Beizenbummel
Schüblig im Schrank und Ochsenbacke in der Fabrik

«Fassbar», «Beschränkt» oder «Haltbar»: Im Festgebiet «Alt» werden die Besucher von der Qual der Wahl durchs Fest getrieben

Von Rosmarie Mehlin
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Ein Rundgang durch das Festgebiet "Alt"
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Badenfahrt Beizenbummel Nr. 1 Restaurant " beschränkt ", Beizenbummel Nr. 1 Kirchplatz Chileplatz, Badenfahrt VERSUS, Baden, 19. April 2017.
Badenfahrt Beizenbummel Nr. 1 Bar " fassbar ", Beizenbummel Nr. 1 Kirchplatz Chileplatz, Badenfahrt VERSUS, Baden, 19. April 2017.
Badenfahrt Beizenbummel Nr. 1 Restaurant " Haltbar ", Beizenbummel Nr. 1 Kirchplatz Chileplatz, Badenfahrt VERSUS, Baden, 19. April 2017.
Badenfahrt Beizenbummel Nr. 1 Restaurant " beschränkt ", Beizenbummel Nr. 1 Kirchplatz Chileplatz, Badenfahrt VERSUS, Baden, 19. April 2017.
Badenfahrt Beizenbummel Nr. 1 Restaurant " beschränkt ", Beizenbummel Nr. 1 Kirchplatz Chileplatz, Badenfahrt VERSUS, Baden, 19. April 2017.
Badenfahrt Beizenbummel Nr. 1 Restaurant " beschränkt ", Beizenbummel Nr. 1 Kirchplatz Chileplatz, Badenfahrt VERSUS, Baden, 19. April 2017.

Ein Rundgang durch das Festgebiet "Alt"

Alex Spichale

Samstagvormittag, Business as usual: Die Wochenend-Einkaufstaschen sind voll, Männlein, Weiblein, Kind und Hund strömen durch Metroshop und Badstrasse. Auf den fünf Holzgerüsten zwischen Bonita und Import-Parfümerie ist «Roman Sonderegger» eingebrannt. Ob das der Künstler ist oder eher der Holzlieferant? Eindeutig sind nur die Plakätchen «Klettern verboten». Auf dem Schlossbergplatz erwacht das Zurzibieter Baumhaus aus kurzem Schlaf. Nächtlicherweise hatte – so wird berichtet – das ausgeklügelte elektronische Bestell- und Bezahlsystem infolge eines Stromausfalls den Geist aufgegeben. Die altbewährten Blöckli, Bleistifte und Servierportemonnaies haben als Retter in der Not scheints bestens funktioniert. In der Glasfassade vom Manor spiegelt sich die Schlange von Weltall-Kletterern auf der Zick-Zack-Treppe zur kulinarischen Ehrendinger Abschussrampe.

Obrist und der Hackbraten

Stella Palino, braun gebrannt wie nach sieben Wochen Südsee, biegt frisch und munter in die Rathausgasse ein. Die grosse Bier-Tankstelle gegenüber vom Roten Turm scheint noch den «Rush» der Freitagnacht auszuschlafen. Für die Stadtpfarrkirche hingegen ist es bereits wieder vorbei mit der Ruhe. Rund ums Chalet der Quartiervereine Chrüzliberg und Limmat leuchten sattrote Geranien. Drinnen hat Stadtrat Erich Obrist alle Hände voll zu tun, statt Wahlparolen Hackbraten zu servieren. Zwei Damen loben ihn in den höchsten Tönen – den Hackbraten, nicht den Obrist.

Von ennet der Gasse ertönt ein erschrecktes «upps», gefolgt vom Geräusch einer hastig geschlossenen Türe. Diese gehörte zu einem grauen Schrank, war von einer neugierigen Passantin geöffnet worden und – oh Schreck – in dem Schrank sassen zwei Leute an einem Tisch, assen einen Stadtgass-Schüblig und tranken ein Zwickelbier. Der Name der Beiz «Beschränkt» bezieht sich nämlich nicht auf den Geisteszustand der Kellner und Köche, sondern darauf, dass mittags gluschtige Gourmandisen und abends ein aus verschiedenen Angeboten individuell zusammenstellbares Drei-Gang-Menu in aussergewöhnlichen Separees serviert werden. Der ad hoc zusammengestellte Verein hatte auf «Ricardo» aus dem ganzen Land elf Schränke ersteigert, die Böden verstärkt, aussen grau und innen dekorativ angemalt. Vier Kästen enthalten Zweier-Tischli, sieben bieten vier hungrigen Festbesuchern Platz. Die Verweildauer ist jeweils auf zwei Stunden be-schra(e)nk-t.

Für Heimweh-Lenzburger

Sollten auch Lenzburger sich in den Badenfahrts-Taumel stürzen – was doch sehr anzunehmen ist – werden sie in der «Fassbar»-Beiz heimatliche Gefühle entwickeln, jedenfalls in kulinarischer Hinsicht. Dort werden unter andrem Lenzburger Knackerli aufgetischt. Aber nicht einfach blutt oder mit Senf. Nein – der daselbst amtierende Küchenmeister ist hauptberuflich Koch im Rekrutierungszentrum Windisch und zaubert aus den Knackerli Fass-Dogs der besonderen Art, prall gefüllt unter anderem mit selbst gemachtem Tomatenketchup, Gurken und Chili. Wer auf alle Fälle nach dem extra heissen Dog-Genuss unbefleckt weiter feiern will, dem sei das Mitführen eines Lätzchens empfohlen. Das Chili con Carne wird vom Rekrutierungs-Koch übrigens zwölf Stunden lang geschmort. Ganz so lange wird wohl kaum jemand in der attraktiven «Fassbar» im ersten Stock verweilen, obwohl der Blick von dort über die Hochbrücke zum Riesenrad in der Aue nicht nur sehr hübsch ist, sondern auch etwas Beruhigendes an sich hat.

Cineastische Flashbacks

Nicht ganz so lange wie das Chili con Carne, aber immerhin auch vier Stunden schmort das Gericht, das die «Haltbar, Fabrigg & Cie» von den Quartiervereinen Altstadt und Meierhof anbieten: Ochsenbacke. Um Missverständnissen vorzubeugen: Es handelt sich nicht um die allerwertesten Backen, sondern um jene von des Ochsen Kopf. Weil man sich hier im Pausenraum einer Spinnerei von anno dazumal befindet, in der Büezer zwölf Stunden am Tag chrampfen, wird die geschmorte Backe mit dicker brauner Sauce und Härdöpfelstock serviert. Die Fabrikarbeiterinnen und –arbeiter sind an der Theke und im Service allgegenwärtig. Sie tragen nicht nur Hosenträger, sondern auch typische blaue Arbeiter Mützen. Bei deren Anblick tauchen unverhofft Bilder aus zwei unvergesslichen Filmen auf: In Charlie Chaplins «The Kid» trägt das Kind genau eine solche Kappe und ebenfalls tut dies Robert Redford in der Ganovenkomödie «The Sting».

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