Klassik
Schon der Bub «flog» auf Pergolesi

Countertenor Flavio Ferri-Benedetti erfüllt sich mit dem Stella Maris Orchestra in Wettingen und Seon einen Wunschtraum. Stabat Mater ist das Werk, dank welchem er die Liebe zu Gesang entdeckte.

Elisabeth Feller
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Flavio Ferri-Benedetti. ZVG

Flavio Ferri-Benedetti. ZVG

Es sprudelt nur so – wie ein kaum zu bändigender Bergbach, dessen Wirbel eine Bootsfahrt zum spritzigen Abenteuer machen. So verläuft das Gespräch mit dem italienisch-spanischen Countertenor Flavio Ferri-Benedetti (1983). Der junge Mann lacht vergnügt, als er – das wievielte Mal? – erzählt, was ein Countertenor oder Altus ist. «Ein Countertenor singt mit einer durch Brustresonanz verstärkten Kopfstimme in Alt- oder Sopranlage. Das ist eine jahrhundertealte Technik.» Anders als vor einigen Jahrzehnten, ist der Countertenor heute auf Konzertpodien wie Opernbühnen eine Selbstverständlichkeit. Countertenöre sind akzeptiert und haben, wie Fussballstars, weltweit Fangemeinden.

Als ob Flavio Ferri wüsste, was im Kopf seines Gegenübers vorgeht, sagt er plötzlich: «Diese hohen Stimmen kennt der Pop übrigens schon lange.» Flugs brennt Ferri ein Staccato-Gewitter ab mit dem berühmten Bee-Gees-Hit «Stayin’ Alive». Wow, macht das Spass!

Erste Liebe

Nicht Spass, sondern unbändige Freude bereitet dem jungen Countertenor Pergolesis Stabat Mater. Der Komponist hat es kurz vor seinem Tod geschrieben – da war er gerade mal 26 Jahre alt. Flavio Ferri war ein Bub, als er dieses berührende Werk hörte. «Ich ‹flog› nur so darauf», sagt er und bekennt: «Danach habe ich den ganzen Tag nur noch Pergolesi-Musik gehört.» Mit 12 wusste Flavio: «Ich will Countertenor werden.» Aber das war in Spanien, wohin er mit seinen Eltern aus Italien eingewandert war, nicht so einfach. Eine Countertenor-Tradition wie in England? Gab es dort nicht. Deshalb stand für Ferri fest: Nach Studien in Spanien wollte er in die Hochburg für Alte Musik: Basel. «Seit 23 Jahren träumte ich davon.»

Als er in der rheinstadt ankam, merkte Ferri, dass «ich allein und die Sprache schwierig war. Alles war neu für mich, aber man lernt alles». Als ob er nicht gewusst hätte, was mit einem Sängerleben verbunden ist: «Üben, schwitzen, weinen, lachen.» Und gelacht hat das Publikum, als Ferri 2010 sein fulminantes Debüt auf der grossen Bühne des Theaters Basel gab. Als Nymphe Linfea in Cavallis Oper «La Calisto» spielte er mit einer Verve, die das Publikum fast von den Stühlen riss. Die Rolle oszillierte derart witzig zwischen Frivolität und Komik, dass sie selbst die Kritik als umwerfend empfand – und Flavio Ferri deshalb in der Fachzeitschrift «Opernwelt» 2010 als «Nachwuchskünstler des Jahres» nominierte. Die Rolle der Linfea war Ferri auf den Leib geschneidert, oder in seinen Worten: «Sie wurde zu einem Label.» Darob geriet jedoch in Vergessenheit, dass der junge Countertenor nicht nur ein Opern-, sondern auch ein hingebungsvoller Konzert- und Liedsänger ist.

Mahler mit Countertenor

Das hat auch Cristoforo Spagnuolo, Dirigent und Mitbegründer des Stella Maris Orchestra Wettingen, gemerkt. Ferri und Spagnuolo lernten sich in Basel kennen, wurden «sehr gute Freunde», was in beiden die Idee reifen liess: Wir machen etwas zusammen. Was? «Mmh», sagt Flavio Ferri, «wir hatten eine verrückte Idee. Wir wollten Mahlers Rückert-Lieder aufführen.» Mahler mit Countertenor? Ferri fegt fröhlich alle Bedenken beiseite. «Warum nicht? Ich habe auch schon Lieder gesungen und würde gerne ein Programm mit Schubert, Schumann und Mahler aufnehmen.» Mahler sei aber doch «ein bisschen gar gross gewesen», bekennt Ferri. Als dann Pergolesis Stabat Mater zum Thema wurde, flippte Flavio Ferri fast aus. «Ich kenne und liebe dieses Werk so sehr; ich sang es als Kind und singe es als Erwachsener. Aber ich habe es noch nie öffentlich gesungen. Also handelt es sich in Wettingen und Seon um eine Premiere. Welch ein Glück!»

Der Redefluss verstummt einen Moment. Verständlich. Flavio Ferri-Benedetti ist ein zu ernsthafter Musiker, als dass er das Stabat Mater zerreden wollte. Kommt das Gespräch auf den jung verstorbenen Komponisten Pergolesi oder auf künftige Projekte, ist der sympathische junge Countertenor sehr nachdenklich. So, als ob er in sich hineinhorchen würde – im Wissen, dass ein Künstler ein Leben lang üben, schwitzen, weinen und lachen wird. Weinen? Nein, lachen. Denn Flavio Ferri-Benedettis Zukunft sieht unter anderem mit Engagements an der Opéra Royal Versailles, der Opéra de Nice, dem Rhein Vokal Festival, aber auch in Basel rosig aus.