Es war ein Abriss durch die europäische Musikgeschichte der vergangenen Jahrhunderte. Bisweilen sehr sakral, dann wieder gespickt mit musikalischen Experimenten aus der jüngsten Zeit. Am Donnerstagabend lud der Verein «s+aargau» zu einem Konzert in die Räume der alten Druckerei im AZ-Gebäude in Baden. Es war das erste Konzert der dreiteiligen Reihe «Schlumpf+».

Es begann mit einem Gregorianischen Graduale aus dem 12. Jahrhundert: Der Zuschauerraum war dunkel. Die Bühne war dunkel. Nur hinten bei der Treppe gleich neben der Bühne war Licht. Und von daher kamen die Klänge: Vier Frauenstimmen und ein Akkordeon.

Sie sangen «Viderunt omnes fines terrae». Es klang sakral. Feierlich. Fast als sässe der Zuhörer in einer Kirche und hörte diese geheimnisvollen Stimmen. Diesen Stimmen zuzuhören war ein Erlebnis, das unter die Haut ging. Das Werk wird Pater Perotinus (ca. 1160-1210) zugeschrieben. Er war Magister an der Notre-Dame-Schule in Paris. Seine Werke zählen zu den ältesten überlieferten, mehrstimmigen Kompositionen der Musikgeschichte. Der Komponist Martin Schlumpf hatte das Stück eigens für vier Frauenstimmen neu arrangiert.

Dann kamen sie auf die Bühne: die vier Sängerinnen Sylvia Nopper (Sopran), Leila Pfister (Mezzosopran), Susanne Puchegger (Mezzosopran) und Svea Schildknecht (Sopran), der Akkordeonist Sergej Tchirkov und der Ennetbadener Schauspieler Hansrudolf Twerenbold. Letzterer las Gedichte von Georg Trakl. Düster. Herbstlich. Melancholisch. «Am Abend, wenn die Glocken Frieden läuten, flog ich der Vögel wundervollen Flügen. Da macht ein Hauch mich vom Verfall erzittern...»

Geteilte Meinung bei Zuhörern

«Georg Trakl hatte mich schon zu meiner Zeit als Gymnasiast fasziniert», gestand Martin Schlumpf später im Gespräch. Die Gedichte von Georg Trakl hatten den Komponisten mit Aargauer Wurzeln inspiriert zu neuen, modernen Kompositionen: Wahrlich keine Alltagskost, was der Künstler seinem Publikum präsentierte. Die vier Frauen – alle Profis auf ihrem Gebiet – zeigten, was die menschliche Stimme in der Lage ist, her zu geben. Sie klangen bald wie griechische Schicksalsgöttinnen. Mal klagend, dann schreiend in den höchsten Tönen. Und schliesslich flüsternd, wie ein Geheimnis oder gar ein Hexenkomplott.

Martin Schlumpf, 1947 in Aarau geboren, studierte von 1968 bis 1973 in Zürich Klarinette, Klavier, Dirigieren und Komposition. Nach weiteren Studien in Berlin war er schliesslich von 1977 bis 2011 Professor für Musiktheorie und Improvisation an der Zürcher Hochschule der Künste. Bei mehreren Zürcher Kompositionswettbewerben erreichte er in den 1970er- und 80er-Jahren mit seinen Werken den ersten Platz. Seine Kompositionen werden heute in vielen Ländern aufgeführt.

«Diese Musik hat etwas in mir ausgelöst, und es hat mir nicht gutgetan», sagte eine Zuhörerin in der Pause. Tatsächlich musste der Zuhörer bereit sein für dieses Klangexperiment. Ein anderer zeigte sich begeistert. «Wenn ich in eine Kunstausstellung mit zeitgenössischer Kunst gehe, muss ich mich auch einlassen auf das, was mir da präsentiert wird», sagte er, «hören Sie nur die Verbindung zum Jazz». Martin Schlumpf spanne einen Bogen von den vergangenen Jahrhunderten der Musikgeschichte bis in die heutige Zeit. «Das ist faszinierend», sagte er.

Tatsächlich standen im Verlauf des Abends Stücke von Franz Schubert, Robert Schumann, Johannes Brahms und Claudio Monteverdi auf dem Programm. Allesamt gesungen in höchster Perfektion. Ein Genuss zu hören, spannend und kontrastreich zugleich.

Nächste Konzerte der Reihe «Schlumpf+»:

Konzert 1: «Da macht ein Hauch mich vom Verfall erzittern», heute Abend, Elisabethenkirche in Basel, 19.30 Uhr. Konzert 2: «Les Extrèmes se touchent», Kammermusik für Violoncello und Klavier, 3. März in Baden, 7. März in Basel, 8. März in St. Gallen. Konzert 3: «Two and three and four and one», zeitgenössischer Jazz und traditionelle Besetzung, 12. Mai in Baden.