Baden
Sein Lebenswerk: Rolf Gersbach holte die Kultur in die Beizen – ein Nachruf

Zum Gedenken: Rolf Gersbach (1947-2021) schrieb von 1982 bis 2006 mit dem «Inox» und der «Promenade» Badener Musik-Geschichte.

Roman Huber
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Rolf Gersbach: Die Nachricht seines Todes kam für alle überraschend. Hier mit Heidi Schönenberger.

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Tabea Baumgartner

«40 Jahre Kulturveranstaltungen und Beizen sind genug», so titelte er das Buch, das 2014 erschien. Mit über 4000 Veranstaltungen, Livemusik, Kabarett, Lesungen, Open Airs und Küche wird darin sein Wirken illustriert. Was Rolf Gersbach erschaffen und erkämpft hatte, ist beispiellos in der Schweizer Kultur-Beizen-Szene.

Gersbachs Wirken führt zurück nach Biel, wo der gelernte Uhrmacher 1966 beschloss, auf Beizen-Kultur zu setzen. 1974 zog er ins sankt-gallische Wil und realisiert den Traum einer Musikbeiz im «Freischütz». 1978 erlangte er das Wirtepatent. Der «Freischütz» wurde zum Inbegriff von Jazz und Blues. Internationale Grössen wie Champion Jack Dupree traten auf. Wil wurde als Jazz-Hochburg der Ostschweiz gefeiert.

1982 zog es Gersbach nach Zürich ans «Limmatquai 82», ein Jahr später limmatabwärts nach Baden in die «Promenade». Dort fand er, was er suchte: eine Keller-Bar als Musik-Club, ein Restaurant mit Gartenbeiz am Fluss. Aus der Drögeler- wurde eine Kultur-Beiz, wo die «Pouletflügeli im Körbli» zum Schlagerartikel wurden, verbunden mit der Gemütlichkeit und Gastfreundlichkeit von Wirt Gersbach, die jeder zu spüren bekam. Donnerstags wurde Jazz, Funk oder Blues serviert, nicht selten von renommierten Namen, oder Lesungen, so auch mit Peter Bichsel.

Gastspiel im Inox: Pflicht für nationale Musikgrössen

Die «Baita»-Bar im Keller wurde zum «Inox», wo an ein Anrosten bei Rock- und Jazz-Rhythmen nicht zu denken war. Das erste Musik-Club-Lokal dieser Art war geboren. Für regionale und nationale Musikgrössen bedeutete ein Gastspiel im «Inox» gleichsam Pflicht und Kür. Badener Formationen schafften dort den Sprung ins Musikbusiness.

Bei begrenztem Zuschauerraum brauchte es das Verhandlungsgeschick von Gersbach, um über Agenturen oder direkte Beziehungen Musikgrössen bezahlen zu können, ohne teure Eintritte verlangen zu müssen. Viele Musiker schraubten für die unverwechselbare Atmosphäre ihre Gagenforderungen zurück.

Tausende von Gästen erinnern sich an glückselige Momente an unvergesslichen Konzerten mit Barbara Dennerlein, Billy Cobham, Angela Brown, Häns’che Weiss oder Brian Auger, Toni Vescoli, Philipp Fankhauser, Vera Kaa, oder regionalen Formationen wie Tonic Strings, Steve Withney, Claudia Piani Band, Better World, Hendrix, Philippe Kuhn, Jeff Siegrist, Peter Finc und viele andere.

Nebst dem riesigen Engagement für bis zu vier Konzerte pro Woche und für die Realisierung neuer Ideen focht Rolf Gersbach weitere Kämpfe aus: Reklamationen über Nachtlärm meist anderen Ursprungs und mühsam erkämpfte Bewilligungen für längere Öffnungszeiten. Umbaupläne für die Liegenschaft stellten die Zukunft des Lokals in Frage, neue Projekte nagten an seiner Substanz, ebenso Finanzprobleme des Kulturbetriebs, dem eine breite Unterstützung fehlte.

Ein Ende, wie es ihm niemand gewünscht hätte

Kulturkämpfer formierten den «Verein pro Inox». Freunde halfen in der Beiz aus. Die Ehrung mit dem «Dutti-Orden» der Stadt Baden bedeuteten für den damals 60 gewordenen Rolf Gersbach im März 2006 einen letzten Höhepunkt. Im selben Jahr fiel er gesundheitlich aus, heute würde man es Burn-out nennen. 2007 folgte der Konkurs. Es war ein Ende, wie es ihm niemand gewünscht hätte.

Rolf Gersbach zog sich zurück, fand sich wieder und reparierte Uhrwerke, mehr als Hobby, denn als Beruf. Mit seinem Schicksal haderte er nicht. Im Zürcher Konzertlokal «Moods» traf man ihn noch etwa an, als Kassier oder Gast. Konzerte und Reisen mit seiner Partnerin Jeanette füllten sein Leben aus. Dass sich der Krebs eingeschlichen hatte, liess er seine Freunde nicht wissen. Umso überraschender kam für alle die Todesnachricht. Mit sich und der Welt zufrieden, begleitet von Jeannette, verabschiedete er sich. Den Gruss an die Nachwelt, nach dem Zitat von Victor Hugo, liest man handschriftlich in seinem Buch: «Musik ist das, was mit Worten nicht gesagt werden kann, aber worüber zu schweigen unmöglich ist.»

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