Eine Woche brauchte Willi Tanner, um seine Lebensgeschichte zu Papier zu bringen. 13 Jahre sind seither vergangen. Nun hat der 86-Jährige mithilfe eines Ghostwriters in «Kein Tunnel ohne Ende» seine bewegte Lebensgeschichte veröffentlicht. Dazu angestiftet hatte ihn damals sein Sohn, der mehr über die Vergangenheit seines Vaters wissen wollte. Eine turbulente Vergangenheit.

Die erste Gelegenheit genutzt

Aufgewachsen in einer strenggläubigen Zürcher Familie nutzte Willi Tanner die erste Gelegenheit nach der Lehre, um als Büromaschinenmechaniker nach Costa Rica zu reisen. «Die Schweiz wurde mir damals schnell zu eng», sagt er. Bereits nach wenigen Monaten wurde er von Costa Rica nach El Salvador versetzt, wo er sich nach dem Konkurs seines Arbeitgebers als Mechaniker selbstständig machte. Später betrieb er eine Importfirma. Mit seiner Frau Nelly verlobte er sich aus der Ferne. Bei der Verlobungsfeier in der Schweiz war Willi Tanner nur auf einer Tonbandaufnahme anwesend – eine telefonische Verbindung bestand nicht. Die beiden heirateten kurz darauf; ihre vier Kinder kamen alle in Zentralamerika zur Welt.

Weit weg von zu Hause habe er das Junggesellenleben genossen, sagt Tanner. «Den Glauben hatte ich zu dieser Zeit verdrängt.» Das änderte sich während eines Ausflugs zu einem Vulkansee. Statt untätig in der Sonne zu liegen, bestieg der damals 27-Jährige lieber den Krater. Schritt für Schritt erklomm er die immer steilere Kraterwand. Bis er plötzlich nicht mehr vor und zurück konnte. Unter ihm der Abgrund. «Ich wusste, nun ist es vorbei», erzählt Tanner. Er habe zu Gott gebetet und versprochen, ihm sein Leben zu verschreiben, sollte er überleben. Willi Tanner kam mit dem Schrecken davon.

Mundharmonika-Konzert im Altersheim

Danach änderte er sein Leben. Statt stundenlang Tennis zu spielen, besuchte er den sonntäglichen Gottesdienst, das Rauchen gab er auf – und er begann, seinen Glauben weiterzugeben. Er besuchte Gefängnisse, Kasernen, Spitäler und verteilte das Neue Testament. Und auch nach seiner Rückkehr in die Schweiz 1970 setzte er sich für christliche Organisationen ein. So reiste er etwa für ein Projekt zur Resozialisierung von Gefangenen nach Argentinien, besuchte Hochsicherheitsgefängnisse und überwachte den Kauf eines Landguts. Dort erhalten entlassene Gefangene die Chance, einen Beruf zu erlernen und ein neues Leben zu beginnen.

Der Glaube zu Gott half ihm auch in den schwierigen Phasen seines Lebens. Mehrmals musste er sich wegen schwerer Depressionen behandeln lassen. Die Tatsache, dass auch er Schicksalsschläge hinnehmen musste, helfe ihm wohl auch bei seiner Arbeit im christlichen Sozialwerk Hope, sagt Tanner. Als Hausvater ist er in der Badener Institution Gesprächspartner und zuweilen auch Streitschlichter. Mit seinen 86 Jahren besucht er noch heute Gefangene in Schweizer Gefängnissen, spielt auf Mundharmonika oder Akkordeon für Bewohner in Altersheimen und überlässt schon mal seine Wohnung Familien moldawischer Häftlinge, die zu Besuch kommen. Letzteres hat seiner Wohnung unter Insassen den Übernamen «Hotel Willi» eingebracht.

«Kein Tunnel ohne Ende» ist im Verlag Urs-Heinz Naegeli, Schiers, erschienen.