Eines der zentralen Werke, die an den Jubiläumskonzerten von heute Abend in der Stadtkirche Baden und am Sonntag in der Kirche St. Anton Wettingen aufgeführt werden, ist die Messe in D-Dur von Antonín Dvořák. Damit wird die Tradition des rund 60-köpfigen Chors betont: mit Orchester und Solisten grosse geistliche Werke aufzuführen.

Auch die letzten zwei Chorstücke aus Händels Messias und der Eingangschor der Johannes-Passion von Johann Sebastian Bach kommen zu Gehör. Solisten werden Larissa Bretscher (Sopran), Laura Binggeli (Mezzosopran), Michael Mogl (Tenor) und Markus J. Frey (Bariton) sein. Dazwischen als Kontrast ein reines, von Sinfonia Baden vorgetragenes modernes Orchesterwerk namens «The Camp Meeting» von Charles Ives. Der US-Komponist war für seinen Einsatz von Dissonanzen bekannt.

Anspruchsvolle Werke

Die Schola Cantorum Wettingensis führt seit 70 Jahren grosse Oratorien und Messen bekannter Komponisten vier- bis sechsstimmig auf. Ein anspruchsvolles Unterfangen. Denn die Sängerinnen und Sänger zwischen 25 und 77 sind alle Laien. Ein halbes Jahr wöchentlicher Proben sind nötig, bis ein Programm wie das aktuelle einstudiert ist. «Bei uns entsteht die Freude am Singen durch die permanente Beschäftigung mit den Werken», meint Dirigent Stefan Müller, «wir stecken uns hohe Ziele und wollen alle etwas erreichen.» Der 46-jährige Braunschweiger, der heute in Neuenhof wohnt, steht dem Chor seit Juli 2018 vor. Ein Glücksfall, denn Vorgänger Roland Fitzlaff musste die Leitung nach achtjähriger Tätigkeit aus gesundheitlichen Gründen kurzfristig abgeben. «Fitzlaff hat sehr viel in die Stimmbildung der einzelnen Chormitglieder investiert, davon profitieren wir bis heute», betont Müller, der Musiklehrer an der Kanti Wettingen ist.

Seit der Gründung 1949 durch den Wettinger Arzt und Musiker Oskar Spörri, der mit gerade mal 55 Jahren an einem Herzinfarkt verstarb, hat die Schola Cantorum Wettingensis viele Höhepunkte erlebt. Präsident Emil Niederberger erinnert sich an Auftritte in der Philharmonie Berlin und im KKL Luzern, die Spörris Nachfolger Alois Koch zu verdanken waren. Dieser stand der Sängerschaft 20 Jahre vor, bevor ihm Konstantin Kaiser folgte. 2006 erhielt der Chor den Anerkennungspreis der Aargauischen Stiftung für Gesang und Musik» für seine «wunderbare Gesangskultur». Zu den weiteren Highlights gehören die Zusammenarbeit mit Tanz & Kunst Königsfelden für die Produktion «Babel Torre Viva» und die 2016 mit Begeisterung aufgenommene «Petite Messe Solennelle» von Gioachino Rossini in der Klosterkirche Wettingen. «Eigentlich sind unsere Glanzlichter aber immer die aktuellen Programme, die wir zweimal jährlich einstudieren», meint Niederberger.

Finanzielle Gratwanderung

Leider sind seit Anfang 2000 sowohl Sponsoringbeiträge als auch Publikumszahlen rückläufig. «Heute können wir uns Aufführungen mit grossen Orchestern nur noch selten leisten», bedauert Niederberger. Denn sowohl Profi-Orchester als auch -Sänger müssen bezahlt werden. Dazu kommt das Dirigentenhonorar, das zurzeit durch Mitgliederbeiträge gespeist wird.

Weil die Sinfonia Baden ebenfalls aus Laien auf einem sehr hohen Niveau besteht, konnte für das Jubiläumskonzert ein Konsens gefunden werden. «Wegen der schwierigeren finanziellen Situation in Pessimismus zu verfallen ist sinnlos», meint Dirigent Müller und fügt hinzu, «ich bin überzeugt, dass es auch in Zukunft Menschen geben wird, die sich für unsere Musik begeistern lassen.»

2020 steht «Die Schöpfung» an

Die Tradition der Oratorienaufführungen soll fortgesetzt werden, wenn auch in kammermusikalischer Besetzung. 2020 steht «Die Schöpfung» von Haydn mit Streichquartett, Orgel und Hammerflügel auf dem Programm. Zudem beschreitet der Chor ganz neue Wege. Für das nächste Konzert wird die psychedelische Musik der 68er-Generation von Pink Floyd, Led Zeppelin und Co. in einem Programm mit spätmittelalterlicher Musik des französischen Komponisten Guillaume de Machaut kombiniert.

Jubiläumskonzerte: 70 Jahre Schola Cantorum Wettingensis, heute, 20 Uhr, Stadtkirche Baden, und 16. Juni, 17 Uhr, in der Kirche St. Anton Wettingen.