Die aussergewöhnlich aufrechte Haltung sticht sofort ins Auge. Wie das Medizinbuch es vorschreibt, schlendert Sandro Galli mit gerader Wirbelsäule über den Rasen der Sportanlage Aue in Baden. Er trägt körperbetonende graue Sportkleidung. Dabei wirkt der gebürtige Gebenstorfer schlank, beinahe schmächtig. Nur die rote Aufschrift verrät: Galli ist «Personal Trainer». 2014 hat er die «Priosan GmbH» gegründet.

«Als Personal Trainer braucht man die Muskeln nicht nur an den Beinen und Armen, sondern eben auch zwischen den Ohren», sagt Galli und schmunzelt. Vorurteile seinem Beruf gegenüber ist sich der ausgebildete Sporttherapeut gewohnt. «Ich schreie meine Kunden auch nicht wie ein Feldweibel an», fügt Galli mit einem Augenzwinkern an. So spricht der 31-Jährige stets mit ruhiger Stimme.

Bodykult ist nichts Gutes

Vom 70-jährigen Herzpatienten bis zum Spitzensportler trainiert Galli alles. «Nur Kunden mit rein ästhetischen Motiven sind weniger meine Zielgruppe», so Galli. Vom Bodykult hält der Personal Trainer nicht viel. Er würde auch keine normalgewichtige Person für Gewichtsverlust trainieren. Im Zentrum stehe für ihn stets die Gesundheit, so sei nicht die Hantel sein Hauptwerkzeug, sondern medizinisches Equipment, wie der Pulsmesser. Was aber heisst gesund? «Das muss man von Fall zu Fall natürlich differenziert betrachten.» Jeder Kunde müsse individuell trainiert werden. Deshalb findet man Galli selten in einem Fitnessstudio vor. Mit den meisten Menschen trainiert er draussen oder bei ihnen zu Hause.

Personaltrainer Sandro Galli erklärt, warum er die Muskeln nicht nur an den Beinen und Armen braucht

Personaltrainer Sandro Galli erklärt, warum er die Muskeln nicht nur an den Beinen und Armen braucht

Sein Interesse an Bewegung kann Galli in seiner Kindheit verorten: Schon als kleiner Junge habe er sich gerne bewegt und das, obwohl viele seiner Verwandten übergewichtig waren. Doch da seine Eltern in der Gastronomie arbeiteten, wurde ihm gesundes Essen in die Wiege gelegt. Als in seiner Familie chronische Rückenleiden auftraten, begann Galli sich für den menschlichen Körper zu interessieren. Nach dem Militärdienst habe er sich dann zwischen dem Studium für Sportwissenschaften und Medizin entscheiden müssen: Er hatte beide Aufnahmeprüfungen bestanden. Galli entschied sich für Sportwissenschaften an der Universität Basel. «Ich wusste einfach, Sport werde ich lebenslang machen und lieben.» Nach seinem Bachelor zog es ihn über die Grenze nach Leipzig, dort absolvierte er die Ausbildung zum Sporttherapeuten mit dem Schwerpunkt auf Herz- und Lungenrehabilitation. «Meine Idee war es da schon, mich einmal selbstständig zu machen», sagt Galli.

Er hat keine Lieblingskunden

Erste Berufserfahrungen konnte er dann in der Universitätsklinik Balgrist «movemed» in Zürich machen. Noch heute arbeitet er zwei Tage in der Woche dort. «Ich profitiere stark vom fachlichen Austausch.» Ein weiterer Grund ist, dass seine Firma noch nicht genug abwirft und das, obwohl ein Training beim Profi 200 Franken pro Stunde kostet. Er habe eben auch nie Unterstützung von fremden Geldgebern gewollt. «Von Anfang an habe ich alles selber finanziert.» Genauso selbstständig führt Galli seine Firma: Er trainiert alle Kunden persönlich und erledigt nebenbei auch die administrativen Arbeiten. Sollte er zu viele Anfragen bekommen, helfen zwei Personaltrainer aus. Angestellte hat er bislang keine. Deshalb nehme er immer nur acht bis zehn Kunden gleichzeitig. «Mehr wäre dann doch zu viel.» Denn ihm sei wichtig, sich auf jede Person, die er trainiert, einlassen zu können.

Die Frage ob er Lieblingskunden hat, verneint Galli. «Ich bin in der luxuriösen Lage, dass ich Nein sagen kann.» Das habe er aber bisher noch nie machen müssen. Grundsätzlich sei jeder Kunde auf seine Weise eine neue Herausforderung. Am häufigsten kämen Menschen mit Übergewicht zu ihm. Aber auch Geschäftsleute, denen es bloss an Bewegung fehle. «Manche Menschen brauchen einfach jemanden, der sie anspornt.» Zwar schreie er niemanden an, doch er nehme auch kein Blatt vor den Mund, wenn jemand immer den Lift benutze. Wieso aber kommen auch Spitzensportler zu ihm? Galli: «Selbst im Spitzensport kann man einiges falsch machen.» Aus Tradition heraus würde oft jahrelang falsch trainiert. In solchen Fällen müsse er zum Umdenken anregen.