ist zuversichtlich, dass die Geschäftsprüfungskommission, die Finanzkommission und der Einwohnerrat den Baurechtsvertrag sowie die mit dem Neubau verbundene Teiländerung Nutzungsplanung St. Bernhard/Rebbergstrasse genehmigen werden.

Für Bernadette Flükiger, Geschäftsleiterin des Alterszentrums St. Bernhard, ist klar: Der Neubau ist nötig. «Mittelfristig wären wir nicht mehr in der Lage, das ‹St. Bernhard› am bisherigen Standort weiterzuführen.» Die Infrastruktur sei veraltet und würde den kantonalen Vorschriften nicht mehr entsprechen. Auch könne das Alterszentrum die künftigen Bedürfnisse von Seniorinnen und Senioren nicht mehr decken. Als Beispiel nennt sie die Zweierzimmer, die kaum Privatsphäre böten und zum Teil nur über eine Etagendusche verfügen. Weiter erwähnt sie die Hanglage, die für die Bewohner, die Feuerwehr und die Anlieferung ein Hindernis darstellen würde.

«Nur mit einem Neubau in der Ebene können wir die Wettbewerbsfähigkeit des ‹St. Bernhards› sicherstellen», ergänzt Verwaltungsratspräsident Raymond Picard. Er erachtet den Standort des Neubaus im Langäcker als ideal. So sei etwa der Anschluss an den öV gegeben und die Zufahrt im Vergleich zum Herrenberg nicht mehr erschwert. Zudem befinde sich in unmittelbarer Nähe die Wohnsiedlung Sulpberg-2, in der die Gemeinnützige Gesellschaft Wettingen Alterswohnungen betreibt, wodurch die Zusammenarbeit gefördert werden könne.

Bedürfnis sei klar gegeben

«Wir bauen nicht nur ein neues Alterszentrum, sondern ein Kompetenzzentrum mit Ärzten, Physiotherapeuten, Podologie, Coiffeur und einer Cafeteria», sagt Picard. Auch plane die Spitex Wettingen-Neuenhof, Räume zu mieten. «Für ein Dorf mit über 20 000 Einwohnern ist das Bedürfnis dafür klar gegeben.» Heute verfügt das Alterszentrum über 119 Pflegebetten; künftig werden es 123 sein. Hinzu kommen neu 45 Wohnungen mit Dienstleistungen, in denen die Bewohner bis zum Ableben bleiben können und gepflegt werden. «Dieses Angebot ist das Konzept der Zukunft. Zudem erfüllt es die Vorgaben des Altersleitbilds von Wettingen», sagt Picard. Obwohl man die Wohnungen noch nicht ausgeschrieben habe, gebe es über 130 Interessenten. «Das zeigt: Die Nachfrage ist vorhanden.»