Baden/Hausen

Seit 50 Jahren schneidet er in der Bäderstadt Haare – und noch immer kommen Kunden aus der Anfangzeit

Coiffeur Tomo Blazevic in seinem Salon «N&T» in Baden: Gerade hat er eine Pause.

Coiffeur Tomo Blazevic in seinem Salon «N&T» in Baden: Gerade hat er eine Pause.

Der 72-jährige Badener Coiffeur Tomo Blazevic feiert am Dienstag sein Arbeitsjubiläum. Er würde alles noch einmal so machen, wie er es getan hat.

Inmitten der Badener Innenstadt auf dem Cordulaplatz führt Tomo Blazevic seit 50 Jahren seinen kleinen, gemütlichen Salon N&T Coiffure. Das «N» steht für seine Tochter Natascha, die einst auch dort gearbeitet hat.

Gerade ist der Coiffeur mit einem Kunden beschäftigt. Dass er seit sieben Jahren offiziell seine Rente bezieht, merkt man dem 72-Jährigen aus Hausen nicht an: Seine humorvolle Art und der lockere, freundschaftliche Umgang mit dem zufriedenen Kunden lassen ihn um einiges jünger wirken. Aufhören kommt für ihn noch nicht in Frage.

Allerdings war es nicht Blazevics Kindheitstraum, Coiffeur zu werden: Eigentlich interessierte sich der gebürtige Bosnier ursprünglich für den Maschinenbau. Doch eine Lehrstelle zu finden, sei in seiner Heimat damals schwer gewesen.

Daher hat Blazevic die dreijährige Ausbildung in Zagreb, die ihm bei einem eigenen Coiffeurbesuch spontan angeboten wurde, ohne zu zögern angenommen – und hat dies bis heute nie bereut: «Ich würde es noch einmal genauso machen.»

Dass er später, nach drei Jahren Arbeit und Militär, in der Schweiz leben und arbeiten konnte, hat er einem glücklichen Zufall zu verdanken: Ein alter Freund, der bereits länger als Coiffeur in Baden arbeitete, wechselte nach Zürich, wodurch sein Arbeitsplatz frei wurde.

So kam es, dass Blazevic ab Januar 1970 beim Coiffeur Vettori Brisgi im Kappelerhof, in der damaligen BBC-Siedlung, arbeitete. Ab Juni 1973 war er dann für weitere siebeneinhalb Jahre bei Salvatore de Simone in der damaligen Motor Columbus beschäftigt.

«Ich habe immer genommen, was ich bekommen habe», sagt Blazevic. Insbesondere der Deutschunterricht von der vierten Klasse bis zum Ausbildungsende habe ermöglicht, dass er in der Schweiz sofort als Coiffeur anfangen konnte.

Er habe sofort gewusst, dass er sich selbstständig machen wolle. Dafür braucht man in der Schweiz aber eine Niederlassungsbewilligung von zehn Jahren. Blazevic schaffte es, bereits während dieser zehn Jahre Anstellung genug Kundschaft aufzubauen, um mit seinem eigenen, 1980 eröffneten Salon am Cordulaplatz, erfolgreich zu werden.

Auch viele seiner Mannschaftskollegen in den drei verschiedenen Fussballvereinen, bei denen er von 1970 bis Anfang der 90er-Jahre spielte, wurden zu treuen Kunden. Sein Salon hat bis heute keine Homepage mit Werbung oder einer E-Mail-Adresse

Daher kämen zusätzlich zu seinen Stammkunden nur Passanten vorbei, aber das reiche ihm völlig: Das Geschäft sei immer gut gelaufen. «Erst jetzt bekomme ich etwas weniger Aufträge, aber ich muss auch nicht mehr so viel verdienen – meine zwei Töchter sind ja längst aus dem Haus», sagt er mit einem Lachen.

Die Kunden sind für ihn zur Familie geworden

Der Grund, warum Blazevic nun nach und nach Kunden verliert, ist nicht etwa, dass sie nicht mehr zufrieden mit ihm wären, sondern, dass einige von ihnen bereits gestorben sind. Diese Menschen zu verlieren, deren Coiffeur er schon seit Jahrzehnten war – was für alle seine Kunden gilt – bedeutet für ihn auch, gute Freunde zu verlieren.

Seine Kundschaft ist für ihn über die vielen Jahre zu einer Art Familie geworden. Gute Kommunikation und der persönliche Kontakt zu den Kunden sind ihm sehr wichtig. «Es gibt immer wieder gegenseitigen Meinungsaustausch und Rat, man vertraut sich vollkommen», so Blazevic.

Kunde Bernd Runge bekam schon an Blazevics erstem Arbeitsort von ihm die Haare geschnitten und zählt sich daher zu dessen «lebenslangen Verfolgern». Was er an ihm schätzt: «Tomo ist freundlich, zuvorkommend und schneidet mir seit eh und je die Haare, wie ich es gerne hätte.» «Und billig!», fügt Blazevic lachend hinzu.

Genau heute vor 50 Jahren hat Blazevic angefangen, in Baden zu arbeiten. Eine grosse 50-Jahr-Jubiläumsfeier (sowie 40 Jahre Selbstständigkeit) ist jedoch erst für den Sommer geplant, wo er einen öffentlichen Apéro und Grillabend auf dem Cordulaplatz oder an der Aue in Baden machen möchte. Heute wird nur im kleinen Kreis mit Kunden und Nachbarn gefeiert.

Während Blazevics 50-jähriger Coiffeurlaufbahn hat sich in Baden vieles verändert. Der Wandel, den das Stadtbild gemacht hat, wird einem auf einer 50 Jahre alten Luftaufnahme von Baden bewusst: Dort, wo sich heute die stark befahrene Kreuzung am Schulhausplatz befindet, war damals ein grosser Platz, auf dem kaum ein Auto zu sehen war.

Dafür ging damals der Verkehr durch die Weite Gasse, durch die heute nicht einmal mehr Busse fahren. Diese Veränderung sowie der enorme Mitarbeiterrückgang der ABB hätten laut Blazevic auch Auswirkungen auf die Geschäfte gehabt: «Das spüren wir in Baden gewaltig.» Früher habe man kaum durch die Badstrasse laufen können, heute treffe man fast niemanden mehr.

Gesund leben und viel Bewegung

Blazevic will noch so lange es geht weiterarbeiten. Es macht ihm nichts aus, bereits viel länger gearbeitet zu haben, als er müsste. «Die Arbeit und der Kontakt zu den Menschen machen mir viel Freude. Hier etwas tun ist besser, als zu Hause zu sitzen», sagt Blazevic.

Er war schon immer ein sehr aktiver Mensch, was ihn auch jung gehalten hat: Seit seiner Kindheit und auch mit 72 Jahren noch ist er auf der Skipiste unterwegs. Auch Velofahren ist bis heute sein Hobby und ganz nebenbei besitzt er noch eine Jagdbewilligung. «Das mache ich aber nur ab und zu, als Ferienzeitvertreib.»

Zu seinem Lebensmotto sagt er mit einem Schmunzeln: «Gesund leben und viel Bewegung, aber auch mal geniessen». Dies aber ganz gemässigt, bei einem Glas Wein oder seinem in Kroatien selbstgebrannten Schnaps Goranka. Wie lange man ihn noch in seinem Salon besuchen kann, wird sich zeigen. Eins ist allerdings sicher: Tomo Blazevic ist ein Unikum als Coiffeur und als Mensch.

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