Wettingen/Baden
Seit 140 Jahren bietet das Klösterli Kindern aus zerrütteten Familien eine Heimat

Mitte August feiert das Kinderheim Klösterli sein 50-Jahr-Jubiläum seit dem Umzug nach Wettingen. Die Geschichte beginnt jedoch bereits viel früher.

Luca Belci
Merken
Drucken
Teilen
Klösterli Wettingen
5 Bilder
Heute steht das Klösterli in Wettingen und besteht aus vier Gruppenhäusern. Luca Belci
Im Klösterli wurde Disziplin und Handarbeit gelehrt
Aber auch Spass gehörte zum Alltag
Bis in die Neunzigerjahre gab es in Wettingen eine Kleinkinderabteilung

Klösterli Wettingen

1867 wurde das Kapuzinerinnenkloster an der Mellingerstrasse 19 in Baden geschlossen, dort wo heute die Stadtbibliothek steht.

Danach stellte Anton Rohn-Falk Geld für die Gründung eines Waisenhauses in Aussicht. Er gab es seinen beiden Söhnen und dem Schwiegersohn Josef Borsinger-Rohn, Inhaber des Verenahofs.

Zu dieser Zeit stand das aufgehobene Kloster «Mariae Krönung» zum Verkauf. Josef Borsinger-Rohn ersteigerte die Kirche, das Klostergebäude und ungefähr 3,6 Hektaren Land für 37 150 Franken.

«Ehemalige suchen oft Kontakt zu uns»

Herr van Riemsdijk, Sie bieten seit vielen Jahren Kindern und Jugendlichen aus zerrütteten Familien ein Dach. Was macht Ihren Beruf besonders?

Sander van Riemsdijk: Ich schätze den intensiven Kontakt, den ich als Heimleiter mit den Kindern habe. Mich mit den Problemen und Sorgen von Kindern und Jugendlichen und deren familiärem Umfeld zu beschäftigen, ist eine dankbare Herausforderung.

Für viele Kinder stellen Sie gewiss ein «Ersatzvater» dar. Wie gehen Sie mit dieser grossen Verantwortung um?

Das Klösterli ist mehr eine Ergänzung als ein Ersatz. Die Verantwortung trage ich sehr gerne, bin jedoch auf die tatkräftige Unterstützung meines Teams angewiesen. Das Kinderheim ist seit vielen Jahren voll besetzt. Das ist eine Anerkennung für die gute Arbeit.

Wie ist das Verhältnis zwischen ihnen und den Bewohnern des Klösterli?

Die Kinder und Jugendlichen fühlen sich bei uns auf dem Emperthügel sehr wohl. Es ist bereits mehrmals vorgekommen, dass mich externe Jugendliche bei privaten Problemen aufsuchten und sich nach einem freien Platz erkundigten. Sie mussten wohl von Freunden, die im Klösterli wohnen, ein positives Bild von uns erhalten haben.

Was für ein Verhältnis pflegen Sie zu den Jugendlichen, nachdem sie das Heim verlassen haben?

Wir veranstalten alle zwei Jahre ein grosses Sommerfest auf dem Gelände des Kinderheims. Das ist ein beliebter Treffpunkt für die ehemaligen Heimkinder. Es freut mich, dass die früheren Heimkinder immer wieder den Kontakt zu uns suchen und gemeinsame Besuche bei den Heimgruppen organisieren. Ich brauche jeweils einen kurzen Moment, um sie wieder zu erkennen (lacht). Die ehemaligen Heimkinder kommen uns besonders dann oft besuchen, wenn sie selber Kinder haben und diesen zeigen möchten, wo sie aufgewachsen sind.

Heim für französische Flüchtlinge

Als erste gute Tat nahm er 1871 französische Flüchtlingskinder während des Deutsch-Französischen Krieges auf. Nach einigen Monaten kehrten sie in ihre Heimat zurück.

Gemeinsam mit 13 Kindern aus der Region eröffneten die alteingesessenen Badener Familien Rohn und Borsinger 1872 eine Armenerziehungsanstalt im Sinne der ursprünglichen Absicht Anton Rohn-Falks.

Zwei Jahre später vertrauten sie die Leitung des Kinderheims den Schwestern vom Heiligen Kreuz aus Menzingen und somit den ehemaligen Bewohnerinnen des Klosters an. Die Bindung sollte sehr lange anhalten, schliesslich gaben sich die Schwestern in den «christlichen Dienst am Nächsten», wie der Badener Historiker Kurt Münzel festhielt.

Als 1886 ein Brand den westlichen und südlichen Flügel des alten Klostergebäudes zerstörte, kümmerte sich Borsinger-Rohn um den Wiederaufbau. Zunächst brachte er die Kinder und Schwestern in seinem Hotel Verenahof, später, bis im Herbst 1887, im Waisenhaus Menzingen unter.

1896 wandelte Josef Borsinger-Rohn sein bisheriges Privateigentum in die Stiftung Rohn und Borsinger um, die bis heute das Heim führt. In den folgenden Jahrzehnten verzeichnete das Kinderheim einen stetigen Zuwachs an Kindern.

Die lange Reise auf die Lägern

In den 1950er-Jahren beklagten die Schwestern den zunehmenden Verkehr auf der Mellingerstrasse und den Lärm durch die 1957 begonnene Sanierung des Verkehrsknotens am Schulhausplatz. «Des Nachts hört man das Sprengen im Tunnel», verlautet das Chronikbuch der Schwestern. Dies nimmt Bezug auf den Ausbau des Schlossbergtunnels.

Lange wehrte sich der Stiftungsrat gegen einen Standortwechsel, er fürchtete den Verlust der Tradition. Die Schwestern hingegen sorgten sich um das Wohl der Kinder. Doch 1958 waren die Wogen geglättet. Die Badener Gemeindeversammlung beschloss am 26. Juni mit grosser Mehrheit den Kauf des Klösterliareals, am gleichen Abend noch hiessen die Wettinger den Verkauf des Empertgeländes gut. Der Verkauf des ehemaligen Klosters an die Stadt brachte 2,1 Millionen Franken ein und war wichtig, um den Neubau finanzieren zu können. Ab 1960 entstand in Wettingen ein für seine Zeit pionierhaftes Kinderheim, das von den grossen und imposanten Bauten früherer Zeiten abwich und stattdessen aus kleinen Gruppenhäusern bestand.

Am 5. März 1964 bezogen die ersten Menzinger Schwestern das Kinderheim in Wettingen. Fortan beherbergte es bis in die 1970er-Jahre ständig 50 bis 60 Kinder vom Säugling bis zum Alter von 16 Jahren. Ihre Obhut lag bei ungefähr zehn Menzinger Schwestern.

Die weltliche Ära beginnt

1986 trat eine neue kantonale Heimverordnung in Kraft. Durch sie wurden nur noch Kinder ab fünf Jahren unterstützt. Zudem sah die Verordnung vor, dass mehr diplomiertes Personal im Verhältnis zur Kinderzahl eingesetzt werden musste. Die Menzinger Schwestern, die ohnehin bereits Nachwuchsprobleme in den eigenen Reihen hatten, sahen sich nun gezwungen, sich ganz aus dem Kinderheim Klösterli Mariae Krönung zurückzuziehen.

Deshalb nahm im August 1990 der erste weltliche Heimleiter Martin Hess die Arbeit auf. Während zweier Jahren noch von einigen Schwestern vom Heiligen Kreuz unterstützt, war seither ausschliesslich weltliches und ausgebildetes Personal im Klösterli tätig.

Gleichzeitig musste die Kleinkinderabteilung geschlossen werden, da aufgrund der neuen Heimverordnung die kantonalen Subventionen fehlten. Bereits nach drei Jahren, 1993, stand das Kinderheim Klösterli vor der nächsten Herausforderung. Mit dem unerwarteten Tod Martin Hess’ musste ein neuer Heimleiter her. Im Oktober trat diese Stelle Sander van Riemsdijk an. Er hat das Amt bis heute inne (siehe Kurzinterview).

Aktuell beherbergt das Kinderheim 32 Kinder. Die Zahl ist seit den 1970er-Jahren um die Hälfte gesunken, da die grosse Kleinkinderabteilung geschlossen wurde. Zudem wohnen heute nur acht Kinder in den einzelnen Gruppenhäusern. Früher waren dort jeweils zehn untergebracht.

Seit 50 Jahren in Wettingen

Seine bewegte Geschichte feiert das Kinderheim Klösterli am Freitag, dem 22. August diesen Jahres, mit der Vernissage des Buches «50 Jahre Klösterli in Wettingen» mit vielen ehemaligen Kindern des Klösterli, Mitarbeitenden und geladenen Gästen. Am Samstag, dem 23. August, findet anschliessend das grosse Sommerfest mit kombiniertem Tag der offenen Tür statt.

Jugendliche werden neu bis zur Selbstständigkeit begleitet

Das Kinderheim Klösterli erweitert sein Angebot und richtet eine neue Wohnung für Jugendliche ein.

Vor drei Jahren eröffnete das Kinderheim Klösterli seine Aussenwohngruppe (AWG) im Dorfkern von Würenlos. Seither leben vier junge Frauen und zwei junge Männer im Alter von 17 bis 19 Jahren gemeinsam in den zwei Wohnungen; willkommen seien bereits Jugendliche ab der Oberstufe. Sie werden rund um die Uhr durch einen Sozialpädagogen betreut.
Am kommenden 1. Juli startet das Kinderheim ein neues Projekt, bei dem drei junge Männer zwischen 18 und 19 Jahren - alle leben schon seit mehreren Jahren im Klösterli - das Heim verlassen: das «Begleitete Wohnen» (Bewo). Sie werden während maximal zwei Jahren in einer Wohnung an der Jakobstrasse in Wettingen leben, jedoch wesentlich selbstständiger als in der Aussenwohngruppe. Das neue Konzept sieht nur eine Teilbetreuung vor: «Wir werden die Jugendlichen wöchentlich zwei bis drei Mal besuchen und ihnen bei der Führung des Haushalts und der Gestaltung der beruflichen Zukunft zur Seite stehen», sagt Jürg Lächler, Leiter der AWG und neu auch des Bewo. «Wir betreiben nur noch punktuelles Coaching.»
Letzter Stopp vor Selbstständigkeit
Ziel des begleiteten Wohnens sei es, die Jugendlichen auf ein selbstständiges Leben vorzubereiten. «Das Zusammenleben in der Wohnung verlangt ihnen viel ab: Die selbstständige Haushaltsführung sowie Kommunikation mit dem Lehrbetrieb und der Schule gehören dazu», erklärt Lächler. Weiter sollen die Jugendlichen sozial kompetent sein, ihre Freizeit sinnvoll gestalten und ohne die Hilfe der Sozialpädagogen ihre Finanzen verwalten können.
Weshalb kommen die Jugendlichen in die begleitete Wohnung? Lächler erklärt: «Wenn die Möglichkeit besteht, bemühen wir uns, die Kinder bereits vor Abschluss der Schulzeit wieder in ihre Familien einzugliedern.» Wenn dies nicht möglich ist, forciert das Klösterli einen Wechsel in die Aussenwohngruppe und später in die begleitete Wohnung. Die Entlassung aus dem Kinderheim Klösterli erfolgt spätestens nach Abschluss der Erstausbildung.

Das Klösterli in Zahlen
Das Kinderheim Klösterli bietet auf dem Wettinger Emperthügel Platz für 32 Kinder. Weiter sind sechs Jugendliche in Würenlos in der Aussenwohngruppe (AWG) und neu ab dem 1. Juli drei in Wettingen in der begleiteten Wohnung (Bewo) untergebracht. Das Institut zählt aktuell 34 Mitarbeiter. Es erzielte im Jahr 2012 einen Gewinn von 14 204 Franken bei einem Aufwand von 3 751 000 Franken. Das Klösterli gehört zur «Stiftung Rohn und Borsinger».