Im Jahr 1918 liess Max Humbel den Kamin neben seinem Bauernbetrieb erstellen. Sein Plan: mit einer Brennerei und einem leistungsstarken Dampfkessel sein Einkommen aufzubessern. Das ist ihm gelungen. 100 Jahre, nachdem Max Humbel den Grundstein gelegt hat, wird die Erfolgsgeschichte der Brennerei in dritter Generation weitergeführt. Am Samstag, 16. Juni, lädt das Familienunternehmen die Bevölkerung zu einem grossen Geburtstagsfest ein.

Einblick in die Produktionsstätte der Brennerei Humbel in Stetten

Einblick in die Produktionsstätte der Brennerei Humbel in Stetten

«100 Jahre ist eine lange Zeit. Darauf bin ich schon ein bisschen stolz», sagt Lorenz Humbel und schmunzelt. Er ist der Enkel von Max Humbel und führt seit 1991 die Brennerei. «Es ist ein schönes Gefühl, dass sich das Lebenswerk meines Grossvaters so lange gehalten hat.»

Während früher das Augenmerk auf einigen wenigen Obstbrandprodukten lag, wuchs das Sortiment in all den Jahren auf rund 50 Qualitäten an. «Pro Jahr brennen wir rund 600 Tonnen Früchte. Der Grossteil davon stammt aus dem Baselbiet und dem Fricktal», sagt Humbel, der sich 1992 in Berlin zum Brennermeister ausbilden liess. Neben Obstbrand bietet die Brennerei heute auch Spirituosen wie Grappa, Williams, Gin, Cognac oder Rum an. «Das ist insofern wichtig, weil wir damit Ertragseinbussen auffangen und unseren Betrieb aufrechterhalten können», sagt Humbel und führt als Beispiel die Kirschen-Ernte an. 2014 sei man aufgrund des optimalen Wetters vor der dreifachen Menge der benötigten Kirschen gestanden, im letzten Jahr wegen des Frosts nicht einmal vor der Hälfte. «Dass wir Ernteerträge nie genau vorhersehen können, ist das Fatalistische an meinem Job», sagt der zweifache Familienvater.

«Jetzt stand ich unter Druck»

Lorenz Humbel, 1965 in Stetten geboren, wurde das Talent zum Brennen in die Wiege gelegt. Als Kind half er in den Ferien oft seinem Vater Maximilian, der die Firma von 1964 bis 1991 führte. «Ich war zwar fasziniert von der Arbeit. Doch dass ich einmal das Unternehmens leiten würde, war nicht unbedingt mein Plan», sagt Humbel. Bis zu diesem Anruf im Winter 1986/87. Humbel, damals 22-jährig, befand sich gerade in Italien, wo er Italienisch lernte und als Kellner arbeitete. «Meine Mutter teilte mir am Telefon mit, dass sie die Nachfolge gerne regeln möchte», erinnert er sich. Jetzt stand er unter Druck. «Da es in der Liebe nicht rund lief, und ich es schade gefunden hätte, wenn die Brennerei an eine externe Person verkauft worden wäre, sagte ich nach einer kurzen Bedenkzeit schliesslich zu.» Bereut hat er den Entscheid bis heute nicht.

Was ist es, das Lorenz Humbel am Brennen so fasziniert? «In all diesen Jahren gab es viele Veränderungen», sagt er. Die Konkurrenz wuchs, das Konsumverhalten wandelte sich. «Doch das Brennen blieb gleich. Noch immer sind Gefühl und ein guter Riecher nötig, um die ideale Zusammensetzung eines Obstbrandes zu erhalten.» Diese zwei Qualitäten sind auch der Grund dafür, weshalb sich der Familienbetrieb bis heute erfolgreich durchgesetzt hat.

Bund erhöhte Steuersätze

Nicht immer hat es aber einfache Zeiten gegeben. Humbel fügt als Beispiel die Phase zwischen den 1960er- bis Anfang der 1990er-Jahre an. Damals erhöhte der Bund die Steuersätze auf inländische Spirituosen fünf Mal, von 7 Franken pro Liter reinem Alkohol auf 26 Franken für Kernobstbrände. «Der Wandel stellte die Brennerei vor eine grosse Herausforderung», sagt Humbel. Eine weitere Hürde kam im Jahr 1997 auf den Familienbetrieb zu, als der Spirituosen-Markt liberalisiert und der Einheitssteuersatz eingeführt wurde.

Als Humbel das Geschäft 1991 übernahm, wusste er um die bevorstehende Liberalisierung. Also begann er, das Sortiment umzubauen und zu erweitern. Er setzte fortan auf sortenreinen Kirsch, Spezialitäten wie Quitte, Muscat bleu oder Löhrpflaume, auf Bio-Destillate sowie auf Export nach Deutschland. «Langsam kam Bewegung in die Branche. Es ging nicht mehr nur um die Höhe der Alkoholsteuer oder um die Preise für Brennfrüchte», sagt Humbel. Der Markt für Bio-Destillate wuchs rapide an, die Nachfrage nach Schweizer Gin und Whisky stieg, Obstbrand-Spezialitäten gerieten wieder in Mode.

«Die Branche befindet sich noch heute in einem stetigen Wandel», sagt Humbel. Man könne nie genau wissen, was als Nächstes kommt. «Als ich das Geschäft übernahm, waren die Menschen erstaunt, dass ich keine rote Schnapsnase habe. Heute wollen sie mehr darüber wissen, wenn sie erfahren, dass ich Brenner bin.» Seine Aufgabe sieht er nicht nur im Verkauf von Humbel-Produkten. «Ich will die alte Schnapskultur unter die Leute bringen, ihnen zeigen, dass sie reich an Tradition und Geschichte ist.»

Vierte Generation ist am Start

Einen Einblick werden Interessierte an der 100-Jahr-Jubiläumsfeier erhalten: Von 11 bis 1 Uhr lädt Humbel zur Tag der offenen Tür ein. Es gibt Ausstellungen zur Geschichte des Familienunternehmens und Rundgänge im Bio-Garten von Beat Humbel, Obstbauer und Cousin von Lorenz Humbel. Auch für Verpflegung und Unterhaltung ist gesorgt. Die Baumgartnerstrasse wird zur Flaniermeile, an Marktständen gibt es zu Essen und zu Trinken. Es werden verschiedene kulturelle Veranstaltungen geboten, etwa mit Bühnenauftritten von Adrian Stern und Supersiech. «Wir freuen uns sehr auf das grosse Jubiläumsfest», sagt Humbel. Vor Ort werden auch seine beiden Kinder Gloria und Luis sein, die beide im Betrieb arbeiten. «Die Voraussetzungen stehen gut, dass in Zukunft bald die vierte Generation die Geschäfte führt», sagt Lorenz Humbel und schmunzelt.

100-Jahr-Feier: Samstag, 16. Juni, 11 bis 1 Uhr, Baumgartenstrasse, Stetten.