Baden

Sein Lebenswerk löste sich in Rauch auf – ein Facebook-Aufruf brachte die Hoffnung zurück

Mehr als drei Wochen nach dem Brand steht Marco Schnüriger in der Halle, die 31 Jahre lang sein Leben war.

Mehr als drei Wochen nach dem Brand steht Marco Schnüriger in der Halle, die 31 Jahre lang sein Leben war.

Marco Schnürigers Spritzwerk in Baden fiel einem Brand zum Opfer – dank eines Aufrufs hat er neuen Lebensmut gefasst.

Die Wände sind schwarz, es riecht nach Russ und mittendrin steht ein noch immer trauriger, aber inzwischen wieder gefasster Marco Schnüriger. Das Lebenswerk des Turgemers hat sich am 11. August buchstäblich in Rauch aufgelöst: Sein Spritzwerk im Kappelerhof-Quartier in Baden, das er seit 31 Jahren hinter der Shell-Tankstelle führte, brannte aus.

Schuld daran ist laut Schnüriger ein technischer Defekt in der fast 40-jährigen Lackierkabine. Am Tag des Gesprächs mit der AZ, rund drei Wochen nach dem Brand, steht noch ein verkohltes Auto in der Halle, das noch von der Versicherung abgeholt werden muss. Damit der Besitzer der Halle, die Autogarage oberhalb, die Räumlichkeiten sanieren und weitervermieten kann. Schnüriger wurde per sofort die Miete erlassen. Darüber ist der 60-jährige sehr dankbar, so wie er überhaupt dankbar und positiv überrascht ist, wie viel Unterstützung und Entgegenkommen er seit dem Brand erlebt hat.

«Wir haben nicht gerufen, wir haben geschrien»: Marco Schnüriger erzählt vom Brand in seiner Carrosserie in Baden und davon, was danach kam

«Wir haben nicht gerufen, wir haben geschrien»: Marco Schnüriger erzählt vom Brand in seiner Carrosserie in Baden und davon, was danach kam

«Die Bude brennt!»

Schnüriger erzählt, wie er den verhängnisvollen Tag erlebt hat: «Mein Lehrling und ich hatten gerade die Morgenpause beendet als er die Kabinentür öffnete, um nach der frisch lackierten Stossstange zu schauen. Da schlug ihm dicker schwarzer Qualm entgegen.» Der 21-jährige Lehrling, der seine Ausbildung gerade erst begonnen hatte, habe nur noch gerufen: «Die Bude brennt!»

Rasch hätten sie noch ein Auto, das im Gang stand, gerettet, doch die anderen drei mussten sie stehenlassen. Danach rannten sie hinaus und riefen Polizei und Feuerwehr. Als erstes wies Schnüriger darauf hin, dass sich ganz in der Nähe eine Tankstelle befinde: «Weil die Kabine mit einem Gasbrenner ausgestattet war, hatte ich riesige Angst, dass etwas explodiert und dabei auch die Tankstelle in die Luft geht.»

Die Feuerwehr sei mit einem Grossaufgebot aufgefahren, «mit sieben oder acht Fahrzeugen», so genau wisse er das nicht mehr. Er und der Lehrling warteten aber nicht auf deren Ankunft, sondern rannten zur Bruggerstrasse hinauf und «krähten den Menschen in den dortigen Dienstleistungsbetrieben zu, dass es brennt». Dank dem schnellen Eintreffen der Feuerwehr konnte das Schlimmste verhindert werden, innerhalb einer Viertelstunde sei der Brand gelöscht gewesen.

Die Bilder vom Brand:

Doch nun stand Schnüriger vor einem «Trümmerhaufen aus Asche», wie er es nennt. «Die ganze Lebensfreude fällt in einem zusammen, wenn man so etwas erlebt. Mehr als 30 Jahre Arbeit sind einfach dahin, ausgelöscht, nichts ist mehr da. Alle Akten sind weg. Auch viele alte Erinnerungen, Fotos, die ich hier in der Carrosserie aufgehängt hatte, sind verbrannt.»

Er habe mit der Polizei am Nachmittag noch einmal hineingehen müssen, obwohl sich alles in ihm dagegen sträubte, er wollte nichts sehen, nichts hören. Ein kleiner Trost war der Bescheid einige Tage später, dass ihn keine Schuld treffe. Der Mediensprecher der Kantonspolizei Aargau, Roland Pfister, bestätigt das: «Nach bisherigem Ermittlungsstand ist von technischem und nicht von menschlichem Versagen auszugehen.»

Schnüriger bekräftigt, dass er den Service für die Lackierkabine regelmässig gemacht habe. Ob wegen des Brandes noch Kosten auf ihn zukommen werden, das weiss er nicht. Darüber will er sich auch gar nicht den Kopf zerbrechen – zu viele Emotionen haben ihn in den letzten Wochen durchgeschüttelt. Vor allem der Tag danach sei schlimm gewesen: «Da realisiert man langsam, was gerade passiert ist.»

Brand in Spritzwerk in Baden: „Wir dachten, jetzt explodiert die Tankstelle“

Brand in Spritzwerk in Baden: „Wir dachten, jetzt explodiert die Tankstelle“ (11. August 2020)

   

Facebook-Aufruf führte zu unkomplizierter Lösung

Schnell kam die Frage nach seiner unmittelbaren Zukunft auf: «Erst wollte ich alles wieder aufbauen und in dieser Zeit woanders arbeiten.» Seine Tochter schlug ihm vor, auf Facebook einen Aufruf zu starten – um für einige Monate eine Übergangslösung zu finden. Der Post wurde 331 Mal geteilt und weckte die Aufmerksamkeit der Carrosserie Neuenhof AG. «Man bot mir eine Festanstellung an. Mir wurde klar, dass es keinen Sinn macht, mit 60 alles neu aufzubauen», so Schnüriger. Er habe nun sozusagen aufs Ende seines Arbeitslebens hin die Sicherheit einer Festanstellung.

Und es sei sogar noch besser gekommen: «Als ich erwähnte, dass ich noch eine Lösung für meinen Lehrling suche, haben sie ihn auch gleich angestellt. Es ist wirklich grossartig, dass es so tolle Menschen und Arbeitgeber gibt», schwärmt er. Beide konnten diese Woche mit der Arbeit in Neuenhof beginnen.

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