Bilanz nach einem Jahr
Schulleiterin in Niederrohrdorf: «Der erste Jahrgang war kein Versuchskaninchen»

Sabina Brändli zieht nach einem Jahr Oberstufenzentrum Bilanz. Die 55-Jährige ist seit August 2015 Hauptschulleiterin am neuen Oberstufenzentrum Rohrdorferberg.

Carla Stampfli
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Sabina Brändli ist seit August 2015 Hauptschulleiterin am OSZ.

Sabina Brändli ist seit August 2015 Hauptschulleiterin am OSZ.

Sandra Ardizzone

Im August 2015 ging das neue Oberstufenzentrum (OSZ) Rohrdorferberg in Betrieb. Seither gehen rund 300 Bezirks-, Sekundar- und Realschüler aus den vier Gemeinden Bellikon, Nieder- und Oberrohrdorf sowie Remetschwil ein und aus. Hauptschulleiterin Sabina Brändli sagt, warum das OSZ ständig mit Baden verglichen wird und was es mit den «Power-Usern» auf sich hat.

Sabina Brändli, hat es sich gelohnt, dass die vier Gemeinden rund 19,3 Millionen Franken für den Neubau in die Hand genommen haben?

Sabina Brändli: Es hat sich gelohnt, ja! Hätte uns die Stadt Baden 2009 nicht mitgeteilt, dass sie keine Bezirksschüler mehr aus den vier Gemeinden aufnehmen kann, wäre der Platz in den beiden Sek- und Realstufenstandorten in Nieder- und Oberrohrdorf knapp geworden. Es ist gut, hat man die Chance gepackt, ein Zentrum mit allen drei Oberstufenzügen zu bauen.

Neu sind in Niederrohrdorf alle drei Leistungsstufen unter einem Dach vereint. Funktioniert das?

Es braucht Zeit, bis sich die verschiedenen Abläufe einspielen. Beispielsweise müssen sich Lehrpersonen, die zuvor ausschliesslich an einer Bezirksschule unterrichtet haben, nun auf andere Leistungsstufen einstellen. Dasselbe gilt für die Lehrpersonen der Sek- und Realstufe.

Meinen Sie, weil sich die Ansprüche von Bez-, Sek- und Realstufe unterscheiden?

Ja! Die Bez ist stark leistungsorientiert. Damit man ein eingespieltes Team wird, muss man aufeinander zugehen, sich gegenseitig zuhören und es müssen Klischees abgebaut werden. Das sind alles Lernprozesse, die nicht von einem Tag auf den anderen geschehen. Im ersten Jahr ging es vor allem darum, Vertrauen untereinander aufzubauen.

Ist das gelungen?

Wir sind immer noch daran, das Vertrauen aufzubauen. Denn es war ja nicht so, dass wir im August 2015 bloss in ein neues Gebäude gezogen sind. Als das Oberstufenzentrum den Betrieb aufnahm, war alles neu: das Schulhaus, die Schüler, die Lehrpersonen, das Hauspersonal, das Sekretariat. Auch an der Schulkultur müssen wir noch arbeiten. In diesem Sinne könnte man von einer Baustelle sprechen, bei der aber nicht geflickt wird, sondern etwas Neues entsteht.

Das tönt so, als hätte es mit dem Start des zweiten Schuljahrganges im August bereits Veränderungen gegeben.

Wir haben die Jahresplanung optimiert und entschlackt, ja. Dies, weil wir gemerkt haben, dass das Programm zu vollbepackt war. Zum Beispiel findet der Schulball in diesem Jahr nicht mehr im Februar statt, sondern im Rahmen einer Projektwoche im November.

Waren die Schüler des ersten Schuljahrganges also eine Art Versuchskaninchen?

Nein, das waren sie nicht! Vor eine grosse Herausforderung stellten uns diejenigen Schüler, die bereits in Baden die Bezirksschule besucht hatten. Sie mussten das gewohnte Umfeld verlassen und nach Niederrohrdorf kommen. Das war für sie nicht einfach. Oft bekamen wir den Spruch zu hören: «Sie, in Baden haben wir das aber so gemacht.»

Wie reagierten Sie darauf?

Wir sagten, wir sind anders, jede Schule hat ihre Eigenheiten.

Gibt es einen Grund, warum die Schüler das Oberstufenzentrum ständig mit Baden vergleichen?

Wir bekamen zu hören, dass wir beispielsweise strengere Hausregeln hätten oder dass die Lehrpersonen mehr fordern würden. Ob das tatsächlich so ist, wird die externe Schulevaluation zeigen, die Anfang Dezember durchgeführt wird.

Können Sie die Kritik nachvollziehen?

Klar! Denn Baden ist eine Schule mit einer langen Tradition, wir müssen uns diese erst noch erarbeiten. Da ist es nachvollziehbar, dass wir als neue Schule verstärkt beobachtet werden.

Was muss nun geschehen?

Unsere Aufgabe ist es, die Grundlagen zu schaffen. Das ist mit einem grossen Oberstufenzentrum aber nicht einfach. Denn zuvor, als es in Niederrohrdorf nur die Sek- und Realschule gab, konnte man bilateral oder im Team rasch etwas besprechen. Das geht jetzt nicht mehr.

Obwohl das Oberstufenzentrum bei null gestartet ist, rüstete es als erste Volksschule des Kantons die Schüler mit personifizierten iPads aus.

Das forderte unser IT-Team und die Lehrpersonen heraus, das Projekt braucht Zeit und Geduld. Auf das Schuljahr 2016/17 haben wir neu sogenannte «Power-User» eingeführt.

Was meinen Sie damit?

Das sind digital versierte Schüler, die anderen Schülern und Lehrpersonen helfen, falls ein Problem mit dem Gerät oder mit der Software auftaucht. Die «Power-User» tauschen sich regelmässig mit dem IT-Verantwortlichen aus und erhalten am Ende ein Zertifikat.

Gehört dieses gegenseitige Helfen zur Schulkultur?

Absolut! Es soll nicht mehr so wie früher sein, dass der Lehrer alles weiss und der Schüler nichts. Es geht darum, dass jeder von jedem etwas lernen kann.

Gilt das auch für die Primarschüler, die gleich nebenan zur Schule gehen?

Die Zusammenarbeit besteht vor allem auf Ebene der Schulleitung. Auch zwischen den Lehrpersonen in den Übergängen vom 6. Schuljahr in die Oberstufe findet ein Austausch statt. Die Schüler selber tauschen sich nicht vermehrt aus, auch wenn sie sich manchmal auf dem Areal über den Weg laufen.

Kommt es dabei zu Reibereien?

Es gibt neuralgische Stellen. Beispielsweise beim Eingang der Sporthalle und im Primarschulhaus selber, wo wir unter anderem das Werken und die Hauswirtschaft haben. Doch gab es bis jetzt kein Handgemenge zwischen Oberstufen- und Primarschülern.

Wie soll die Entwicklung des Oberstufenzentrums weitergehen?

Wichtig ist, dass wir gemeinsam unterwegs sind, einander zuhören und dort, wo Bedarf besteht, Verbesserungen in die Wege leiten. Mir ist es ein Anliegen, dass offen kommuniziert wird und man sich gegenseitig respektiert.

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